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Freilich wissen wir, daß gewisse postalische Einrichtungen schon bei den alten Kulturvölkern bestanden, und daß später in den meisten Ländern Europas förmliche Postanstalten organisiert waren. Im deutschen Reiche wie in den Niederlanden war die Familie Thurn und Taxis mit dem Reichs- Erb-General-Postmeisteramt belehnt. Das Erträgnis dieses Lehens war ein sehr bedeutendes, denn die Taxen, welche für die Beförderung von Briefen gezahlt werden mußten, und die sich nach dem Gewichte und nach der Entfernung richteten, waren sehr bedeutende, und wenn dieselben auch im Laufe der Zeiten nicht unwesentlich ermäßigt wurden, so lassen sie sich doch mit den heutigen Portogebühren nicht vergleichen. Die Erhebung der Portogebühr geschah in der Weise, daß entweder der Absender diese bet Aufgabe des Briefes am Postschalter bar bezahlte, oder daß, wenn der Brief unfrankiert aufgegeben wurde, das Postgeld bei Ueber- gabe des Briefes an den Adressaten von diesem abgefordert wurde.
Obwohl die Einführung der aufklebbaren Frankierungszeichen erst vor sechs Dezennien erfolgte, gab es doch schon vor dieser Zett hervorragende Männer, die an die Einführung von Frankozeichen dachten. Um das Jahr 1650 soll nach Dr. A. Moschkau König Karl II. von England ein Kouvert ausgegeben haben, welches die Portofreiheit anzeigte, jedoch nur für Königliche Angelegenheiten benutzt wurde. Verbürgt ist diese Nachricht aber nicht, auch scheinen die Postkouverte nur sehr kurze Zeit im Gebrauche gewesen zu sein, da die 1683 von dem Tapezierer Robert Murray errichtete Stadtpost in London irgendwelche FrankierungSzeichen nicht brauchte, sondern die an der Annahmestelle aufgegebenen bezahlten Schreiben einfach des Tages einmal durch Fußboten bestellen ließ.
Durch Erlaß Ludwigs XIV. wurden in Paris am 8. August 1653 Stadtpostkouverte verausgabt, die unseren Streifbändern ähnlich sahen und den Aufdruck trugen: »Port payd .... (Mai) ... le .... 10) jour de Fan 1653 ou 1654". Zum Zeichen der erfolgten Entwertung wurde das FrankierungSzeichen vor Abgabe des Briefes an den Empfänger von feiten der Post heruntergenommen. Die Hauptverkaufsstelle der „Billets port pay6" war im Hofe des Palais beim „Commis General", dieser war verpflichtet, an arm und reich für den festgesetzten Preis von 1 Sou selbige zu verkaufen. Zur Bequemlichkeit des Publikums waren in den verschiedenen Vorstädten Briefannahmen und ebenso bei den Portiers aller öffentlichen Anstalten, in den Klöstern, bei den Schließern der Gefängnisse rc. Verkaufsstellen errichtet, und ferner in allen belebten Straßen der Stadt Briefkästen (!) angebracht, die täglich drei Mal geleert wurden. Die Verkäufer der Billets erhielten eine angemessene Provision. Expreß- und Postrestante- Sendung der Billets war ebenfalls gestattet.
Diese für damalige Zeit musterhaft zu nennende Beförderung der Briefe geriet aber sehr bald wieder in Vergessenheit, und simple Savoyarden besorgten wieder den gesamten Stadtverkehr. Trotz derverschiedenstenund umfassendsten Verbesserungen im Postwesen erfahren wir doch eine lange Spanne Zeit hindurch nichts über etwa eingeführte Postwertzeichen. Erst im Jahre 1811 kommt wieder eine Art Briefmarken vor, die von einer Schiffahrtsgesellschaft in Schottland zur Erleichterung des Brief- und Paketverkehrs in Kurs gesetzt worden war.
In den Jahren 1819 bis 1836 waren in Sardinien zwei Postkouverts in Kurs, welche den Namen „Carta postale bollata" führten. Diese zeigten neben der Wertangabe das Bild eines Postillons zu Pferde, mit dem Posthorn an den Lippen. Die Kouverts der zweiten Emission waren zum Schutze gegen Fälschungen sogar schon mit Wasserzeichen versehen. Die erste Emission von 1819 war in Blaudruck, die zweite 1820 in farblosem Reliefdruck ausgeführt.
Im Jahre 1823 machte in Schweden der Leutnant Curry Gabriel de Treffenberg seiner Regierung den Vorschlag, mit Stempel als Wertzeichen versehene Postkouverts einzuführen/
er legte sogar Proben davon vor. Sein Projekt fand zwar vielen Anklang, wurde aber, da man damals noch nicht die großartige Bedeutung derselben anerkannt, abgelehnt. — Um diese Zeit oder auch etwas später, jedenfalls aber noch vor der folgenden Kouvert- und Markenausgabe in England, soll China schon verschiedene Arten von Postkouverts ausgegeben haben. Dies ist indes nicht erwiesen, in China weiß man wenigstens zur Zeit von diesen Kouverts nichts.
Im England, das im Anfänge unseres Jahrhunderts den größten Postverkehr aufwies, war man mit dem Postverkehr schon lange unzufrieden, und je mehr er sich steigerte, desto mehr wuchs die Unzufriedenheit. Der Wunsch nach einer gründlichen Reform des Postwesens wurde immer dringender, so daß sich ein Kreis hervorragender Männer verband, um diese Reform durchzuführen Das außerordentlich hohe Briefporto gab vielfach Anlaß zu Klagen, die nur zu begründet waren. Die Berechnung des Portos geschah auf folgende Weise. Es wurde die Entfernung des Bestimmungsortes vom Aufgabeorte und der Umfang der Briefe (1, 2, 3, 4 oder mehr Bogen) in Betracht gezogen. Das Porto betrug daher, gleichviel, ob der Brief Geschriebenes oder gedruckte Preislisten, Zirkulare usw. enthielt zwischen zwei Pence und ein Schilling sechs Pence für den einfachen Brief mit einem Bogen Inhalt. Dabei wurde das Kouvert, sowie jedes einliegende Blättchen für einen Bogen gerechnet. Die Entfernung wurde nicht nach der Luftlinie, sondern nach dem wirklichen Wege gemessen, den der Brief zurückzulegen hatte.
Schon im Jahre 1824 trat Samuel Roberts aus Conway öffentlich für ein einheitliches Porto ein, und die Regierung wurde von einer Menge von Beschwerden, Denkschriften, Vorschlägen überflutet, so daß sie sich im Jahre 1835 bemüßigt sah, eine Kommission zur Prüfung dieser Angelegenheit einzusetzen, mit deren Vorsitz Robert Wallace betraut wurde. In dieser Kommission wurden besonders die Anträge gestellt, das Porto von nun an nach dem Gewicht zu bemessen und für kaufmännische Preislisten und Mitteilungen einen einheitlichen ermäßigten Portosatz einzusühren. (Suppantschitsch „Briefmarkenkunde. *)
Aber erst dem unermüdlichen Fleiße Rowland Hills, der mit Beginn des Jahres 1837 eine Flugschrift unter dem Titel „Die Postreform, ihre Wichtigkeit und Durchführbarkeit" veröffentlichte, in welcher er darauf hinwies, daß das Porto ohne Rücksicht auf die Entfernungen auf ein Penny für eine halbe Unze (— 7 Gramm) herabgesetzt werden könne und die Postverwaltung trotzdem dabei gewinnen müsse, gelang es, diesem Gedanken zum Durchbruche zu verhelfen. Das Porto sollte entweder bar oder durch Verwendung von gestempelten Umschlägen oder Briefbogen entrichtet werden.
Hill vertrat seine Sache energisch und erwarb sich hierdurch viele Freunde. Als Lord Lichfield, der damalige Generalpostmeister, einst im Parlament die Erklärung abgab, die Korrespondenz müsse, um den Ausfall des Portos zu decken, sich mindestens um das zwölffache vermehren, dann aber würde das ganze Generalpostgebäude nicht hinreichen, die Beamten und Briefe zu fassen, entgegnete Hill: „Ich bin sicher, daß Eure Herrlichkeit keinen Augenblick zögern würden, sich darüber zu entscheiden, ob in diesem großen und gewerbfletßigen Lande die Größe des Postgebäudes sich nach dem Umfange der Korrespondenz, oder der Umfang der Korrespondenz sich nach der Größe des Postgebäudes zu richten hat."
Trotzdem das Publikum und die öffentliche Meinung sich einstimmig für die rasch populär gewordene Idee einer Postreform aussprach, war das „Wie" der Erhebung des Portos bei Aufgabe der Briefe — entweder in barem Gelde oder durch gestempelte Briefbogen und Kouverts — praktisch nicht durchführbar, und das Zustandekommen der ganzen Hillschen Postreform stand in Frage. Schon war die „Penny-Porto* Bill" dem Falle nahe, als die Vorlage plötzlich dadurch gerettet wurde, daß Wallace im Unterhause, Lord Affchburton im Oberhaufe ein neuartiges Frankierungsmittel — die aufklebbare Briefmarke — zur Sprache brachte, durch die „die


