Ausgabe 
28.5.1899
 
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Aber wenn Sie sich noch zu angegriffen dazu fühlen, so will ich es meinem Bruder sagen und darauf bestehen, daß er Ihnen erlaubt, die ganze Nacht in Ihrer Kajüte zu bleiben."

Sie sind sehr freundlich und fürsorglich, aber meine Taufe hat mir wirklich nichts geschadet. Ich bin vielleicht etwas ernst gestimmt, aber das ist wohl natürlich nach einem Kampf mit dem Tode. Damit aber gestehe ich Ihnen etwas, was ich niemand anders sagen möchte. Es ist auch ganz richtig: Sentimentalität ist auf See nicht angebracht. Herz und Gefühl härten sich unter den steten Gefahren allmählich ab. Kommt man um, nun, dann ist es eben zu Ende- und ist man mit knapper Not einer Gefahr entgangen, dann ist die Haaresbreite, mit der man ihr entronnen, ebensogut, als wäre sie gar nicht vorhanden gewesen- man wird aus­gelacht, wenn man davon spricht."

Warum sind die Seeleute so hartherzig?"

Na, hartherzig sind sie im Grunde nicht. Meist läßt ein falsches Ehrgefühl sie nur Gefühllosigkeit zur Schau tragen. Sie übertreiben eben das, was sie für männlich halten - aber auch der weichmütigste Seemann ist nur ein rauhes Geschöpf, und ich wundere mich nicht, daß Damen sie nicht lieben."

Sie entgegnete hierauf nichts, sondern hielt ihre Augen eine Weile auf Deck gerichtet- dann sagte sie:

Ich dachte, das Boot würde Sie nie erreichen. Oh, wie verzweifelt langsam schien es mir zu sein, als ich ihm nachsah!"

Ja, ohne die ausgeworfene Rettungsboje wäre ich auch jedenfalls ertrunken."

Ich habe sie geworfen!" rief sie, zu mir aussehend.

Sie?"

Ja- sie hing dort am Gitter, wie man es, glaube ich, nennt. Ich machte sie eilig los und warf sie beinahe im selben Augenblick ins Wasser, als ich Sie fallen sah."

Dann verdanke ich Ihnen also mein Leben."

Mir?" fragte sie mit freudiger Ueberraschung.

Ganz gewiß, allein Ihnen. Wäre die Boje eine Minute später geworfen, so wäre sie außer meinem Bereich gewesen, ich würde nicht mehr die Kraft gehabt haben, mich gegen die schweren Wogen zu halten und auf sie znzu- schwimmen."

Gott sei Dank dann für meine Geistesgegenwart!" sagte sie.

Ich war ergriffen durch den Gedanken, daß ich meine Rettung der Hand verdankte, die ich liebte, der schnellen Entschlossenheit des Mädchens, welches mein Herz erfüllte. Handlungen und Stillschweigen können einen Gedanken aus- drücken und gegenseitiges Verständnis kann durch eine Ge­bärde, eine Kopfbewegung, einen Blick, kurz, durch die aller­geringfügigste momentane Eingebung hervorgerufen werden. So glaube ich, daß ich in diesem Augenblick, ohne meine Lippen zu öffnen, ihr sagte, daß ich sie liebte, und ich bin überzeugt, daß es dieser Augenblick war, in welchem sie meine Liebe entdeckte. Wie geschah dies? Wie konnte ich davon überzeugt sein? Wie konnte ich ihre Gedanken lesen und sie die meinen, bei keinem helleren Licht als dem schwachen Schimmern der Sterne?

Sie wandte sich ab und blickte über das Geländer auf die See hinab. Ich machte einen Gang um das Deck und begegnete ihr wieder, als ich zurückkam.

Mr. Chadburn," sagte sie,was wird wohl nach Ihrer Meinung das Resultat von Mr. Sloes schlechter Behandlung der Leute sein?"

Ich werde Ihnen offen antworten: Wenn Mr. Sloe seine Art nicht ändert, werden die Leute meutern."

Sie meinen, sie werden sich weigern, zu arbeiten?" Nun ja, das ist auch eine Art der Meuterei." Was, fürchten Sie mehr?"

Ich gab keine Antwort. Sie legte ihre Hand auf

meinen Arm, wie ein Kind, und zog mich von dem Ober­licht fort.

Sie erschrecken mich!" rief sie.Was fürchten Sie eigentlich?"

Wenn die Leute sich der Gefahr aussetzen, mit dem Galgen Bekanntschaft zu machen, werden sie sich sagen: Einerlei, was wir begehen, wenn wir doch dafür gehangen werden."

Wie könnten sie gewonnen werden?"

Ich weiß kaum, wie ich Ihnen antworten soll. Un­zweifelhaft hat Kapitän Franklin unklug gehandelt, als er den Totschlag des Knaben mit Stillschweigen überging."

Das ist es ja, was ich ihm gesagt habe!" rief sie wie atemlos.Ich sagte ihm: der Maat hat in seiner unmensch­lichen Rohheit ein Verbrechen begangen, die Leute erwarten, daß du ihn bestrafst- aber er antwortete: was kümmert mich die Behandlung der Leute- das ist Sloes Sache- er ist der richtige Mann, das Volk in Ordnung zu halten."

Sie werden begreifen, Miß Franklin, daß ich Anstand nehme, Ihres Herrn Bruders Ansicht einer Kritik zu unter­ziehen."

Aber warum denn?" unterbrach sie mich.Sie haben doch das Recht, Ihre Meinung zu sagen. Wir werden uns doch nicht den Mund verbieten lassen."

Der Kapitän eines Schiffes kann thun, was er will. Niemand darf seine Autorität antafien."

Wollen Sie damit sagen, daß er den Knaben töten kann, wenn er Lust dazu hat?" rief sie mit weit geöffneten Augen.

Ich konnte das Lachen nicht unterdrücken, als ich sagte: Natürlich ist er dem Gesetz am Lande verantwortlich- aber ich wüßte nicht, was ihn auf See hindern könnte, Knaben zu töten, wenn die Mannschafk nicht gegen ihn aufsteht."

Oh, Mr. Chadburn, wie können Sie bei einer so ernsten Sache lachen? Sie sollten meinen Bruder zur Einsicht zu bringen suchen."

Wenn ich das versuchte, würde der morgende Tag mich wieder im Vorderkastell sehen, auserwählt für die schwersten und schmutzigsten Geschäfte. Glauben Sie mir, von meiner Seite würden alle Vorstellungen nichts fruchten."

Meinen Sie nicht, daß es Ihnen gelingen könnte, die Leute zu bewegen, Mr. Sloes schlechte Behandlung geduldig zu ertragen, bis sie nach Sydney kommen?"

Wenn durch ein Wort zur rechten Zeit irgend etwas Gutes erreicht werden kann, so können Sie darauf vertrauen, daß ich dieses Wort sprechen werde," sagte ich.Ich wundere mich, daß Kapitän Franklin nicht an die gefährliche Lage denkt, in die er Sie bringt, wenn er seinem Maat gestattet, die Leute in solchem Maße zu erbittern."

Während ich so sprach, kam er auf Deck. An der Kampanje stehen bleibend und scharf nach uns blickend, schrie er:

Wer ist das?"

Sind noch andere Damen an Bord, daß du mich nicht kennst?" antwortete sie verdrießlich.

Komm in die Kajüte!" rief er zornig.

Sie wünschte mir gute Nacht, und ging, sich Zeit nehmend, nach der Kajütentreppe. Dort hörte ich sie mit einem entrüsteten Schluchzen in der Stimme zu ihm sagen:

Du sprichst zu mir in einem Ton, als wenn ich einer deiner Leute wäre".

Sowie sie herunter gegangen war, schritt er auf mich zu und schrie mich zornig an:

Sind Sie noch nicht lange genug aus See gewesen, um zu wissen, daß Ihnen nicht erlaubt ist, zu schwatzen, wenn Sie im Dienst sind?"

Miß Franklin beglückwünschte mich zu meiner Errettung".

Das entschuldigt Sie gar nicht, ich halte mich an Sie. Die Brigg ist während Ihrer Wache Ihren Händen ander-