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Das Lehrmädchen kicherte verständnisvoll, Und dem jungen Soldaten kam jetzt selbst das Lachen an.

Ach, Du gutes, dummes Tier!" platzte er heraus. Merkst Du denn nicht, daß ich Arrest gehabt habe?"

Arrest! schon wieder Arrest!" rief Frau Schmidt erschrocken.Warum denn?"

Weil ich mich nicht kujonieren lasse. Ich bin gerad' so gut wie die anderen und kümmere mich den Teufel um die Herren Vorgesetzten. Sie haben mich auf dem Strich, der Unteroffizier und der kleine Leutnant. Weißt Du, Mutter, wer mein Leutnant ist? Hoffmann mit den roten Backen, Hoffmann, mit dem ich zusammen in Pension war, mit- dem ich zusammen Nachhilfestunden hatte. War auch kein Licht, der gute Max- mußten's ihm gehörig eintrichtern. Aber sie haben ihm Zeit gelassen, und nun stehst Du, was aus ihm geworden ist. Während ich! Natürlich kennt er mich nicht mehr,- viel zu vornehm, der Herr Leutnant. Na, ich zahl's ihm heim, wie allen, die mir was zu leide thun. Du solltest mal sehen, wie ich die Kerle ärgere. Der Spaß ist mit den paar Tagen Arrest nicht zu teuer bezahlt. Die werden alle noch die Gelbsucht kriegen!"

Er lachte schadenfroh und nahm gierig den Napf mit Essen, den ihm die Mutter reichte.

Ach Gott! ach Gott! daß Du auch nirgends gut thun kannst, daß Du mir so viel Schande machst überall, und so viel Kummer!"

Der junge Mensch antwortete erst nicht, eifrig beschäftigt, die dampfende Speise zu löffeln. Als er damit fertig war und die Schüssel sorgfältig abgekratzt hatte, richtete er sich auf und sagte:

Schwatz' keinen Unsinn, Mutter. Ich habe Dir keine Schande gemacht. Ich wäre ein ganz ordentlicher Mensch geworden, wenn Du hättest mich meinen Weg sortgehenlassen. Aber mich unter das Pack zu stoßen, nachdem ich's ganz anders gewohnt war, das hättest Du nicht thun sollen. Das war schlecht von Dir! Frage nur, ob ich nicht gelernt habe, so gut wie die andern, wenn mir's gleich schwer fiel. Sie hatten mich auch soweit alle ganz gern; nur daß ich mir damals so viel auf Dich einbtldete. Deshalb haben sie mich weidlich ausgelacht. Sie waren eben klüger als ich." Die Frau stöhnte.Es ist nicht leicht, ein braver Kerl zu werden, wenn man vaterlos ist, wie ich. Und wenn man gar nachher so eine Sorte Vater kriegt! Den möcht' ich sehen, der das aushält."

Ach Gott! ach Gott!" wimmerte die Frau, ihren eigenen Kummer zugleich mit dem ihres Sohnes überdenkend.

Mit dem Flennen ist nichts gethan zu ändern ist auch nichts mehr," meinte er rauh,es ist zu spät. So, und nun lebe wohl."

Frau Schmidt hielt ihn zurück.

Warte noch einen Augenblick," bat sie.

Bis der Alte kommt? Danke, ich habe keine Sehnsucht."

Nein, nein!" wisperte sie geschäftig.Ich habe noch etwas für Dich."

Sie trippelte in den Laden, kroch in die Hintere Ecke desselben, wo die leeren Blumentöpfe in einander getürmt standen. Einem derselben entnahm sie ein Häufchen Geld­stücke. Mit einem Lächeln, in das sich etwas wie Spott mischte, huschte sie in die Kammer zurück und schüttete das Geld in die Hand ihres Sohnes, der es mit blinkenden Augen betrachtete.

Kanaille!" tönte es plötzlich hinter ihr, und eine kräftige Faust legte sich auf ihre Schulter.So treibst Du's? Dem Herrn Thunichtgut, dem Sohne, wird mein sauer verdientes Geld zugesteckt, mein Geld!"

Damit suchte er das Geld dem jungen Menschen zu entwinden. Der aber, obwohl schmächtig und schwächlich, war geschickter als er und entschlüpfte mit seiner Beute durch die Gangthür, die Schmidt bei seinem Eintritt offen gelassen hatte. Die Frau stieß ein schrilles Lachen aus.

--Dein Geld! Dein säuer verdientes Geld!" höhnte fie. Als ob Du je auch nur einen Pfennig verdient hättest, Du Tagdieb! Alles, was hier ist, gehört mir und ihm, meinem Sohne alles, alles! Jeden Bissen, den Du ißt, der Schnaps, mit dem Du Dich besäufst alles hast Du ihm gestohlen, Du versoffner Lump Du!"

Sie hatte ihre feine, gezierte Sprechweise völlig ver­gessen und schrie ihn mit kreischender Stimme an. Er blieb ihr nichts schuldig. Eine Flut von Schimpfworten strömte auf sie nieder. Dann ging er zu Thätlichkeiten über. Er packte die schwache Frau mit den Fäusten und schüttelte sie, bis sie laut heulte.

Laß die Mutter!" rief es plötzlich befehlend. Leo hatte ihr Wehgeschrei gehört und war in einer Anwandlung von Ritterlichkeit zurückgÄehrt, ihr Hilfe zu bringen.Laß die Mutter, Du Schuft!"

Damit versetzte er dem Trunkenbolde, der ohnehin nicht fest auf den Füßen stand, einen Stoß, daß er taumelnd zu Boden sank.

Für heut' hast Du Ruhe vor ihm, Mutter. Leb' wohl. Und nun geh', es ist ein Käufer im Laden."

XV.

Frau Schmidt, geborene Klara Rößler, mit dem Künstlernamen Clarissa Rosö, war ehemals Tänzerin gewesen. Auffallend hübsch, graziös und geschmeidig, hatte sie, ohne in ihrer Kunst Hervorragendes zu leisten, so lange sie jung war, keine Mühe gehabt, Engagements zu finden. Und An­beter ebenfalls. MÄst waren es nur flüchtige Liebschaften gewesen, beendet und vergessen, sobald sie den jeweiligen Aufenthaltsort wechselte. Sie war schon über die erste Jugend hinaus, als sie im Kreise leichtsinniger Gefährtinnen und nicht minder leichtsinniger Lebemänner, den Rechtsanwalt Andree kennen lernte. Er fand Gefallen an der schlanken, zierlichen Blondine und näherte sich ihr. Daß er verheiratet sei, wußte die ganze Gesellschaft- ebenso wußte man hier, was anderen Ortes nicht bekannt war, daß er es mit der ehelichen Treue nicht allzu genau nahm- zumal jetzt, wo seine Frau an den Folgen eines Wochenbettleidens seit fast einem halben Jahre krank darnieder lag. Die hübsche Clarissa wurde seine Geliebte. Dem Verhältnis entsproß ein Kind, Löon, wie ihrem französierten Nachnamen entsprechend, die Tänzerin den Knaben damals nannte, Leo Rößler, wie er im Geburtsregister eingetragen war. Durch dieses Kind nun, dessen Existenz aufs strengste verheimlicht werden mußte, hatte Clarissa ihren Geliebten vollständig in ihre Hand be­kommen. Ec wollte ihr anfangs, um sie ein für allemal abzufinden, eine größere Summe aussetzen, aber der Plan gelangte nicht zur Ausführung - er mochte wohl die erforder­lichen Mittel nicht haben beschaffen können, und Clarissa selbst zog vor, eine jährliche Rente zu erhalten - schon weil Andree dadurch mit ihr in Verbindung zu bleiben genötigt war. Nicht als ob sie darauf ausgegangen wäre, die Verhältnisse und die prekäre Lage ihres Geliebten auszubeuten. Sie war nichts weniger als berechnend- im Gegenteil: gutmütig, leichtsinnig, in den Tag hineinlebend, schwach und lenkbar. Aber sie brauchte viel- besonders als sie älter wurde und es mit den Engagements nicht mehr recht glücken wollte. An dem Knaben, einem zarten Kinde mit langen blonden Locken, hing sie mit großer Zärtlichkeit und sorgte nach Kräften für sein Wohl. Bei sich behalten konnte sie ihn nicht, doch wünschte sie ihn möglichst in ihrer Nähe zu haben - daher wechselte er anfangs, ihrem unsteten Wanderleben folgend, häufig seine Pflegeeltern. Das ging, so lange er noch nicht schulpflichtig war. Allein Clarissa hatte großes vor: er sollte studieren oder irgend etwas ganz Besonderes werden, deshalb übergab sie ihn, als er heranwuchs, einem gut empfohlenen Knabenpensionat in der Stadt, wo Andree wohnte. Dieser war damit nicht einverstanden. Indessen brachte die große Nähe keinerlei Unzuträglichkeiten mit sich, denn der Knabe kannte ihn nicht und lebte in dem Wahne,