Ausgabe 
27.4.1899
 
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Dreizehntes Kapitel.

Deacon.

Bis jetzt habe ich es unterlassen, den Leser mit einem Mann bekannt zu machen, welcher eine hervorragende Rolle in dieser Erzählung spielt.

Als ich das erstemal auf der Brigg war, hatte der Kapitän spottend von einem neuen Matrosen gesprochen, welchen er in Bayport geheuert hatte. Er sagte von ihm, er brauche nur Tonsur und Brille, um ein leibhaftiger Kaplan zu sein.

ES war dies derselbe Mann, der betrunken ins Wasser gefallen war. Sein Name war Deacon, aber die Mannschaft hielt diesen zu vornehm und hochtönend, und verwandelte ihn in Sniggers, eine Anspielung auf die Eigentümlichkeit seines Trägers, Gesichter zu schneiden, wenn er in Gedanken war. Ich werde aber unter seinem richtigen Namen von ihm schreiben.

Er war in der That eine bemerkenswerte Person,- ein sehr tüchtiger Seemann, behend und waghalsig im Takel­werk ; gewiß in jeder Hinsicht der gewandteste und gleichzeitig Pfisfigste Matrose unter uns allen. Trotzdem aber bin ich nie einem Menschen begegnet, der äußerlich so gar nichts von einem Seemann an sich hatte. Seine Gesichtsfarbe war ein ungesundes Weiß, seine Stirn frei und breit, sein Haar schwarz und in der Mitte gescheitelt. Dies letztere war mir ein Wunder/ denn da ich ihn nie einen Kamm benutzen sah, begriff ich ebenso wenig wie der Scheitel dahin kam, als König Georg begriff, wie das Mus in den Pfannkuchen gelangte.

Mit roter Nase, schwarz gekleidet, ein weißes Tuch um den Hals, war Deacon die vollendetste Karrikatur jener Klasse von Reisepredigern, die im Freien ihre Versammlungen ab­halten und dort wimmern und plärren.

Trotz seines heiligen Aussehens war er aber durchaus nicht besser wie die anderen, und eine ganze Woche, nachdem wir Bayport verlassen hatten, war er beständig betrunken, wenn auch nicht so, daß er seine Arbeit auf Deck nicht hätte verrichten können. Wir zerbrachen uns alle den Kopf, wo er sein Getränk her hatte. Einige glaubten, er wüßte einen geheimen Weg zu den Rumfässern, und Schnarch Jimmy bewachte seine Bewegungen mit höchstem Eifer, aber ohne Erfolg. Der schöne Blunt deutete an, er möchte nach Art der Kameele, die doch einen Wasserranzen in ihrem Bauch mit sich schleppen sollten, einen Grogranzen haben, aus dem er söffe, wenn ihn dürstete.

In einer Nacht jedoch, als das Vorderdeck vom Schnarchen wiederhallte, sah ich, wie er zu seiner Kiste schlich, eine Flasche herausnahm und trank. Am nächsten Morgen er­zählte ich, was ich gesehen hatte. Seine Kiste wurde auf­gebrochen und sieben Flaschen kamen zum Vorschein, von denen vier leer und drei mit Rum gefüllt waren, die sehr sorgsam unter seinen Kleidern verpackt lagen. Sofort wurde natürlich unter allgemeinem Jubel auf seine Gesundheit ge­trunken und nicht ein Tropfen übrig gelassen, damit, wie Liverpool Sam zu ihm sagte, er nicht fürder in Versuchung geführt werden möchte, seiner Gesundheit heimlich zu schaden.

Deacon nahm die Plünderung seines verborgenen Schatzes sehr gutmütig auf. Er sagte, er freue sich, daß Jack Chadburn die Entdeckung gemacht hätte. Ich wäre sein Lebensretter, und mir gehörte alles, was er besäße.

Worüm heft du denn äwer de gauden Droppeü nich mit em dellt?« fragte der schöne Blunt.

Weil ich mir nich Feinde aus euch andern machen wollte," antwortete Deacon, ohne zu zögern.Außerdem macht sich Jack Chadburn nich genug aus Rum, als daß ich ihm eine Freude damit gemacht hätte."

Da hast du recht, Sniggers," sagte ich.

Js dat nich eigendlich en lütten Deiwstahl?" erkundigte sich Welchh, das braune Naß auf dem Grunde seines Töpfchens betrachtend.

Natürlich is es das," antwortete Deacon.Wenn ich euch vor den Richter bringen wollte, würde jeder von euch wenigstens vierzehn Tage lang, bei Haferschleim, über seinen guten Witz nachdenken können."

Herrgott! iS dat en See-Avkat!" schrie der glückliche Billy.

Oh ja, ich kenne etwas vom Gesetz," erwiderte Deacon mit großer Wichtigkeit in Ton und Stimme.Ich habe mir schon einmal durch meine Kenntnis desselben fünfhundert Pfund gemacht, Maats."

Ich sah ihn an, als er so sprach, denn er hatte sich dabei mir zugewandt.

Wie kam das?" fragte ich.

Na," erwiderte er,wenn du deine Schnauze halten willst, Billy, so will ich euch erzählen, wie ich das anfing."

Also, Maats," begann er,ich war Vollmatrose an Bord desMonarch", eines Jndienfahrers, voll von Paffa­gieren und wertvoller Ladung. Ich hatte eine üble Ange­wohnheit, ich kann nicht sagen, wie ich dazu gekommen bin, aber ich schnitt zum Zeitvertreib in alles. Holzwerk, was mir gerade zur Hand war, meinen Namen und allerhand Figuren. Da seht mal, ich habe hier auch schon angefangen," unter­brach er sich und zeigte dabei auf das Kopfende seiner Pritsche, auf welcher sein Name Jasper Deacon sehr hübsch eingeschniten war.

Also," fuhr er fort, eines Nachmittags stand ich am Rade, wir waren im Stiltegürtel, Windstille hatte das Schiff befallen, zu steuern gab es nichts, kein Mensch war in meiner Nähe,- da nun, in Gedanken, ohne zu wiffen, was ich thue, ziehe ich mein Messer raus und fange an, das Rad zu kerben. Ich war so emsig bei meiner Arbeit, daß ich nicht bemerkte, wie der Kapitän kam, und als der steht, was ich gethan habe, fluchte er, schreit, es müsse ein neues Rad beschafft werden, und schwört es, ich solle es bezahlen. Er hielt auch seinen Schwur, denn es wurden mir richtig zehn Pfund von meiner Heuer abgezogen. Anstatt aber in Kalkutta nun auch wirklich ein neues Rad zu besorgen, behielt er das alte, und das Schiff wurde mit diesem ruhig heimgesteuert. Das hatte mich natürlich geärgert, und ich ging deshalb gleich nach der Ankunft zu Hause zu einem Advokaten. Dem er­zählte ich die Geschichte uud fragte ihn dann:

Kann ich nicht gegen die Reeder klagen, weil sie mein Rad benutzt haben, das Rad welches ich bezahlt habe?"

Natürlich können Sie das," sagte der.

Gut," fuhr ich fort,dann werden Sie auch meiner Meinung sein, daß, wenn der Kapitän nicht mein Rad ge­habt hätte, er auch nicht das Schiff mit Ladung und Passa­gieren würde haben nach Hause steuern können."

Ganz richtig," sagte der Advokat.Uebergeben Sie mir den Fall."

Das that ich. Der Advokat verklagte nunmehr die Reeder wegen einer Schuld von tausend Pfund und der Richter, nachdem er die Sache nach allen Seiten gedreht und sich zurecht gelegt hatte, sah ein, daß das Schiff ohne Rad nicht hätte fahren können, und daß es mein Rad war, mit dem es gesteuert worden war,- er erklärte den Sachverhalt den Geschworenen, und diese erkannten mir die Summe zu, die ich euch genannnt habe."

Ich sühre diese Erzählung nur an als Beispiel von Deacons Sprechweise. Er war kein gewöhnlicher Mann, in dem Sinne, in dem es die anderen waren. Er besaß eine Kenntnis des Lebens, oder vielmehr der Zustände am Lande und des Treibens in den Städten, wie man sie selten bei Seeleuten findet- und dies verriet sich auffallend bei allem, was er so bei Gelegenheit erzählte. Im allgemeinen sehen die Matrosen die Welt in ähnlicher Weise als ein Vorder­kastell an, wie der Philosoph sie als eine Schaubühne be­trachtet. Deacon war in Schiffen von allen Größen und Arten gesegelt- als Schiffsjunge hatte er seine Laufbahn auf einer Schmacke begonnen, mit der alleruntersten Sprosse der nautischen Leiter also angefangen- dann Hatto er auf