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Diese kurze Unterredung gab Martha viel zu denken, -und zwar in zweierlei Richtung. Erstens ward sie dadurch belehrt, daß es Dinge gab, die Hellmut ihr zu verschweigen wünschte. Vielleicht würde das anders nach ihrer Verheiratung. — Vielleicht? — Nein, gewiß! — Und zweitens regte es sie zum Nachdenken an über ihr Verhältnis zu Olaf, das Hellmut wie eine belanglose Jugendthorheit betrachtete. Es mochte wohl ein Körnchen Wahrheit dabei sein. Wenn sie es mit ihrer Liebe zu Hellmut verglich, so fand sie, daß zwischen ihren Empfindungen von damals und jetzt ein himmelweiter Unterschied herrsche. Jetzt baute sie Tag für Tag an dem Glück ihrer Zukunft, damals hatte sie für die Zukunft nicht einen Gedanken übrig gehabt, kaum daß sie sich je in ihren verschwiegensten Träumen als das Weib Olaf Nansens gesehen hatte. Die Gegenwart war ihnen alles gewesen. Jetzt war sie zu ernst und zu vernünftig zu so planlosem Getändels jetzt wußte sie, daß er, den sie erwählt, ihr ganzes zukünftiges Leben ausfüllen müßte, und das würde ihnen nicht bloß Poesie und Blumenduft bieten! Zum treuen, festen Genossen für die Lebensreise war Hellmut Dievenow der rechte Mann, und wohl ihr, daß sie einen solchen gefunden! Im vollem Maße wußte sie das Glück zu schätzen. Aber sonderbar! nicht ein einziges Mal, wenn Hellmuts Mund sie küßte, empfand sie jenen süßen, geheimnisvollen Schauer, der sie durchbebt hatte, so oft Olafs Hand nur die ihre berührte!
(Fortsetzung folgt.)
Zur Korsettfrage.
Trotz des eifrigen Kampfes einer ganzen Anzahl bedeutender Aerzte und energischer Frauen gegen das Korsett, trotzdem dieser Kampf schon so lange gekämpft wird, als das Korsett besteht, ist der Erfolg doch fast gleich Null. Das Korsett wird trotz seiner Unbequemlichkeiten, ja trotz der Qualen, die es oftmals verursacht, von dem erwachsenen weiblichen Geschlecht immer weiter getragen, und nur erst einige wenige haben sich von ihm losgesagt. Das Korsett hat eine ganze Reihe der widersprechendsten Moden erlebt und überlebt,- diese Beharrlichkeit, mit der es trotz aller Anfeindungen seinen Platz in der Frauentracht behauptet hat, könnte fast zu dem Gedanken verführen, als ob das Korsett doch etwas Gutes, Unersetzliches besitze, das es so ausdauernd lebensfähig erhält. In der „Deutschen Med. Wochenschrift" erörtert Dr. A. Schanz (Dresden) einige Gesichtspunkte, die für den guten Kern sprechen, der in der dicken und harten Schale dieses Bekleidungsstückes versteckt ist. Schlecht ist am Korsett, daß es als Schnürleib zu verwenden ist) das Gute an ihm ist, daß sich durch das Korsett die Last der Röcke auf die Hüften übertragen läßt. Wie wichtig das Korsett in dieser Beziehung ist, ergiebt sich aus der Thatsache, daß die Reformfrauenkleidung mit dem Aufgeben des Korsetts einen neuen Stützpunkt für die Last der Röcke erst suchen mußte. Sie hat dazu die Schultern gewählt) damit hat man nach Dr. Schanz' Ansicht einen großen Fehler begangen. Denn beim Manne, dessen Wirbelsäule doch weit kräftiger ist, hat man z. B. in der Ausrüstung des Soldaten gerade das Gegenteil gethan) man hat dort die Last der Bepackung von den Schultern auf die Hüften verlegt. Der Soldat vor 50 Jahren trug außer Tornister und Mantel noch Seitengewehr, Patronentasche, Brotbeutel, Feldflasche und Sprengzeug auf der Schulter) jetzt trägt er dort nur noch den Tornister mit dem Mantel, und auch deren Last wird durch die Hintere Patronentasche gestützt und so zum Teil auf die Hüften übertragen. Freilich ist zwischen der Bepackung des Soldaten und der Kleidung einer Frau ein großer Unterschied / aber auch der Soldat, wie der Mann überhaupt trägt seine Kleidung nicht ausschließlich auf der Schulter) durch ihren Schnitt und durch
das enge Anliegen verteilt die Männerkleidung ihr Gewicht auf den ganzen Körper, und Weste, Hose und Rock (namentlich, wenn letzterer zugeknöpft ist) wird zu einem guten Teil durch die Hüften gestützt) jedenfalls wird beim Manne kein Körperabschnitt so belastet, wie beim Tragen der Frauenröcke, die frei aufgehängt sind. Dr. Schanz meint, wenn man die Frauenkleidung im Sinne der Männerkleidung umarbeiten will, so genügt es nicht, in die Frauenkleidung einfach die Hosenträger einzufügen, sondern man muß in der künftigen Frauentracht vom Rocke ab- und zur Hose üb er geh en. Die Reform-Unterkleidung entwickelt sich ja in dem Sinne, aber es ist den beteiligten Kreisen noch nicht zum Bewußtsein gekommen, daß darin der Kardinalpunkt liegt und daß damit auch die Korsettfrage gelöst wird, und zwar in dem Sinne, daß das Korsett unnötig wird. Damit verschwindet e§ dann von selbst, aber nicht, so lange es noch ein zweckdienliches Hilfsmittel der Frauenkleidung ist.
Den Beweis dafür findet Dr. Schanz in den Frauengestalten, die die Lukas-Cranach-Ausstellung, die sich gegenwärtig in Dresden befindet, vorführt) sie zeigt, welchen Einfluß unsere Frauenkleidung auf den Körper ausübt, wenn sie ohne Korsett auf den Schultern getragen wird. Zur Zeit dieses Malers trugen die Frauen eine Kleidung, welche sich von der heutigen im Wesen eben dadurch unterscheidet, daß sie korsettlos war und daß sie auf den Schultern ruhte. Die Röcke sind an dem Leibchen, welches in der Höhe der Magengrube endet, befestigt. Durch diese hochliegende Taille ist verhindert, daß die Last der Röcke auch nur zum Teil auf die Hüften verlegt wird. Wie wirkte diese Kleidung, die der Jdealkleidung unserer Reform so nahe kommt, auf ihre Trägerinnen? Wer die Redensart von der Entartung des weiblichen Geschlechtes durch das Korsett im Munde führt, der wird etwas überrascht sein, wenn er die Eva-, die Lukcetiagestalten, die Göttinnen jenes Malers steht. Es ist geradezu unglaublich, welch eine krumme und verkümmerte Gesellschaft die Frauen jener Zeit waren! Jene Frauen hatten ausnahmslos runde Rücken und so hochgradig, wie wir sie heute unter unseren orthopädischen Kranken selten sehen! Daß in der That der runde Rücken in jener Zeit ein Gemeingut der Frauen war, geht daraus hervor, daß der Maler, welcher prächtige Wännerge- stalten malt, den runden Rücken bei der Frau überhaupt als normal ansieht und daß er seine Jdealgestalten mit rundem Rücken malt. Auch die Verkrümmung der Wirbelsäule (Skoliose) kann in jener Zeit nicht selten gewesen sein. — Das Bildnis der Herzogin Katharina, welches sich in der Ausstellung befindet, zeigt diese stark gekrümmte Wirbelsäule. Der Künstler hat nicht einmal den Versuch gemacht, durch eine günstige Stellung es zu verdecken. Die Frau mit dem runden Rücken ist nun nicht etwa eine Sonder-Eigentümlichkeit Cranachs) sie ist allen Malern jener Zett gemeinsam. Man betrachte z. B. das bekannte Bild Albrecht Dürers „Adam und Eva" (jede Kunstgeschichte enthält es), und man wird erstaunt sein, wie der Maler, der eine so prachtvolle Männergestalt abbildet, daneben eine so krumme Frauengestalt stellen konnte.
Recht lehrreich ist in dieser Beziehung auch das Durchblättern einer Koftümgeschichte. Wenn man in der Kostümgeschichte der Kulturvölker von Jakob von Falke die Bilder durchsieht, welche deutsche Frauenmode wiedergeben, kann man aus der Haltung der betreffenden Figuren sehen, ob sie aus der Korsettzeit oder aus der vorkorsettlichen stammen. Die Letzteren haben runde Rücken, Elftere sind gerade aufgerichtet. Man macht bei der Behandlung der hier erörterten Fragen, sagt Dr. Schanz, oftmals den Kehler, eine besonders verschnürte moderne Dame gegen eine alt- griechische Idealfigur zu stellen. Wenn man die Unzweckmäßigkeit der heutigen Frauenklei.dung überhaupt darstellen will, ist diese Nebeneinanderstellung ganz richtig. Aber der Einfluß des Korsetts läßt sich auf diese WUse nicht nachweisen. Das ist nur möglich, wenn man korsetttragende und


