Ausgabe 
29.8.1899
 
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kleinen Boot, das von Hansens kräftigen Händen gerudert wurde, hinauszufahren, anscheinend bis dahin, wo der blaue Meeresspiegel vom sonnenglänzenden Firmament durch­schnitten wird!

Regelmäßig wartete ihr junger Wirt an der Stelle, wo die Boote lagen. Seine hellblauen, guten Augen leuchteten auf, wenn die graziöse, junge Gestalt sich näherte.

Dann half er ihr geschickt in das kleine Fahrzeug, in dem sie wieder unzählige weiße Rosen fand, dornenlos, zart, leise duftend.

Und auf der wonnigen Fahrt zerpflückte sie die Blumen­blätter und ließ sie ins Meer fallen und dabei plauderte sie mit dem jungen Schiffer und lachte, daß die Zähne wie Perlen glänzten, und blickte ihn an aus den Märchenaugen, daß ihm das Herz schlug in seltsamem Weh.--

Der Sommer verging, und der Herbst kam mit furcht­baren Stürmen.

Konstanze war rosiger denn je zurückgekehrt in ihr prächtiges Heim, bezauberte alte und junge Herzen mit ihrem frischen Reize.

Aber auch alle Fröhlichkeit des kleinen Fischerhauses hatte sie mit sich genommen.

Mutter Bast seufzte, wenn sie dem veränderten Treiben und Wesen ihres Johannes zusah, und diesem selbst schien es nur wohl zu sein, wenn er sich auf wogender See befand beim Fischfang.

Das Hinausrudern der Badegäste hatte er längst aufge­geben, immer stiller war er geworden, und mit tiefem Herz­weh hatte Mutter Bast es beobachtet, daß er in den so geheimnisvoll leuchtenden Mondnächten sein Lager nicht auf­suchte und draußen umherstrich oder im Gärtchen saß unter den weißen Rosen.

Dann war er eines Tages mit anderen hinausgefahren auf die See. Ein furchtbares Gewitter hatte sie überrascht. Das entfesselte Element trieb haushohe Wellen, der Sturm peitschte die Wogen ... alle Gefährten trieben dem Lande zu, von dem das Wehklagen und Weinen der Frauen, der Kinder, der Bräute sich mit dem Geheul der Brandung mischte.

Und alle wurden gerettet und Dankgebete stiegen zum Himmel an.

Nur Hansens Boot war nicht heimgekehrt . . . Kiel oben trieb es später auf dem noch leise grollenden Spiegel der See . . . nach Tagen erst spülte sie, die grausame Ver- derberin, den Aermsten ans Land.

Stumm und starr stand die arme Mutter dann an dem Grabe da oben auf dem kleinen Kirchhof in den Dünen.

Berge von Blumen deckten den Hügel des armen Johannes.

Auch aus der Stadt war ein Kranz gekommen.

Konstanze Terry in tiefer Teilnahme" stand auf der Karte, die dabei lag. Der Kranz war just von den weißen flattrigen, duftlosen Rosen geflochten, wie sie so herrlich das kleine Gärtchen geschmückt hatten.

Die arme Mutter nickte traurig mit dem Kopf.

* *

*

Sie gingen durch den botanischen Garten.

Im zweiten Rosenmonat war's, im sommerwarmen, leuchtenden August.

Ueberall blühte, strahlte, duftete aufs neue die Königin der Blumen.

In immer neuen, nie so schön geahnten Farben und Exemplaren, hell wie Morgenrot und tiefdunkel wie die Nacht, weich und voll und glänzend und schwer.

Der junge Professor der Botanik war so recht in seinem Element.

Es schimmerte in seinen Augen vor Freude und er drückte den Arm der jungen Gefährtin, die sich ihm bei dem Spaziergang angeschlosien.

Man weiß wohl kaum, wie viel verschiedene Sorten es giebt", fragte die blonde Dora.

Es ist zweifelhaft", dozierte er,wird wenigstens ver­schieden angegeben/ jedenfalls kann man unter den vielen Hunderten bestimmt acht Unterarten unterscheiden . . . sehen Sie, Fräulein Dora, hier die Simplici foliae . . . die Thee- rosen ... die Hortenses . . ."

Doras feines Näschen sog den zauberisch vollen Duft ein.

Mir kommen Saphirs wunderbare Verse vom Ursprung der Rose in den Sinn", sagte sie träumerisch,kennen Sie die, Herr Professor?"

Voll schlug sie die schönen Augen zu ihm auf.

Er schien verwirrt, gab ausweichende Antwort und fuhr fort, die einzelnen Klaffen nach Linus herzuzählen, mit deutschen und lateinischen Namen.

Sie gähnte verstohlen und wurde erst lebhafter, als er von den Sybariten sprach, die sich ihre Lager aus Rosen­blättern gemacht hatten.

Aus Rosenblättern!" staunte sie.

Bet einem Beet der schönsten, dunkelroten, duftenden, Rosen blieben sie stehen.

Das sind die herrlichsten", rief sie begeistert,diese sind's, von denen der Dichter spricht:

Und als die Göttin selbst, von Glut erfüllt, Das Antlitz wieder hebt vom Kelchesschoße, Da stand im Blut der Liebe eingehüllt Errötend da die erste rote Rose . .

Er sah entzückt in das reizende Antlitz des Mädchens, das nun unter seinem bewundernden Blick ebenso errötete, wie die Blüten da vor ihr.

Schnell pflückte er eine derselben und überreichte sie ihr . . .

Dora, Ihr Ebenbild", sagte er leise und innig ....

Rosen und Liebe, sie gehören zusammen, mit einem Male, als er die erglühende Dora sah, die unter seinem Anschauen erbebte, wurde es ihm klar.

Unbegreiflich schien es ihm plötzlich, daß er neben dem entzückenden Geschöpf den Mentor gespielt.

Dann zog er ihren Arm wieder durch den f einigen, hielt die kleine Hand fest, wanderte mit ihr lange auf und ab in den Laubgängen des Gartens.

Leise wehte der Abendwind den wundervollen Duft der prangenden Rosenbäume zu ihnen herüber, zu dem jungen Paar, das sich so vieles zu sagen, zu fragen, zu bekennen hatte.

Jetzt dozierte er nicht mehr, und auch sie gähnte nicht wieder.

Nicht von Sinne war die Rede, von seinen Rosenklassen, und ebensowenig von Saphirs sinnreichen Versen und gemüts­tiefen Gedanken. Eng an einander geschmiegt, wandelten sie dahin.

Und doch noch einmal, als sie zum Abschied vor den duftspendenden, herrlichsten Töchtern Floras standen, zeigte er auf eine der köstlichsten von allen und sagte:

Sieh, mein Lieb, diese prangende Rose wollen wir zum Sinnbild unserer Empfindungen machen.Semper fierens heißt sie, wie unsere Liebe und Treue,semper fierens, immer blühend, immer und ewig".

Dann gingen sie heim.

Logogriph.

(Nachdruck verboten.)

Ein Vogel hat sein Köpfchen hingegeben! O Wunder: Harmonien kann er weben Als Komponist, der ruhmreich in Paris Vor drei Jahrzehnten sich bewundern ließ.

Auflösung in nächster Nummer.

Redaktion: L. Burkhardt. Druck und Verlag der Brühl'schcn Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.