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bald verdingte man ihn als Laufburschen, bald wurde er unter bombastischen Redensarten über das Handwerk mit seinem goldenen Boden in eine Lehre gethan, wo es nichts kostete und nichts zu lernen gab.
. So gingen einige Jahre hin, bis der Zeitpunkt gekommen war, wo Lson zum Militär eingezogen wurde und auf diese Weise seine Mutter eine zeitlang von der Sorge um sein Fortkommen befreite.
XVI.
»Ist Fräulein Andree zu sprechen?" Es war Dievenow, der diese Frage an das Stubenmädchen richtete- Dievenow, nicht im Reiseanzuge, wie man ihn von der Bahn kommend erwartet hätte, bestäubt und mit Gepäck beladen- nein, Dievenow im wohlgebürsteten, dunklen Gehrock, im Zylinder, sorgfältig wie immer gekleidet, vielleicht noch um ein weniges sorgfältiger.
„Ach, der Herr Dievenow!" rief das Mädchen. „Wir sind gerade dabei, das Zimmer reinzumachen —"
„Melden Sie mich dem Fräulein," unterbrach er sie gebieterisch. Er hatte den Entschluß gefaßt, um Marthas Hand anzuhalten. Immer überzeugender war es ihm in der Ferne zum Bewußtsein gekommen, daß sie und keine andere die Frau sei, wie er sie brauche und wünsche. Zunächst zog er noch einige Erkundigungen über die Familie ein, mehr um sich vor sich selbst zu rechtfertigen- schon im voraus sicher, daß sie, wie sie auch ausfallen möchten, auf seinen Entschluß kaum noch einen entscheidenden Einfluß haben würden.
Daß Martha seine Werbung annehmen würde, erschien ihm kaum zweifelhaft. Aber auch in diesem Falle hielt er es nicht für Passend, bis zur Vermählung unter einem Dache mit ihr zu wohnen .... Also ausziehen würde er auf alle Fälle.
Nach wenigen Minuten trat ihm Martha mit den Worten entgegen:
„Sie sind gekommen, um Abschied zu nehmen, Herr Dievenow?"
Und das klang gleichgültig, fast feindlich. Kein Zug in dem schönen, ernsten Gesicht verriet, was sie empfunden hatte, als sie die Meldung vernahm. Sie hatte ja gewußt, daß alles aus war, aber warum mußte er ihr das selbst sagen?
Ihre unerwartete Anrede brachte ihn ein wenig aus der Fassung.
„Abschied nehmen? Nein. Ich bin gerade wiedergekommen."
„Das Mädchen hat sich wohl geirrt, als sie meldete, daß Sie mich zu sprechen wünschten?" fuhr sie in geschäftsmäßigem Tone fort. „Wenn es sich um die Wohnung handelt, ist es wohl besser, ich rufe Mama."
„Aber es handelt sich nicht um die Wohnung," fiel er ihr schnell ins Wort. Sie hatte sich noch gar nicht gesetzt, bereit, sogleich wieder das Zimmer zu verlassen. „Können Sie denn nicht erraten, Fräulein Martha, warum ich gerade Sie zu sehen wünschte? Warum ich schon jetzt aus der Schweiz zurückgekehrt bin? Bloß —" Er stockte. Noch immer war ihr Gesicht unbeweglich. Kein Strahl von Freude über seine Rückkehr, keine Spur einer wärmeren Empfindung, nur ein Zug von Spannung um die festgeschlossenen Lippen. Aber es gab kein Zurück mehr — schnell zum Ende. „Bloß — um Sie zu fragen, ob Sie die Meine werden wollen?"
Was er noch hatte hinzufügen wollen, die ganze Geschichte seines Lebens, ein Programm für das Glück ihrer Zukunft, wie er es sich während seiner Reise und zuletzt noch in der schlaflosen Nacht einer Eisenbahnfahrt zurechtgelegt hatte: alles war vergessen, als überflüssig beiseite geschoben- und nur noch einmal fragte er: „Wollen Sie die Meine werden?"
Martha war ganz bleich geworden. „Ihr Antrag überrascht mich so sehr, so sehr, daß--** hauchte sie und
hielt inne.
Er ward unruhig. Seine Augen hingen an ihren bebenden Lippen. Sollte das Unvorhergesehene, das Unmögliche eintreten? Sollte ste nein sagen?
„Fräulein Martha, Sie — Sie werden mich doch nicht abweisen?"
„Nein," stammelte sie. „Nein. Ich will die Ihre werden."
Ste streckte ihm die Hand hin, und er drückte sie mit Inbrunst an seine Lippen. Ihren Mund zu berühren, wagte er nicht. Sie selbst stand stumm, willenlos, wie versteinert. Wie war das alles so plötzlich gekommen? Hatte sie denn nicht in bangen, bittern Stunden auch von diesem Glücke schon Abschied genommen? Und nun war es da, und sie konnte es nicht fassen, so unwirklich, so schattenhaft kam es ihr vor. Sie konnte gar nicht zum rechten Bewußtsein desselben kommen. Wie ferne Laute hörte sie die Segensworte ihrer Mutter- dann saß sie neben ihrem Bräutigam und schrieb mit ihm an seine Eltern, die ste auch nicht kannte, die er nicht verstanden hatte, ihr menschlich näher zu rücken, die ihr auch nur Schatten waren. Umgehend traf dann Antwort ein, freundlich, liebenswürdig, aber ohne rechte Wärme. Woher sollten ste die auch nehmen, da Martha ihnen ganz fremd war? Nun erst ward es den Geschwistern mitgeteilt. Fröhliche Glückwünsche, lustige Scherze und die Neckereien der alten Damen, die das alles längst geahnt hatten, denen die endgültige Entscheidung nur allzulange ausgeblieben war. Sie waren auch nicht ganz einverstanden mit dem Benehmen des Bräutigams, obwohl es ganz dem Charakter desselben entsprach. Doch die Liebe pflegt die Menschen merkwürdig von Grund aus zu verändern: und diese beiden waren sich so ziemlich gleich geblieben, ernst, reserviert, aller demonstrativen Zärtlichkeit abgeneigt. Dabei schienen sie sehr glücklich zu sein, weniger wie Liebesleute, mehr wie ein Ehepaar, das das Ziel erreicht und im ruhigen, friedlichen Besitze sein volles Genügen findet.
Was Hellmut Dievenow betraf, so waren sie damit im Rechte. Er hatte erreicht, was er wollte - ihm blieb nichts zu wünschen. Daß er sich nicht expansiver, nicht wärmer gab, lag in seiner Natur. Martha, die bei aller äußern Kühle weit leidenschaftlicher angelegt war, hatte zuweilen die Empfindung, als stände noch irgend etwas zwischen ihr und ihrem Bräutigam, als habe sie ihn noch nicht vollständig ergründet, als sei sie noch nicht eingedrungen in die Tiefen seines Wesens, Tiefen, an deren Vorhandensein ste nicht zweifelte, Tiefen, in denen die wahre, wärmende Herzensgüte ruhte.
Einmal im Anfang ihrer Brautzeit fragte Martha, ob ihr Helmut nicht das, was er ihr am Tage seiner Rückkunft gesagt, schon einmal habe sagen wollen, an jenem Abend, wo er sich nach ihrer ersten Liebe erkundigt habe.
Er bejahte.
„Und warum verstummtest Du so Plötzlich, nachdem ich Dir offen eine Frage beantwortet hatte, an die Dir damals kein Recht zustand?"
Dievenow schwieg.
„Warst Du eifersüchtig auf den andern, Hellmut?"
„O nein!" entgegnete er mit überlegenem Lächeln. „Dergleichen Kindereien Pflege ich nicht ernst zu nehmen."
„Es war damals aber ganz ernst," meinte ste.
„Damals! Euer beiderseitiges Alter bürgt für die Harmlosigkeit."
Seine Auffassung behagte ihr nicht- doch ließ sie den Gegenstand fallen und fragte nur noch:
„Was war es denn sonst?"
Er überlegte einen Augenblick.
„Es hatte weder mit Dir, noch mit dem jungen Manne das geringste zu thun. Laß Dir das genügen."


