Ausgabe 
29.10.1899
 
Einzelbild herunterladen

622

drückten Wutschrei abermals beiseite, daß fie taumelte, und gleich darauf fiel die Thüre krachend hinter ihm zu.

Was sollte sie thun? Es lag Gefahr im Verzüge. Holte sie erst Hilfe, konnte der alte Mann in der Finsternis schon zu Schaden gekommen sein. Sie sah ein Licht im Korridor auf­tauchen und schrie so laut sie konnte um Hilfe, dann riß fie die Thür auf und stürzte dem Flüchtling nach. Sie sah seine hohe Gestalt, der Blitz leuchtete ihr. In den Baumkronen brauste es unheimlich, und das dumpfe Rollen in der Luft wiederholte sich stärker und stärker.

Das geängstigte Mädchen lief so schnell als möglich, aber der Weg war uneben, und fie strauchelte öfter. Wenn fie meinte, den Konsul erreicht zu haben, war er wieder im Dunkel verschwunden.

Zuweilen hörte fie seine Stimme, wie er laut rief und sprach, und sie wußte dann wieder die Richtung.

Sie blickte zurück, kam denn niemand? Sie schrie von Zeit zu Zett laut um Hilfe und lief dann wieder vorwärts. Dazwischen war ihr, als schlüge die Gartenpforte zu, aber der Sturm wurde immer heftiger und verschlang jeden anderen Ton.

Ein greller Blitz zeigte ihr plötzlich in nur geringer Entfernung eine dichte Baumgruppe, fie wußte jetzt, daß ein schlammiger Teich dahinter war. Der Angstschweiß bedeckte ihre Stirn.(Sott, hilf doch!" schrie fie auf. Rechts und links krallten sich Dornen in ihr Kleid, sie riß sich los und spannte alle ihre Kräfte an. Der Blitz blendete sie, und der Sturm benahm ihr fast den Atem. Doch jetzt hörte sie durch das Brausen eine rufende Stimme, und sie antwortete so laut fie konnte:Hier, hier!"

Zugleich sah sie wieder den Konsul, das Wasser war nur noch wenige Schritte entfernt, und er stand dicht davor. Tein weißes Haar flog zerzaust um seinen Kopf.

Werner! Werner!" schrie er in die Gewitternacht hinaus.

Wie hergeweht war die weiße Mädchengestalt neben ihm.

Hier, Vater, hier!" rief sie, heiser vor Anstrengung, einer plötzlichen Eingebung folgend.

Der Greis wandte fich jäh zurück und Renatens Hand packte ihn, fortreißend mit verzweifelter Kraft, dann sank sie machtlos ins Knie.

Hier, Vater, Vater!" rief eine andere Stimme und keuchend nahte der Professor.

Er hatte Renatens Hilferuf im Garten gehört, und ein Blick in seines Vaters Zimmer hatte ihm alles erklärt.

Er fing jetzt den strauchelnden, wankenden alten Mann auf, es war fast für seine Kraft zu viel.

O mein Gott, Renata, mein armes Kind," sagte Wolfram.

Sie erhob fich langsam wie zum Tode erschöpft.

Ich bin mit meiner Kraft zu Ende, Herr Professor, o könnte ich Ihnen noch beistehen," sagte fie matt.

Sie thaten mehr als genug," erwiderte er,hätte ich nur meinen Neffen mitgenommen."

Ich will gehen, so schnell wie möglich Hilfe zu holen," sagte Renata, fich aufraffend,Ihr Vater ist jetzt soweit sicher."

Können Sie denn noch, Renata?"

Es muß gehen," erwiderte sie entschlossen und eilte davon. Der Regen rauschte hernieder, und der Donner rollte über fie hin. Der Blitz wurde schon seltener, und die tiefe Finsternis gähnte sie an.

Aber dennoch fand sie endlich, endlich die Mauer und die Gartenpforte.

Noch lag die Rückseite des Hauses in Dunkelheit und Stille, aber als sich das erschöpfte Mädchen die Treppe hinaufschleppte, kam ihr schon Marianne mit verstörtem Gesicht entgegen.

O mein Gott, Fräulein, wo ist der Herr Konsul?" rief sie mit gerungenen Händen.

Schnell Hilfe, Marianne," sagte Renata,der Herr Professor ist bei ihm am Teiche draußen."

Renata," rief Frau Charlottens Stimme angstvoll, sie eilte von Marianne benachrichtigt, herbei,mein Vater!"

Er ist in den Teich gestürzt!" schrie die alte Dienerin dazwischen.

Nein, nein," wehrte Renata,er ist in Sicherheit, aber Hilfe, schnell!"

Sie lehnte an der Wand, und die Stimme versagte ihr.

Drinnen verstummten die Töne und frohen Stimmen. Ein Kopf nach dem andern erschien in der Thüröffnung. Renata sah alle die fragenden, erschrockenen Gesichter wie in weiter, «eiter Ferne, und die Stimmen schlugen wie fernes Summen an ihr Ohr.

Dann sah sie Viktors Gesicht, er starrte fie an wie eine Erscheinung, aber sie dachte nicht an ihr Aussehen in dem regenschweren, beschmutzten und zerfetzten Kleide, dem ver­wirrten Haar und mit dem todesblaffen Gesicht.

Mehrere junge Männer eilten mit einer schnell bereiteten Bahre unter Maxens Führung hinaus, Viktor folgte ihnen.

(Fortsetzung folgt.)

Zwei Generationen.

Novellette von Gerhard Walter.

-------- (Nachdruck verboten.)

Da ich auch weiß, daß Sie seit Jahren Witwer sind und Ihre Söhne beide Offizier, kann es also gar keinen denkbaren Grund geben, der Sie abhält, bald wiederzusehen Ihre alte Schülerin und Freundin

Marie von Warburg, geb. Marie von Wedderström."

Der Schulrat saß lächelnd da, den also schließenden Brief in der Hand. Er war ein sehr stattlicher Herr mit ungebeugtem Nacken und braunem Kraushaar, dem man die Fünfzig nicht ansah, in der Fülle der Kraft.

Also da taucht die kleine Marie wieder auf!" sagte er sinnend vor sich hin.Es werden nun fünfundzwanzig Jahre, daß ich sie nicht gesehen. Sie mag jetzt achtund­dreißig Jahre alt sein. Sie verlobte sich früh. Es war ein gefährlicher Posten, dies Mädchen unterrichten zu müssen. Bildhübsch war sie ja, dabei der tollste Kobold, der je zu Fuß oder zu Pferd in Feld und Wald sein Wesen getrieben. Es war gut, daß das ein Ende nahm und die Jungens auf die Schule kamen. Das war eine, die einen Mann unglücklich machen konnte. So toll sie war, und so wenig es ihr ankam auf eine gewagte Vertraulichkeit oder eine Koketterie, so gewiß hätte sie lieber einen Sprung in's Wasser gewagt, als einen Bürgerlichen zu heiraten. Aber Hinreisen will ich; und ich freue mich darauf!"

* * *

Der Wagen hielt vor dem Portal der landrätlichen Burg. Der aussteigende Rat sah mit Vergnügen das herr­schende, ragende Gebäude. Da that sich die Thür auf, und aus ihr hervor trat, beide Hände vor sich hin und dem Gaste entgegenhaltend, eine stattliche Frau mit lebhaft blitzenden Augen.

Seien Sie mir von Herzen willkommen!" klang ihm eine wohlbekannte Stimme entgegen.

Er ergriff die ihm gebotenen Hände und neigte sich tief darüber, die eine küssend. Es waren zwei Gestalten, die sich sehen lassen konnten, die sich hier gegenüberstanden und in die Augen sahen.

Also das sind Sie!" kam es fast gleichzeitig über beider Lippen. Und dann lachten sie fröhlich auf, und er reichte ihr den Arm und führte sie bis in ihr lauschiges Boudoir, in dem es duftete und blühte, daß es eine Lust war.

Da saßen sie einander gegenüber und erzählten sich aus alten Tagen, beobachteten sich im stillen und waren beide miteinander zufrieden.