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int Freien. Da hat die Tanne das Hausrecht verloren, und Epheu und Stechpalme schmücken die Zimmer, von deren Decke der sagenhafte Mistelzweig herabhängt. Früher zierte man dort mit dem Grün der Mistel auch die Kirchen, wie es mit der Tanne heute in vielen protestantischen Kirchen Deutschlands und Oesterreichs geschieht, ohne daß jemand Anstoß daran nimmt. Aber der unausgesetzte Krieg der Geistlichkeit der englischen Hochkirche, welche gegen diesen angeblich heidnischen Brauch eiferte, hat das immergrüne Gewächs aus den Stätten der Andacht verbannt. Dafür übt es seine Herrschaft umso unbeschränkter im Familienheim, und seine Macht geht so weit, daß es jedem Manne das Recht giebt, jedes weibliche Familienmitglied, welches er unter dem Mtstelzweig erwischen kann, zu küssen- ja die Volksweisheit behauptet sogar, daß jedes Mädchen, welches nicht unter der Mistel geküßt wurde, im nächsten Jahre keinen Mann bekommen könne. Dem übrigens ohne besondere Festlichkeit verlaufenden Heiligabend folgt der Christtag als Tag der tiefsten Ruhe, an dem alle Hände still liegen und in den meisten Familien sogar nicht einmal gekocht wird. Der folgende zweite Feiertag boxing day gehört aber den ausgelassensten Lustigkeiten. Alles, was Trinkgelder für die im zu Ende gehenden Jahre geleisteten Dienste in Anspruch nehmen zu können glaubt, heischt von dem von allen Setten ängezapften Familienvater den klingenden Lohn, und wenn der Abend finkt, herrscht die ausgelassenste Stimmung, die in den Theatern mit ihren oft ans anstößige grenzenden Pantomimen ihren Höhepunkt erreicht.

Aehnlich, vielleicht noch weniger gemütstief verläuft die Weihnachtsfeier bei Bruder Jonathan. Wer wollte auch im Lande des allein selig machenden Dollars mit der rastlosen Erwerbsjagd seiner Riesenstädte etwas anderes erwarten? Höchstens müßte er hinaus gehen in den Urwald des Far- West,- wenn er dort in der weltfernen Farm Einkehr hält, wird er eben die Weihnachtsgebräuche finden, welche der nationalen Abstammung des Eigentümers entsprechen, da es mit der Entstehung einer einheitlichen amerikanischen Nation mit eigenen Sitten und Gebräuchen trotz allem, was darüber schon geschrieben worden ist, noch gute Wege hat.

Ganz anders mutet uns das Bild an, welches uns der Weihnachtsabend in Skandinaviens Norden, dem Heimatlande der altgermanischen Götterwelt, bietet. Freilich dürfen wir auch da nicht in die Häuser der Vornehmen gehen, die mit dem Franzosentum und seinen Sitten kokettieren und in manchen Jbsenschen Dramen mit zwar scharfen, aber im allgemeinen doch sehr zutreffenden Strichen charakterisiert werden, sondern in die Hütte des Norwegers, der am Fjord in seinem fichtengezimmerten Hause mit Familie, Knechten und Mägden das heilige Fest feiert, das hier ebenso wie in Finland die patriarchalische Eigenart am reichsten bewahrt hat. Eine der rührendsten Sitten dieses im Kampfe mit den Elementen gestählten Volkes ist es wohl, daß man dort auch die Tiere an der Festesfreude mit teilnehmen läßt, indem man ihnen an hohen Bäumen allenthalben Getreidegarben anbindet, aus welchen hunderte von Vögelchen die Körner herauspicken.

Farblos verläuft das Weihnachtsfest bei unseren gallischen Nachbarn jenseits des Rheins; denn hier ist der allgemeine Geschenktag der Neujahrstag, und mag der Luxus im Seine­babel dabet auch noch so weit getrieben werden, so bleibt das ganze doch eine lästige Pflicht, der man sich nur mit süßsaurer Miene unterzieht. Nur wo die Ureinwohnerschast des Landes, das alte Keltentum dichter bei einander sitzt, wie in der Bretagne, haben sich besondere Gebräuche erhalten, und man feiert dort das Fest der Wintersonnenwende, ähnlich wie bei uns den Vorabend von Johanni. Alt und jung, Männer und Frauen binden Reistgbüsche und Kienholz an lange Stangen und laufen, nachdem sie dieselben entzündet haben, die Feuerbrände schwingend, über das schneebedeckte Feld. Die Erklärung, daß dies in Erinnerung an den Stern ge­schehe, der den Weisen aus dem Morgenlande den Weg zur

Krippe in Bethlehem wies, ist gänzlich verfehlt. Es ist nichts anderes als die Feier des, daß die SoiKe den Kampf mit der Nacht nunmehr wieder überwunden hat und daß das Licht über die Finsternis siegt.

Je tiefer wir in die romanische Welt kommen, um so mehr tritt der Charakter der Weihnacht als eines Festes der Kinder und der Familie zurück, und es überwiegt das kirch­liche Moment, nach dessen Erledigung der Südländer sich i>em tollsten Mummenschanz hingiebt. Vom ersten Advcnt- onntage an mahnen die schalmeiblasenden Hirten, die aus >en Bergen in die Städte kommen, um vor den lampenge- chmückten Madonnenbildern für wenige Centesimi ihre ein­tönigen, kindlich naiven Weisen erklingen zu lasten, durch den Klang ihrer Flöten und Dudelsäcke, daß es Zeit ist, das Weihnachtsfest zu rüsten, und nun baut man in Kirchen und Privathäusern mit Eifer an den Krippen, die nirgends fehlen dürfen. Unter den vierhundert Kirchen der bella Napoli ist da auch nicht eine, die nicht einen dekorativen Ausbau sich leistet, der in manchen, wie z. B. in der Chiesa Santa Teresa, die Bühnenkunststücke manches mittleren Theaters beschämt. Wo wir hinkommen, sei es auch in die Hütten der Aermsten und sogar in den schmutzigsten Trattorien und Osterien, überall tritt uns die figurale Darstellung der Weih- nachtsgeschichte, das presepio (Krippenbild) entgegen. Acht Tage vor Weihnachten beginnt dann der große Weihnachts­markt, der seinesgleichen auf der Welt nicht hat und einem bunten Chaos gleicht, in dem sich der Fremde kaum zurecht­findet. Was da feilgeboten wird in den phantastisch aufge­putzten Buden ist Süßigkeitskram, vor allem aber die dem Südttaliener unentbehrlichen Feuerwerkskörper, mit welchen in den Nächten um so ausgiebiger geknallt wird, je näher Weihnachten heranrückt, bis in der heiligen Nacht selbst der Höllenlärm seinen Höhepunkt erreicht. Für die Kinderwelt fällt dabei freilich nichts ab. Aber was macht das? Ist es doch, als ob dies Volk, welches an das Morgen nicht denkt, niemals die Kinderschuhe ablegte, mögen die Zeiten und Ver­hältnisse auch noch so ernst sein. Dazu werden überall die schweren fetten Aale, capitoni genannt, geschmaust, welche zu hunderttauseudcn aus den Lagunen der Pomündungen herbeigeschafft werden; und unter Böllerschüssen, knatterndem Feuerwerk und sonstigem Höllenlärm wird die Nacht totge­schlagen, die das Gemüt des Deutschen zur stillen Familien­freude und inneren Einkehr stimmt.

Ungleich anständiger geht es da noch bei den Spaniern zu, die in den Kirchen seltsame, an Polonaisen gemahnende Umzüge veranstalten und auf den Straßen den Bildern des gekreuzigten Heilands mit allerhand Musikinstrumenten Ständchen darbringen, nach deren Beendigung sich alles nach Hause begiebt, um sich an den zahllosen Süßigkeiten, wie sie der spanische Geschmack verlangt, zu laben.

Diese Gewohnheiten hat der Spanier natürlich auch nach den von ihm besiedelten Ländern der neuen Welt mitge­nommen, unter deren tropischem Himmel sich hoch und niedrig in der warmen Nacht wie bei einem Sommerfeste beim Scheine chinesischer Papierlaternen ergötzt. Für die vor­nehme Herrenwelt ist dabet der Frack unerläßlich, während die Damen in den ausgesuchtesten Balltoiletten prangen. Das niedere Volk giebt sich derberen Genüssen hin und ver­bringt die Nacht bei den Limonaden- und Fruchteisbuden oder bei den Hahnenkämpfen, die auf allen Plätzen und Straßenecken abgehalten werden.

In Rußland, mit dem wir schließen wollen, ist Weih­nachten das Fest der sich findenden Herzen geworden. Dort kommt wieder unser lichtgeschmückter Tannenbaum zu Ehren, um den sich im größten Raum des Dorfes bei Wutki und geräucherten Fischen die heiratsfähigen Mädchen auf einer Bank an der Wand versammeln. Die jungen Männer haben nun unter den verschleierten Schönen die Auserwählte ihres Herzens zu erraten, die fie dann entschleiern. Wenn hierbei auch der Korrektur des blinden Zufalles der weiteste Spiel­raum gewährt wird, so ist doch nach der Volkssttte der junge