(Nachdruck cerboten.]
Die Sünden der Väter.
Roman von Osterloh.
(Fortsetzung.)
„August!" rief sie und erhob bittend die Hände.
„Siehst Du wohl, Du brauchst mir den Namen gar nicht zu nennen. Ich finde meinen Mann allein; und wenn er nicht gutwillig zahlt, werde ich andere Saiten aufziehen."
„Es nützt nichts. Thu's nicht, August, versprich mir's!"
„Fällt mir nicht ein. Na, heute geh' ich noch nicht zum Liebsten und morgen auch nicht, Für heute —" Er verschluckte den Rest des Satzes und trat, das Lehrmädchen, das eben eingetreten war, beiseite schiebend, an den Ladentisch. Dort öffnete er ein Schubfach und scharrte mit der Hand darin herum.
„Fünfzig Pfennig? — Das ist alles?"
„Ich habe vorhin ein Stöckchen verkauft," erklärte das' Lehrmädchen.
„Und heute morgen — der Kranz und das Bouquet?" forschte Schmidt barsch.
„Ich habe das Geld der Gärtnerin auf Abschlag gegeben," stotterte Frau Schmidt.
„Du lügst!" schrie Schmidt, die Frau heftig am Arm packend.
Sie krümmte sich zusammen.
„Gewiß und wahrhaftig!" beteuerte sie. „Sie liefert mir sonst keine Ware mehr. Bei Gott!" wiederholte sie.
Er zog seine Uhr, eine dicke, silberne Uhr an einer starkgliedrigen goldenen Kette.
„Ich werde schon noch dahinter kommen," brummte er, „das werd' ich! Warte nur! Für jetzt mag's gut sein."
Er fühlte noch einmal nach den fünf Zehnpfennigstücken, die in seiner Tasche klirrten, dann entfernte er sich ohne Gruß, indem er die Ladenthür hinter sich ins Schloß warf.
1899.
ur zu einem frisch entschlossen. Sei es Dulden, That, Genuß, Aus dem Zweifel, träg, verdrossen,
Stets beglückend hebt dich der Entschluß!
Gottfried Kinkel.
Das Lehrmädchen kicherte und streckte hinter dem Fortgehenden die Zunge heraus.
Die Frau sank erschöpft auf den defekten Rohrstuhl. In ihren matten Augen aber blitzte etwas wie Triumph.
„Wenn er nur endlich käme!" murmelte sie zwischen den halbgeschloffenen Lippen. Die Hände im Schoße, blieb sie geraume Zeit müßig sitzen. Dann faltete sie umständlich ihren Spitzenumhang zusammen und fing an, die Taille ihres Seidenkleides aufzuknöpfen, um sie einen Augenblick später nach abermaliger Ueberlegung wieder zu schließen. Er mußte ja heute kommen, und da wollte sie für ihn geputzt bleiben. Darauf versank sie wieder in ihre unthätige Träumerei.
Eine halbe Stunde mochte so dahin geschlichen sein, da ward leise die Ladenthür geöffnet, und ein junger Soldat schob sich behutsam herein. Er war kaum mittelgroß und so mager, daß die schlecht gehaltene Uniform schlotternd an seinem Körper hing. Sein Gesicht war nicht häßlich, aber krankhaft blaß mit einem unangenehm lauernden Ausdruck in den Augen.
Freudig sprang die Frau von ihrem Sitze auf.
„Endlich, 8eon !" rief sie. „Schon seit drei Tagen erwarte ich Dich."
„Leo," verbesserte der junge Mann. „Ich konnte nicht eher kommen."
„Keinen Urlaub erhalten, zuviel Dienst! Oh, Du armer Junge!" klagte sie in langgezogenen, gezierten Tönen.
Er brummte etwas Unverständliches.
„Hast Du nichts zu essen, Mutter? Ich bin ganz ausgehungert."
Frau Schmidt erhob sich dienstfertig und lief in den Nebenraum, nicht ohne aus verschiedenen Gründen das Lehrmädchen zu sich zu rufen. Diese zündete Feuer in dem kleinen eisernen Ofen an, und Frau Schmidt holte hinter einem Schranke ein Töpfchen hervor, das sie in die Röhre setzte. Bald kochte und brodelte es und erfüllte die Luft mit kräftigem Wohlgeruch.
Leo war ebenfalls herübergekommen. Er sog den Duft mit wohligem Behagen ein.
„Das riecht ja pikfein!" schmunzelte er und streichelte in einem Anfluge von Dankbarkeit die welke Wange der Mutter. „Das soll mir großartig schmecken. Wenn man tagaus tagein nichts wie Wasser und Brot gekriegt hat —"
„Wasser und Brot!" jammerte Frau Schmidt. „Ihr bekommt bloß Wasser und Brot?"


