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Plötzlich beugte die Dame des Hauses sich vor und fragte schnell: „Denken Sie noch an die Kiesgrube?"
Der Rat war ein weltgewandter Mann, aber jetzt wurde er rot.
„Aber, gnädige Frau —"
„Ja," lachte sie über weißen Zähnen, „mein Herr- Doktor. Geschlafen habe ich damals nicht. Aber ich mußte mich so stellen! Heiraten konnte ich Sie nicht, verklagen wollte ich Sie nicht, gerne hatte ich Sie auch — da blieb mir nichts übrig, als es zu dulden, daß Sie mich küßten. Zwei Tage nachher gingen Sie ja doch fort — und — nun, im Grunde war ich Ihnen gar nicht so arg böse. Aber da meldet Friedrich, daß das Frühstück aufgetragen ist; geben Sie mir Ihren Arm, Herr Doktor. Mein Mann ist in der Stadt auf dem Bureau! Und Gnade auf dem Hochgericht!"
Sie sah heiter und harmlos zu ihm auf.
Da sprengte es mit Pferdehufen vor die Halle. Der Diener stürzte hinaus. „Ach, Hedwig," sagte Frau von Warburg, „da können Sie meine Tochter kennen lernen! Und nun vergleichen Sie: war ich ebenso damals?"
Das dunke Reitkleid ausgerafft, den Federhut in der Hand, trat eine prächtige Erscheinung in die Halle. Ein Bild von einem Mädchen: schlank, biegsam, fein, dunkelhaarig, und in dem weißen Gesicht ein paar dunkelrote Lippen und zwei in frischer Jugendlust blitzende Augen. — Rasse durch und durch. Und zwischen den vollen, roten Lippen leuchteten die schneeweißen Zähne, wie sie dem Gast die kleine Hand schnell hinreichte. „Kenne Sie ja lange, Herr Regierungsrat!" sagte sie mit reizender Freundlichkeit. „Ich darf mich wohl so zu Tisch setzen; ich habe Hunger! Aber ich habe mich auch auf Sie gefreut!"
„Zwei Generationen!" dachte der Rat und ließ sinnend den Blick von der Mutter zur Tochter gehen.
„Reiten Sie noch?" fragte Frau von Warburg nach einer Weile lächelnd, „Sie wissen doch noch —"
„Ich werde es nicht verlernt haben," antwortete er ebenso.
„Ich darf es nicht mehr, der Arzt hat's mir verboten; aber Hedwig wird sich freuen, wenn Sie ihr einmal das Geleit geben wollten."
Und Hedwig sah ihn voll an: „Sehr werde ich mich freuen! Morgen dann!" —
Und er saß noch gut zu Pferde. So ritten sie alle Tage miteinander. Es war wie ein Jungbrunnen, aus dem er getrunken. Und Hedwig war eine gute Genossin: ganz Dame und doch ganz junges Mädchen dabei, gehalten und von ausgeprägtem Charakter, aber immer fesselnd, und anders wie andere.
„Sag' mal, Marie," bemerkte der Landrat am vierten Tage, seine Kneifergläser sorgsam putzend und sie dann auf die Nase klemmend, etwas umständlich, wie immer, „findest Du das eigentlich in der Ordnung, daß Hedwig so allein mit dem Rat umherreitet? Ich sah neulich einen Blick, den er zu ihr hinübergehen ließ, der war gar nicht fünfzigjährig —"
Frau von Warburg lachte hell auf. „Alterchen, Du siehst schon wieder Gespenster! Ich kenne Hedwig: d i c und ein bürgerlicher Mann von fünfzig Jahren! Deswegen fahr' ruhig zur Stadt! Ich wollte nur, er bliebe recht lange hier. Denn das mußt Du doch sagen: solche angenehme Tage und Abende haben wir lange nicht mehr erlebt wie jetzt. Der ganze Mann ist Wissen und Geist und Witz!"
Und sie selbst war eine angeregte, kluge Frau.
Aber auch kluge Frauen irren einmal. Und so irrte sie in dem einen Punkte, da sie so zuversichtlich sagte: „Ich kenne Hedwig!"
Hedwig hatte bis dahin sich selbst nicht recht gekannt. Nun ging ihr plötzlich im Verkehr mit dem Schulrat ein Licht auf über das, was eigentlich „Leben" sei. Und dies Licht blendete sie einfach.
Im tiefen Waldesgrunde rieselt rauschend eine Quelle zwischen Felsen. Da hatten sie sich auf weichem Moos gelagert. Draußen, weit vor der Schlucht, hielt der Reitknecht die Pferde. Er hatte sich's bequem gemacht. Die Pferde hatte er angebunden, und er lag, so lang er war, im Gras und rauchte.
„Die kommen für's erste nicht," sagte er gemütlich, „mir kann's recht sein, und seine Cigarren sind gut!" Er lachte vor sich hin: „Ja, ja! Man kennt sich aus!" —
„Wie freue ich mich, daß Sie gekommen sind," sagte Hedwig, und sah den Schulrat voll an. „Bitte, bleiben Sie recht lange bei uns. Ich glaube, das, was wir Verkehr und Gesellschaft nennen, das wäre etwas. Nun graut mir ordentlich davor, seit ich dummes Ding mit Ihnen zusammen bin. Sie haben mich zum erstenmal behandelt wie eine, die eine Seele hat! Und dafür bin ich Ihnen so dankbar."
Sie hielt ihm die Hand hin. Er nahm sie in die seine.
„Sehen Sie, hätte ich das nun bei Herrn von X. oder von A. gethan, dann hätte er meine Hand zierlich geküßt und womöglich mit einem Fußfall eine Erklärung gemacht. Und weil Sie das nicht gethan, darum ernenne ich Sie jetzt zu meinem Freunde, wenn Sie mit einem so dummen Mädel etwas zu thun haben wollen; und als solcher dürfen Sie die Hand so lange behalten, wie Sie mögen. Großartige Belohnung — tote?"
Fester schlossen sich seine Finger um die kleine, weiße Hand, die in der seinen lag.
„Ja, ich will Ihr Freund sein!" sagte er, die Augen aufschlagend, „und im Ernst sei's gesagt!"
„Halten Sie Wort!" bat sie freundlich. — Es lag Sonnenschein über der Welt.
Das war der Anfang.
Nun kamen Nächte, in denen der Schulrat die Erfahrung machte, daß er nicht schlafen konnte.
Sein Urlaub ging zu Ende. Er mußte zurück zur Regierung. Er gab sich ganz in seiner Kraft und Fülle in diesen letzten Tagen, und riß unwiderstehlich alle mit sich fort, selbst den Landrat. Da fiel es nicht besonders auf, wenn Hedwig wie gebannt an seinem Munde hing, wenn er vorlas, oder ihre Augen tief in die seinen senkte, wenn er mit sieghaftem Humor das Feld behielt. „Schade, daß er geht," sagte auch Herr von Warburg am letzten Abend, als er sorgsam den Kragen löste, „aber ich glaube doch, für Hedwig ist es gut." Und Frau von Warburg steckte gerade die starken aschblonden Flechten auf und dachte an die Kiesgrube vor fünfundzwanzig Jahren.
„Geben Sie mir noch einmal das Geleit?" bat Hedwig am folgenden Morgen.
Der Schulrat sah unwillkürlich hinüber zu Frau von Warburg. „Thun Sie ihr doch den Gefallen," sagte sie, „und dann feiern wir ein fröhliches Abschiedsmahl!"
Es war ja das letztemal, und sie kannte ja ihre stolze Hedwig, die mit den Männern so umsprang.
Da lagen sie wieder in der Quellenschlucht, und draußen rauchte der Reitknecht wieder eine sehr gute Cigarre. Es war eine sehr lange Havanna.
Hedwig griff nach der Hand des Freundes. Ihre Brust wogte unruhig. „Also Abschied," sagte sie, „und ich sage es Ihnen gerade heraus, es wird mir schwer! Sie gehen zurück in's Leben, in die Arbeit und den Ernst, ttttb ich bleibe im alten Kreise, in der Trägheit, im Tändeln — und" —- sie senkte das Haupt, und dunkle Röte überflog ihr Gesicht, — „und werde verkauft und —"
„Und ?" fragte er, und neigte sich zu ihr.
Da warf sie sich nieder und drückte ihr heißes Gesicht auf seine Hand. Er fühlte ihre warmen, weichen Lippen. Da war's auch um ihn geschehen. Er beugte sich tief über sie. „Hedwig, Du süßes Weib!" Neben ihnen rieselte und rauschte die Quelle.
Sie fuhr empor und sah ihn an mit strahlenden Augen,


