Ausgabe 
29.8.1899
 
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Osterbotschaft. Hingewiesen sei nur auf die Wiederspiegelung des christlichen Gedankens der Versöhnung durch opferfreudige Liebe in der Iphigenie auf Tauris, hingewiesen auch auf Helden wie den Richter in Hermann und Dorothea und auf Dorothea selbst, in denen biblische Gestalten und evangelische Gesinnung neu verkörpert erscheinen.

Aber mag zu eingehender Untersuchung hier der Platz nicht sein, versagen können wir es uns nicht, in einer Reihe von Aussprüchen Goethes für das Obengesagte den Nachweis zu führen. Geradezu erbaulich ist es, wie er am Jahrestage seiner Ankunft in Weimar und am Tage, da er den Brocken im Winter erstiegen hatte, in sein Tagebuch schreibt: Was ist der Mensch, daß du sein gedenkest, und das Menschenkind, daß du sich seiner annimmst? Ergreifend ist sein oft zitiertes, dem 90. Psalm entstammendes Bekenntnis:Man hat mich immer als einen vom Glück Begünstigten gepriesen- auch will ich mich nicht beklagen und den Gang meines Lebens nicht schelten. Allein im Grunde ist es nichts als Mühe und Arbeit gewesen." Karoline Herder schreibt an ihren Mann: Der Spruch: Wenn ihr stille bliebet, so würde euch geholfen, Jes. 30, 15, sei Goethes Motto gewesen. Sicher tft, daß er wiederholt bei Goethe wiederkehrt,- so auch schon in der Iphigenie:

Seine Seel' ist stille; sie bewahrt Der Ruhe heil'ges, unerschöpftes Gut, Und den Umhergetrieb'nen reicht er Aus ihren Tiefen Rat und Hilfe.

Man hört aus diesen Worten seine Ueberzeugung von der Kraft eines in Gott ruhenden Herzens. Wie er selbst sich darnach gesehnt hat, weiß jeder, der einmal seine Klage: Süßer Friede komm in meine Brust!'-' hörte, und wie ihn dies Bewußtsein steter Abhängigkeit von Gott begleitete, bringt gut sein Bekenntnis an Plessing zum Ausdruck: Soviel kann ich Sie versichern, daß ich mitten im Glück in einem anhaltenden Entsagen lebte und bei aller Mühe und Arbeit sehe, daß nicht mein Wille, sondern der Wille einer höheren Macht geschieht, deren Gedanken nicht meine Gedanken sind." Ja, soweit geht sein Verlangen nach diesem Leben in Gott, daß er wiederholt gesteht, gern von den Kindern das lernen zu wollen:Von ihnen kann man leben und selig werden." So hat er auch für Jesum eine volle und aufrichtige Bewunderung:In allen vier Evangelien ist der Abglanz einer Hoheit wirksam, welche von der Person Christi ausging, und dies so göttlicher Art, wie nur das Göttliche auf Erden erscheinen kann."Er wandelt seine Straße uuverrückt, und indem er das Niedere zu sich herauf­zieht, indem er die Unwissenden, die Armen, die Kranken seiner Weisheit, seines Reichtums, seiner Kraft teilhaftig werden läßt und sich deshalb ihnen gletchzustellen scheint, so verleugnet er nicht von der anderen Seite seinen göttlichen Ursprung." Und wie sehr er, der fast alle Gebiete mensch­lichen Wissens durchwandert hatte, doch immer wieder zur biblischen Einfalt zurückkehrte, das zeigt schon sein wenig bekannter und gerade für unser Geschlecht so beherzigens­werter, aus 1. Korinther 8 quellender Vers:

Märkte reizen dich zum Kauf; Doch das Wissen blähet auf. Wer im stillen um sich schaut, Lernet, wie die Lieb erbaut. Bist du Tag und Nacht beflissen, Viel zu höien, viel zu wissen, Horch an einer andern Thüre, Wie zu wissen sich gebühre!

Soll das Rechte zu dir ein, Fühl' in Gott was Rechts zu sein! Wer von einer Lieb' entbrannt, Wird vom lieben Gott erkannt!

Man braucht neben diese Verse nur jenes bekanntere Wort aus den Wanderjahren zu stellen:Große Gedanken und ein reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott erbitten sollen!" und man empfängt unmittelbar den Eindruck: Mag uns in Goethes Leben und Werken manches stören, mag es ihm nicht gegeben gewesen sein, zu einem vollen Er­

greifen des ganzen Heils in Christo zu gelangen- er war fest gegründet in biblischer Erkenntnis, und diese Erkenntnis war ihm lebendiger Besitz, ein wesentlicher Teil seiner Lebens­anschauung und Quelle seiner Kraft geworden. Man kann unserm Geschlecht nur wünschen, daß es sich wieder mehr von Goethe an die Bibel weisen läßt, damit sich auch an ihm noch einmal Goethes Wort erfülle:Die Zeit des Zweifels ist vorüber- es zweifelt jetzt so wenig jemand an sich selber als an Gott".

Weiße Rosen Rote Rosen.

Skizzen von Leo Berthold.

------- (Nachdruck verboten.)

Im kleinen Vorgarten des Fischerhäuschens blühten sie zu Hunderten an den dunkelgrünen Büschen: stachelig, unge­füllt, fast duftlos.

Schneeweiß waren sie, beinah wie große Baumblüten, aber nicht, wie diese, Früchte bringend, nein, ganz unkultiviert und doch so seltsam anziehend, so poetisch, ähnlich jener ersten flattrigen weißen Rose, von der Anakreon uns erzählt, daß sie aus dem Wellenschaum des Meeres entstanden, gerade an jener Stelle, wo Venus den Wogen entstiegen.

Die schöne verwöhnte Großstädterin Konstanze Terry hatte die sogenannte Sommerwohnung bei Mutter Bast ge­mietet, zur Erholung sollte es sein, zur Kräftigung!Das ist's, was ich will", rief sie, als sie sich im Stübchen, im Vorgarten umgesehen.

Endlich einmal ländlich, einfach, primitiv, ohne Seiden­vorhänge, ohne Teppiche, keine Magnolien, keine seltsamen Zierblumen, nein, Rittersporn, bunte Wicke und diese eigen­tümlichen . . . weißen ... ja, sind denn das wirklich Rosen?"

So hatte sie gefragt und den schönen, dunklen Kopf geschüttelt.

Seltsam, dergleichen sah ich noch nie".

Der einzige Sohn der Fischerwitwe schnitt mit dem großen Taschenmesser einen Strauß ab . . .

Vorsichtig entfernte er die spitzen Dornen.

Danke schön!" lachte die blasse Konstanze.

O, hier bet Euch soll's mir gefallen, und wissen Sie was, Herr . . ."

Er heißt Johannes", sagte die Mutter und sah stolz auf den gebräunten stattlichen Sohn . . .

Und wissen Sie was, Herr Johannes ... alle Morgen möchte ich von diesen Rosen haben, bis sie nicht mehr blühen . . ."

Die blühen den Sommer durch bis zum Herbst", sagte Johannes.

In der Früh, wenn Konstanze mit ihrer Dienerin zum Bade schritt, um durch die Erquickung neues Rot auf die weißen Wangen zu zaubern, trug sie den Rosenstrauß in der Hand.

Johannes war dann schon längst seinem Berufe nach­gegangen. Er fuhr aufs Meer hinaus zum Fischen- mit schwer gefüllten Netzen kam er heim.

Alles betrachtete sie entzückt.

Ein neuer Sport ward es für sie, die Natur in ihrer Ursprünglichkeit zu genießen, sich ihrer einfachsten Gaben zu erfreuen.

Wiesen- und Feldblumen statt Orchideen, frische Butter, Brot und Milch statt Hummern und Champagner.

Das Zirpen der Grille, der Vogelchor, ja selbst das unmelodische Spiel der ländlichen Kapelle, statt der großen Oper, Hansens stumme Bewunderung und sein ungeschicktes Reden statt der glänzenden Huldigung der Kavaliere ... sie war übersättigt, sie wollte einmal untertauchen, wie in die erfrischende Flut des gewaltigen Meeres, so in die Bedürfnis­losigkeit des Daseins.

Welche Wonne das war, nach dem Herumtummeln in der schaumigen Flut mit wallenden, leichten Gewändern, mit aufgelöstem Haare am Strande zu liegen und dann in dem