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das so mahnend pochte, als sie das Trauerkleid ablegte — nur dies eine Mal.
In Fridas Zimmer unterwarf Anna Burghoff Renatens Anzug einer eingehenden Kritik. Jetzt nahm sie einen Zweig Theerofen und befestigte ihn in Renatens dunklem Haar, dann schob sie die Geschmückte mit energischem Griff vor den Spiegel: „Da soll nun einer unser Großmütterchen wieder erkennen," rief sie, „Sie sehen wirklich reizend aus."
Renata blickte auf in den Spiegel und freute sich. Das weiße, duftige Kleid mit wenigen schwarzen Sammetschleifen verziert, umschloß vorteilhaft ihre schlanke Gestalt und hob ihre heute ohnehin schon lebhaftere Farbe, und die Hellen Rosen lagen graziös in dem üppigen Haar. Selbst Frida mußte sich gestehen, daß Renata ganz wunderhübsch aussah. Sie wußte ja daneben ihr eigenes reizendes Bild, das an Schönheit und Jugendfrische jede übertraf, fieberhaft aufgeregt trippelte sie unruhig hin und her, bis man die ersten Gäste hörte, da flog sie hinaus. Anna folgte langsam mit Renata. „Wissen Sie auch, daß mein Bruder nun Doktor ist?" fragte sie mit schwesterlichem Stolze.
„O, dann kann ich ihm heute gleich gratulieren," sagte Renata erfreut.
Der Schwarm der Gäste wuchs immer mehr an, Renatens Herz klopfte beinahe hörbar, und sie meinte, es müsse ihr jeder ansehen, daß sie das erste Mal in der Welt sei. Aber durch all den Wirrwarr der lachenden und schwatzenden Stimmen hörte sie doch eine, die sich ihr näherte und dicht neben ihr einen herzlichen Gruß bot. Fast hilflos sah sie zu dem neugebackenen Doktor der Philosophie auf, er lachte sie vergnügt an: „Sie sehen ja ganz ängstlich aus, Fräulein Renata?"
„Ach, es ist mir so sonderbar unter den vielen fremden Menschen," seufzte sie.
Er betrachtete sie mit unverhohlenem Wohlgefallen, so jugendlich und echt mädchenhaft hatte er sie noch nie gesehen.
Er nahm lächelnd ihren Glückwunsch an und behauptete, die neue Würde noch gar nicht repräsentieren zu können.
„Haben Sie Frida schon begrüßt?" fragte Renata.
„Es war nicht möglich durch den Schwarm, der sie umgiebt, durchzudringen."
Frida feierte allerdings Triumphe, und wie eine Feenkönigin nahm sie die Huldigungen an, in einer Wolke von Liebenswürdigkeit schwebend. Sie hatte wohl bemerkt, daß Viktor da war und nicht sofort die Kette ihrer Ritter durchbrochen hatte, und jetzt stand er neben Renata im eifrigen Gespräch,' ein Schatten flog über ihr helles, rosiges Gesicht.
Man zog in den Garten, der trotz seiner mäßigen Größe in sommerlicher Pracht blühte. Viktor begrüßte die Festkönigin, aber sie warf den rosenbekränzten Kopf auf und sagte spitz: „Sie kommen spät, Herr Doktor."
„Meine Anstrengungen, den Kreis Ihrer Trabanten zu durchdringen, waren vergeblich, ich mußte warten, bis die Sonne hinter den Wolken wieder vorkam," sagte er mit einer tiefen Verbeugung.
„Andere machten doch wohl noch größere Anstrengungen," erwiderte sie kurz und wandte ihm den Rücken.
Er sah ihr nach, und sein hübsches, feines Gesicht rötete sich vor Unwillen, aber dann mischte er sich unter die Bekannten.
Das Feuerwerk war abgebrannt- es wurde kühl im Garten, und die junge Welt wollte tanzen. Das große Wohnzimmer war dazu hergerichtet, und so ordnete sich schon die Polonaise im Garten. Frida stand mit einem auffallend hübschen Studenten an der Spitze und ließ die strahlenden Augen übermütig umherschweifen. Doktor Burghoff war nicht sür sie da, was brauchte sie ihn denn?
Sie zogen an Viktor vorüber, sein Gesicht war ruhig, er trat zu Renata und bat sie um diesen und den nächsten Tanz.
„Ich tanze nicht," sagte sie leise, einen Schritt zurücktretend.
„Warum nicht?"
„Ich bin ja in Trauer," fuhr sie beklommen fort, sie fühlte einen Stich im Herzen, als er forrfuhr:
„Aber heute doch nicht," und mit seinen Augen ihr weißes Kleid streifte.
„Laffen Sie mich," bat sie- „es sind ja so viel hübsche Mädchen da," und doch war sie traurig, daß sie nicht mit ihm gehen sollte.
„Rein, Fräulein Renata, ich möchte mit Ihnen gehen, und wollen Sie nicht tanzen, dann gewähren Sie mir nur die Polonaise." Er sprach so warm und offen und sah sie so bittend an- konnte sie widerstehen? Sie senkte den Kopf, und im nächsten Augenblick lag ihre Hand auf seinem Arm.
An der Hausthür blickte sie auf, da stand der Profeffor, dem sie vorhin gesagt, sie werde nicht tanzen. Sein großer, erstaunter Blick traf sie, und wieder senkte sie den Kopf wie unter einer Schuld. Aber dann kam die noch nie gehörte Tanzmusik mit ihren verführerischen Weisen, sie sah die Jugend in anmutiger Gestalt rings um sich, und sie ging an Viktors Seite.
Nach Beendigung der Polonaise blieb sie aber fest, sie tanzte nicht, und war es denn nicht viel schöner, daß er neben ihr stand und mit ihr sprach?
Hernach zog sie sich still zurück und sah ihn mit manchem hübschen Mädchen vorüber fliegen. Jetzt stand Viktor vor Frida und bat um einen Tanz. War es möglich, daß er das mit solch unbefangenem Lächeln that? Empört wollte sich die zürnende kleine Fee abwenden, aber seine Augen blickten so eigen in ihr Gesicht, ein dunkles Gefühl sagte ihr, daß er, abgewiesen, nicht wieder kommen würde, vielleicht nie. Ihre feinen Hände zerbrachen fast den Fächer in innerem Kampfe, und er sah sie noch immer so ruhig an- seine Augen siegten, und sie sagte ihm mit stummem Nicken zu. Zur Sühne fertigte sie ihn am Schluß mit einer hochmütigen Gebärde ab und wandte sich, ohne ihm ein Wort zu gönnen, an ihre Nachbarin. Er schien aber auch keins zu erwarten, sondern drehte sich gleichfalls nach der anderen Seite. Mit Mühe hielt Frida das strahlende Lächeln auf ihrem Gesicht fest, in ihr wogte es unbeschreiblich, ihre Eitelkeit war tief verletzt durch Viktors Benehmen- meinte er wirklich Sieger zu bleiben? Nein, sie wollte es ihm zeigen, daß er ihr ganz gleichgültig sei.
„Sieh Dir nur diese Renata Wendelin an, Viktor", sagte Max, seinen Kneifer zurecht rückend, „sie sieht aus wie eine Prinzessin- schade, daß sie nicht tanzt."
Renata zog noch mehr Blicke auf sich, ohne es zu ahnenzuweilen begegnete sie auch den ernsten Augen des Professors. Gesprochen hatte er wenig mit ihr und wie dachte er wohl über sie, daß sie hier war im weißen Kleide? Wars doch noch kein Jahr, daß er den Bruder bleich und sterbend ins Haus getragen. Der Kopf that ihr weh von all dem ungewohnten Lichterglanz, es war so heiß und drückend. Sie warf ein Tuch auf die Schultern und verließ das Zimmer, sie sehnte sich nach kühler Nachtluft.
Vom Vorsaal aus führte eine Glasthüre auf eine hölzerne Gallerte, die an der Hinterseite des Hauses entlang lief. Dorthin ging Renata, aber keine erfrischende Luft wehte ihr entgegen, obwohl Millionen Sterne am Himmel funkelten. Im Südwesten rückte es dunkel und unheimlich herauf, und dann und wann flammte es in der Wolkenwand auf. Unten im Grase zirpten die Grillen, und die Leuchtkäfer flogen durch die Augustnacht.
Renata schreckte auf, ein fester, elastischer Schritt kam über den Vorsaal und näherte sich der Glasrhüre. Sie wurde geöffnet und an den Umrissen erkannte Renata Viktors Gestalt.
„Renata, find Sie hier?" fragte er gedämpft.
Sie bejahte leise, aber er hörte es und trat rasch heran, die Thüre hinter sich schließend.
„Fräulein Renata," sagte er mit erregter Stimme, „ich suchte Sie, hören Sie mich nur wenige Minuten an."


