Ausgabe 
29.7.1899
 
Einzelbild herunterladen

Samstag dm 29. Juli.

1899. - Nr. 107.

; 1899. Nr. 107. Samstag dm

KjMcr fm'iliritb;.

NEchaUuWblall M ^GjeßenerAnMer (Gmeml-Anzeiger)

H.'Noii. (.;g.asen

8 iipWl^

jedes Haus, wo Liebe wohnt,

Da scheint hinein auch Sonn' und Mond, Und ist es noch so ärmlich klein, Es kommt der Frühling doch hinein!

Hoffmann v. Fallersleben.

Nachdruck verboten.

Die Sünden der Väter.

Roman von Osterloh.

(Fortsetzung.)

Warum? der Knabe wußte es nicht genau. Er hatte so etwas gehört, als ob Leons Mutter eine grau sei, mit der anständige Leute nicht verkehren dürfen. Leon prügelte den Freund für seine Aufrichtigkeit gehörig durch, aber er merkte sich seine Worte. Man brauchte also nicht soviel Respekt vor der Mutter zu haben! Danach richtete er sich. Er wurde widerspenstig und unbotmäßig, und die arme Clarissa wußte sich manchmal nicht zu helfen. Zudem ging der Blumenhandel schlecht. Sie war keine Geschäfts­frau, und die Stadt war zu klein. Das sagte auch Herr Schmidt, der Fleischer, vom Laden gegenüber/ bei dem ging's ebenfalls nicht gut. Er war ihr zuweilen, wenn sie mit dem Jungen nicht fertig wurde, zu Hilfe gekommen, indem er ihm eine tüchtige Tracht Prügel applizierte. Sie müsse viel strenger mit ihm sein und ihn zur Arbeit anhalten. Und was er denn eigentlich werden sollte, es sei doch bald Zeit, meinte Schmidt, und erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß da noch ein anderer mitzureden habe, und daß sie irgend woher Geld für den Knaben bekomme.

Seitdem machte sich Schmidt noch viel unentbehrlicher. Und es währte nicht lange, so hatte er sie überredet, mit ihm gemeinschaftlich ein Geschäft in der Residenz zu gründen. Es sei dabei nichts zu riskieren. Er werde ihr mit seinen kaufmännischen Kenntnissen zur Seite stehen/ es handle sich bloß darum, das Geld zur ersten Einrichtung aufzutreiben. Sie werde schon wissen, wo das zu holen sei, fügte er mit breitem Grinsen hinzu.

Clarissa war nicht gleich einerstanden. Sie mochte nicht schon wieder betteln gehen. Allein sie war ein schwaches, lenk­bares Wesen, und Schmidt setzte ihr immer mehr zu. So entschloß sie sich endlich, in die Residenz zu fahren.

Verlange nur gleich ordentlich!" riet ihr Schmidt,damit das Gelaufe nicht immer ist."

Es hielt sehr schwer. Ihr ehemaliger Liebhaber war selbst in Geldverlegenheiten. Sie wäre wahrscheinlich un­verrichteter Sache zurückgekehrt und hätte sich und ihren Sohn weiter mühsam durchgebracht, wenn nicht die Furcht, die ihr roher Freund und Beschützer ihr einflößte, sie dem andern gegenüber mutig gemacht hätte. So brachte sie dann schließ­lich nach vielen Bitten, Thräuen und Versprechungen eine ganz respektable Summe heim.

Sie hatte dem Rechtsanwalt erzählt, daß sie sich zu verheiraten gedächte, jedoch wohlweislich verschwiegen, daß eine Uebersiedlung in die Residenz geplant sei.

Andree aber hatte mit dieser ersten Nachgiebigkeit gegen die erhöhten Forderungen seiner ehemaligen Geliebten den Grund gelegt zu einer Kette von Unannehmlichkeiten, Sorgen und Belästigungen. Clariffa und ihr Sohn schienen allgegenwärtig. Er traf sie auf der Straße, er zitterte vor ihren Besuchen, die häufiger und häufiger wurden, und in der Angst, sich verraten zu sehen, gepeinigt, steckte er mehr und mehr Geld in das hoffnungslose Unternehmen dieses Blumenhandels. Er besorgte, daß sie ihm den widerwärtigen Patron, mit dem sie sich zusamengethan, auf den Hals schicke. Und doch war dies der einzige Punkt, in dem Clarissa eine gewisse Festigkeit bewahrte. Sie erhalte ihr Geld durch den Advokaten, erklärte sie, und den Namen des Gebers werde ihr Schmidt nie abringen. Denn sie zweifelte keinen Augenblick, daß jener seine Drohung wahr machen und ihr alle Hilfsmittel entziehen werde, sobald sie ihn verriete. Und was sollte sie dann mit jenem arbeitsscheuen Individuum anfangen, in dessen Gewalt sie sich gegeben hatte und das sie erst zu spät in seiner ganzen Rohheit und Verworfenheit kennen lernte? Um die Geschäfte kümmerte sich Schmidt, sobald er den Laden gemietet und die Einrichtung besorgt hatte, gar nicht mehr. Nur die Führung der Kaffe nahm er ihr ab. Dergleichen sei in Frauenhänden nicht gut auf­gehoben. Er hatte dafür seine Gründe. Seine ganze Thätigkeit bestand darin, daß er das bare Geld," sobald sich welches vorfand, für seine eigenen Bedürfnisse veraus­gabte. Am tiefsten empfand Clariffa den Mißgriff, den sie mit ihrer Heirat gethan, ihrem Sohne gegenüber, in dessen Interesse doch eigentlich die erste Annäherung an Schmidt erfolgt war. Zwischen ihm und dem Stiefvater herrschte eine erbitterte Feindschaft.

L6on führte, seitdem er die Schule verlassen hatte, ein unregelmäßiges Leben. Bald sollte er im Geschäft helfen,