Ausgabe 
28.5.1899
 
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/5m u "icht mit den Menschen rechten, 6%4J Weil sich ihr Weg von deinem trennt;

Denn jedes Herz folgt eig'nen Mächten Und Wegen, die's allein nur kennt. Auf denen es das Ew'ge finde, Das keine Brust entraten kann, Der Eine sieht's am zarten Kinde, Der And're suchte im grünen Tann. Der Eine in den heil'gen Mauern, Wo Tausende dem Heil genaht; Der And're in den Wonneschauern Des Schaffens und der kühnen That. Doch über Jeden kommt die Stunde, Wo sich in Weihe neigt sein Geist; Arm ist nur der von Herzensgründe, Der's nie erlebt, was Andacht heißt.

Carl Stieler.

(Nachdruck verboten.)

Die kleine Lulu.

Seeroman von Clark Russell.

(Fortsetzung.)

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Mein Retter.

Von einem Vorfall dieser Art wird auf See nicht viel hergemacht. Das einzige, was der Kapitän darüber bemerkte, war:In Zukunft sehen Sie sich besser vor, ich habe keine Lust, meine Boote zu riskieren, und da das Tauwerk den Menschen nicht festhält, wie die Leimrute eine Fliege, so fassen Sie ein andermal besser zu."

Der Maat sagte gar nichts. Wäre ich während seiner Wache über Bord gefallen, so würde er mir wahrscheinlich einen .Fluch nachgesandt haben, weil ich ihm die Mühe machte, die Brigg beizudrehen und ein Boot nieder zu lassen.

Solche Art mag manchem unglaublich oder übertrieben erscheinen, aber keiner, der je auf irgend einem englischen Kauffahrteischiff gedient hat, wird die Wahrheit meiner Dar­stellung bestreiten.

Wenn jedoch der Unfall auch jedem andern ganz

gleichgültig war, so war ich davon doch tief ergriffen. Ich hatte mich in der That dem Ertrinken viel näher befunden, als angenommen wurde oder als ich mir selbst gestehen mochte. Ein Schwimmgürtel erhält einen Menschen nicht lange am Leben, wenn die Wogen sich über ihm brechen, und ich bin überzeugt, daß, wenn mich das Boot nicht bald erreicht, ich in den nächsten zehn Minuten meine Rechnung mit dem Leben abgeschlossen hätte. Infolgedessen sah ich so feierlich aus wie ein Geist, und als ich um acht Uhr auf Deck kam, um meine Woche bis um zwölf Uhr auzutreten, war ich in so melancholischer und sentimentaler Stimmung, wie ich mich kaum erinnere je gewesen zu sein.

Wo würdest du jetzt sein ohne jene Rettungsboje?" dachte ich im stillen und sah auf das dunkle Wasser nieder/ da unten, armer Jack, tief in dem schwarzen, grundlosen Wasser würde du als eine Leiche, als ein blasses Gespenst schaukeln, inmitten von tausend Faden Wasser, gestoßen von den Nasen der Fischen, umringt von leuchtenden Augen, die sich grauen vor deiner Häßlichkeit und um dich her Totenstille, ach Gott, welche Stille! Tief wie jene, welche herrschte, ehe diese Erde aus dem Chaos geschaffen wurde, eine Stille, in die kein Laut des mächtigsten Orkanes dringt, welcher an dem Dach des Hauses, das dich beherbergt, rüttelt und schüttelt, als wollte er es abheben und davon­führen." Es durchschauerte mich. Ich blickte auf zu den Sternen."Gott sei Dank, daß ich euch noch sehe!" flüsterte ich wie Manfred, nur mit ehrfürchtigerer Dankbarkeit.

Miß Franklin kam aus der Kajüte und schritt direkt auf mich zu.Ich habe noch nicht Gelegenheit gefunden, Ihnen zu sagen, wie froh ich bin, daß Sie mit dem Leben davongckommen sind. Ich war auf Deck, als Sie über Bord fielen, ich sah sogar gerade nach Ihnen hin, als Sie stürzten. Es war ein furchtbarer, entsetzlicher Moment. Ich zweifle, ob Sie mehr erschrocken sein können als ich, und derMchrei des Mannes am Rade:Mann überBord!" ging mir durch Mark und Bein."

Ein Seemann hat ein so zähes Leben wie eine Katze, Fräulein!"

Doch aber immer nur eins. Ich hielt die See zuerst für langweilig, aber ich finde jetzt, daß sie, im Gegenteil, zu aufregend ist. Sie müssen wunderbare Nerven und Kraft besitzen, um imstande zu sein, nach solchem Unfall schon wieder Dienst zu thun und sich unterhalten zu können. Müssen Sie auf Deck sein?"

Gewiß, ich muß doch meine Wache halten!" er« widerte ich.