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übte; ebenso sann er der Persönlichkeit dieses Mannes nach; sie hatte für ihn etwas Rätselhaftes, Abenteuerliches. —
IV.
Friedrich Nother, der alte Kontor- und Hausdiener des Bankier Sommer rieb sich schläfrig die Augen. Er war erst mit dem Frühzuge aus Nauen, wo er bei seiner dort verheirateten Tochter die beiden Feiertage zugebracht hatte, nach Berlin zurückgekehrt und hatte in seinem und in den Hinteren Räumen des Sommer'schen Hauses belegenen Stübchen noch eine Stunde auf dem alten Kanapee verdämmert. Der „dritte Feiertag" galt ja noch als halber Festtag. Das Geschäft brauchte nicht so zeitig geöffnet und auch nicht darin gefegt und geputzt zu werden, da eine gründliche Reinigung kurz vor dem Feste stattgefunden hatte.
Endlich erhob er sich aber doch, dehnte und reckte sich noch einmal und stieg hinauf nach der zweiten Etage, wo er die Schlüssel aus dem Wohnzimmer des nebenan in seinem Schlafzimmer gewöhnlich noch im Bett liegenden Bankiers geräuschlos zu holen pflegte.
Auch heute schien Sommer noch im süßen Morgenschlaf zu liegen. Nother nahm leise die Schlüssel vom Haken und entfernte sich leise, auf den Zehen schleichend und die Thür vorsichtig hinter sich zudrückend.
Mit den Schlüsseln in der Hand gelangte er an die den Eingang zum Geschäftslokal nach dem Hausflur absperrende Doppelthür und öffnete eine nach der andern, ohne auf irgend etwas Außergewöhnliches zu stoßen. In sämtlichen Räumen herrschte noch völlige Dunkelheit, denn alle nach der Straße hinausliegenden Fenster waren bis zur halben Höhe vergittert und durch dichte Läden verwahrt.
Nother stieß einen nach dem anderen auf. In den Zimmern, in welchen die Kontoristen arbeiteten und wo die Kunden, die in geringfügigeren Geschäftsangelegenheiten kamen, abgefertigt worden, herrschte genau die Ordnung, in welcher er sie verlassen hatte, und mechanisch griff er zu Staubwedel und Wischtuch, um damit über die Pulte und Sessel zu fahren.
Nun betrar er das Kaffenzimmer, um durch dieses nach dem Privatkontor des Bankiers zu gelangen, und jetzt entfuhr den Lippen des alten Mannes ein Schreckensschrei. Ein breiter Streifen hellen Tageslichtes fiel quer über den Fußboden, obwohl auch hier die Fensterläden dicht geschlossen waren. Mit zitternden Händen öffnete er sie und verlor bei dem sich ihm darbietenden Anblick beinah die Besinnung. Wie von Furien gejagt, stürzte er den Weg, den er gekommen zurück, nahm sich gar nicht Zeit, die äußeren Thüren wieder zu schließen, sondern keuchte mit dem Rufe: „Diebe! Einbrecher!" die Treppen hinauf.
Er lief dem Assessor Sommer in die Arme, der aus seinem Schlafzimmer kam und in das gemeinschaftliche Wohnzimmer zum Kaffee gehen wollte. Ein Blick in das bleiche, verstörte Gesicht des alten Mannes belehrte ihn darüber, daß etwas Furchtbares geschehen sein müsse.
Er ergriff ihn bei der Hand und drückte gleichzeitig den Finger auf die Lippen. „Still, still, Nother, erschrecken Sie meinen Vater und meine Schwester nicht durch Ihr Geschrei. Was haben Sie da unten gefunden?"
„Ach, das weiß ich ja noch gar nicht, Herr Assessor !" stammelte der alte Diener und wischte sich mit dem Rücken der Hand die hervorquellenden Thränen aus den Augen. „Ich bin im ersten Schreck davongestürzt, aber böse steht es aus. Schauen Sie sich die Bescherung nur einmal an."
„Ich komme!" sagte der Assessor, den Diener mit sich ziehend, und eilte mit ihm hinunter. Sie waren auch jetzt noch beide die ersten am Platze, und der sich ihnen bietende Anblick ein im höchsten Grade erschreckender.
Im Kassenzimmer lag alles wirr durcheinander, sämtliche Behältnisse standen offen und waren durchwühlt- der große eiserne Kassenschrank, der für feuer- und diebessicher galt, hatte weder Hinterwand noch Thür mehr. Er war von den
Dieben angebohrt, auseinander genommen und allem Anschein nach geleert worden.
Und wie waren die Verbrecher in das Gewölbe gelangt, dessen Fenster und Thüren so wohl verwahrt, so völlig unverletzt waren?
Die Lösung des Rätsels fand sich im Privatkoutor des Bankiers, welches das letzte Zimmer in der Reihe der Geschäftsräume war und mit der Wand an die des Ladens stieß, den der höfliche, redselige Provinzialbewohner gemietet hatte.
Eine breite Oeffnung, groß genug, einen Menschen bequem hindurchgehen zu lassen, klaffte ihnen entgegen.
„Der Wandschrank! Der Nachbar!" schrie Ernst und eilte durch die Oeffnung in den benachbarten Laden. Er war ebenso wie das Privatkontor von Kalk, Mörtel und Staub erfüllt, sonst aber völlig leer. Die Fenster und die Thür nach der Straße wohl verschlossen.
(Fortsetzung folgt.)
Goethe und die Bibel.
Ein Gedenkblatt zum 28. August 1899.
Von M. Hennig.
—— (Nachdruck verboten.)
Wenn man anläßlich seines 150jährigen Geburtstages den Dichterfürsten auf allerlei Weise feiert und seiner Größe ehrend gedenkt, dann soll man nicht vergessen, daß er wie die anderen großen deutschen Dichter, das Beste, was er hatte, die Fülle seiner Gedanken und die Befruchtung seiner Phantasie, zum größten Teile der Bibel verdankt. Bekannt ist, wie Schiller und Herder als Knaben in der Bibel lasen. Auch Goethe hat sich kaum mit einem Buche lebhafter beschäftigt als mit der Bibel. Wieder und wieder durchlas sie der Knabe; „bibelfest" nannte sich gern der Mann. Eine Fülle biblischer Wendungen und Gedanken begegnet uns, bald in vollem, ernstem Wortsinn, bald humoristisch gewendet, bald mit verborgenem oder deutlichem Widerspruch des Dichters in seinen Werken. Und wie hat ihn die großartige Poesie der heiligen Schriften, namentlich des alten Testaments, angeregt! Als er sich zuerst an größere poetische Versuche machte, da waren Joseph und seine Brüder, Belsazar, Isabel und Ruth die Themata, die er behandelte, mögen auch die Ausführungen ins Feuer gewandert sein. Als 26jähriger übersetzte er sogar das Hohelied Salomos, das Zarteste und Unnachahmlichste, wie er sagt, was uns vom Ausdruck leidenschaftlich anmutiger Liebe zugekommen. Und als das Jubiläum der Reformation nahte, wollte der 67jährige noch einmal biblische Stoffe zu einem Festgedicht verarbeiten. Zusammenfaffend giebt Goethe seiner ganzen Wertschätzung der Bibel einmal also Ausdruck:
„Jene große Verehrung, welche der Bibel von vielen Völkern und Geschlechtern der Erde gewidmet wird, verdankt sie ihrem inneren Werte. Sie ist nicht etwa ein Volksbuch, sondern ein Buch der Völker. Je höher die Jahrhunderte an Bildung steigen, desto mehr wird die Bibel zum Teil als Fundament, zum Teil als Werkzeug der Erziehung von wahrhaft weisen Männern benutzt werden. Buch für Buch thut das Buch aller Bücher dar, daß es uns deshalb gegeben sei, damit wir uns daran wie an einer zweiten Welt versuchen, aufklären, ausbilden mögen."
Freilich, wer das Thema „Goethe und die Bibel" erschöpfen will, muß viel tiefer graben. Der muß in die einzelnen Dichtungen hineindringen uud nach ihrem tiefsten, sittlichen Gehalte fragen. Wer das thut, wird finden, wie sehr die Gedanken biblischer und namentlich evangelischer Sittlichkeit Goethe ins Herz gedrungen find. Die meisten großen Gestalten seiner Dramen tragen nicht bloß die Züge edler Menschlichkeit, sie tragen mehr oder weniger den Stempel biblischen Geistes an sich. Dem allen wäre viel nachzuforschen vom Götz von Berlichingen an bis zum Faust mit seiner unvergleichlichen Verherrlichung der Macht der


