Ausgabe 
29.10.1899
 
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Ö24

LUS denen die Liebe blitzte, uud sie wußten beide nicht, wie's kam, daß ihre Lippen aufeinanderlagen; sie lag mit einemmal atmend, die Lippen halb geöffnet, in seinem Arm, und ihre kleine, feine Hand lag um seinen Nacken. Oben ging der Wind leise rauschend durch die Kronen der Buchen, und die Farnkräuter am Fels nickten wie im Traum. Draußen ging die Welt ihren Gang. Sie merkten's nicht und wußten's nicht. Seine Jugend war ihm blühend, blendend wiedergekommen.

Fernhin wieherte ein Pferd.

Hedwig fuhr zusammenZu Ende!" sagte sie mit leisem Ton.Was jetzt noch vor mir liegt vom Leben, ist nichts als Elend, und mag's noch so glänzend sein, wenn Du fortgegangen bist. Glaube doch nur nicht, daß meine Eltern mich Dir geben," fuhr sie bitter fort.Wie ich's tragen soll und ob ich's tragen kann, das weiß ich nicht! Aber wenn ich auch elend werden soll ich bin doch eine Stunde lang glücklich gewesen, das mag mir genügen. Küsse mich noch einmal und sei stark. Und denk' nicht an mich, Du geliebter Mann!"

Sie war blaß, wie sie so an den Baum gelehnt stand, die Hände im Schoß gerungen.

Aber ich kann Dich nicht lassen!" sagte er besinnungs­los, und hatte den Arm um ihre Taille gelegt.

Sie sah ihn an und sagte kein Wort und wandte sich. Er folgte ihr. Es war ein heißer Blick. Am Ende der Schlucht gab sie ihm noch einmal die Hand mit starkem Druck. Dann hob er sie in den Sattel. Dahin vorbei! Schweigend ließen sie die Pferde traben.

Der Abschied war herzlich gewesen. Hedwig hatte Thränen in den Augen gehabt und sie nicht verborgen. Nun waren Monate vergangen. Ein paarmal hatte Hedwig ihm ge­schrieben, prächtige Briefe. Er rang und kämpfte, und sie auch.

Er saß in seinem Zimmer auf der Regierung. Draußen fegten die Herbststürme durch's Land. Da trat der Kanzlei- diener ein und meldete eine Dame. Er blickte auf; die Thür schloß sich hinter Hedwig! Der Atem stockte ihm. Sie reichte ihm die Hand hin, blaß und schön; dunkle Ränder lagen um die Augen.Ich habe mich hergestohlen, von der Tante weg. Sag mir schnell, ich bitte Dich: Der Graf Hartmann hat um mich angehalten; willst Du mich haben, dann schleppen mich keine vier Pferde zur Kirche. Dann kämpf' um mich, oder ich lauf' aus meiner Eltern Haus, wenn's fein soll. Du weißt, ich will leben, und ich liebe Dich!" Draußen wetterte es gegen die Scheiben. Aerger stürmte es auf in seinem Herzen. Ein furchtbares Ringen. Hier das blendende Glück da das matte Ent­sagen. Er hielt sich die Stirn. Nun ging er auf sie zu. Sein Gesicht war entstellt.

Hedwig vor Dir liegt das ganze Leben und Lu hast mich zu Deinem Freunde gemacht, und wenn ich Dich an mich risse, dann wär's vernichtet und aus­gelöscht. Noch zehn Jahre und vor Dir stünde ein alter Mann, und Du in lieblichster Kraft und Blüte neben ihm! Laß mich abwärts gehen geh' Du aufwärts!" Er mußte sich an den Tisch lehnen. Sie sah ihn mit großen, stillen Augen an. Ihre Hand griff nach der Thür­klinke, ihre roten Lippen zuckten.Sie haben immer recht, Herr Regierungsrat," sagte sie leise, aber mit schneidendem Ton, und die Thür schloß sich hinter ihr.

LitterarZscher.

Unsere Leserinnen wird es interessieren, daß die Verlagsbuchhand­lung Franz Ebhardt u. So., Berlin W. 50, Schaperstr. 5, ihr Musterbuch der Aufplättmustrr jetzt in elfter Auflage herausge­geben hat. Es sind darin über vierhundert neuere Stickmuster, die als Plättmuster" fertig znm Ilebertragen auf Stoff von der genannten

Firma zu beziehen sind, in verkleinertem Matzstabe abgebildet. Es ist bekannt, wie schwierig es oft ist, Stickmustervorlagen auf den Stoff selbst aufzuzeichnen; das Pausen, Durchlochen, Durchpudern und Nachmalen der Muster bereitet viele Weitläufigkeiten, die Ansatzstellen passen nicht, Pulver und Farbe machen Flecke,u. s. w. All diesen Schwierigkeiten treten mit leichtestem, geradezu glänzendem Erfolge die Plättmuster ent­gegen. Es sind dies fertiggedrnckte Zeichnungen auf Seidenpapier, die man nur mit der Farbcseite auf den Stoff zu legen und mit heißem Eisen nachzuplätten braucht, um eine klare Zeichnung aus dem Stoff zu erhalten. Das genannte Musterbuch enthält die verkleinerten Muster, mit Maßangabe für ihre natürliche Größe. Man braucht beim Bestellen nur die Nummer des betreffenden Musters zu fordern. Genaue Anwei­sung über das Plättverfahren und über die Art des Versandes befindet sich in diesem Buch. Jede Dame sollte einen Versuch mit den prak­tischen Plättmustern machen.

Die schönen Sommertage sind vorüber, unten im Garten fegt der rauhe Herbststurm durch Baum und Strauch, die letzten salben Blätter hernnterreißend. Es ist vorbei mit den Gartcnfreudcn, fröstelnd ziehen wir uns in unser behaglich erwärmtes Heim zurück, das uns in den kurzen und doch so langen Wintertagen selbst den Garten ersetzen muß. Ueberall da, wo Interesse für die Natur, speziell für die Pflanzen­welt und ihre unerschöpflichen Reize vorhanden ist, also in jedem deut­schen Familienkreise, sucht man jetzt der ersterbenden Natur draußen grünende und duftende Blumen drinnen im Zimmer entgegenzusetzen. Der Blumentisch bildet wieder die Freude, oft aber auch die ständige Sorge der Hausfrau, und auch die Hyazinthen in farbigen Gläsern, Primeln u. a., die sich gleich bunten Bändern zwischen den Doppelfenstern hinziehen, fordern fachgemäße Behandlung. Da ist es denn wieder an der Zeit, daß wir unsere Leser auf das unerreicht dastehende, in zweiter Auflage erscheinende Handbuch der praktischen Zimmer« gärtneret von Max Hesdörffer (Verlag von Gustav Schmidt Berlin W 35) aufmerksam machen. Das Werk erscheint in 10 Lieferungen zum Preise von je 75 Pfg. Neuzugegangen sind uns die Lieferungen 47, acht herrliche Blumentafeln nnd 154 lebenswahre Originalabbil­dungen im Text enthaltend. Der Text ist wieder meisterhaft geschrieben, Die Schilderungen über Rosen, Schlinggewächse, Hängepflanzen, Orchi­deen, Kakteen u. a. wird kein Blumenfreund ohne hohe Befriedigung lesen. Man vergißt bei der Lektüre dieses Werkes rasch, daß man ein Hand- und Lehrbuch vor sich hat, in solch anmutender, fesselnder Weise versteht der als populärer Gartenschriftsteller und Herausgeber der Zeit­schriftDie Gartenwelt" weit bekannte Verfasser seine Ratschläge zu erteilen. Die kleine Ausgabe für dieses schöne Werk wird sich rasch bezahlt machen, es führt seine Besitzer von Erfolg zu Erfolg.

Schachaufgabe.

(Nachdruck verboten.) Schwarz.

a b c d e f gh

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Weiß.

Weiß setzt in zwei Zügen mott.

Auflösung in nächster Nummer.

Auslösung des Ergänzungsrätsels in voriger Nummer:

Stechpalmen grünen

Allzeit lebendig, Lehren uns scharf sein, Aber beständig. Ratsch.

Krdak i-n: E. Burkhardt. Druck und Verlag der Brühl'schen Uniserftüits-Buch- und Stcindrnckern (Pietsch Erben) in Gieße«,