(Nachdruck verboten.)
Die kleine Lulu.
Seeroman von Clark Russell.
(Fortsetzung.)
Miß Franklin sah ihm lächelnd nach, als er wegging, dann kam sie an das Kompaßhäuschen, auf welches sie einige Minuten schweigend blickte.
„Jetzt," dachte ich, „komme ich brcttt.*
„Ist das Steuern schwer?" fragte sie.
„Oh, nicht sehr," antwortete ich. Mein Herz schlug doch ein wenig rascher, nachdem sie mich angeredet hatte.
„Ich möchte es gern lernen," sagte sie.
„Ich würde glücklich sein, es Sie zu lehren, wenn der Kapitän es erlaubte."
Sie wandte sich um, um mich anzusehen, und ich war betroffen von ihrem Blick. Er war sicherlich kalt, hatte aber nichts Verletzendes oder Verächtliches an sich, nur ein gewisses Sinnen, etwas ernst Prüfendes lag darin. Ihre schönen Augen trieben mir das Blut ins Gesicht- habe ich nicht schon gesagt, daß Jack ein schüchterner Mensch ist? Ich zweifle nicht, daß ich wie ein rechter Esel aussah in dem Wunsch, ihren mich gan^ verwirrenden Blicken ruhig zu begegnen.
„Ich wundere mich, daß ein Mann wie Sie zum Vorderdeck gehören kann," sagte sie. (Hierbei betonte sie „Vorderdeck- stark.) Mr. Sloe, als Offizier, ist schon schlimm genug, wie müffen da seine Untergebenen, die Matrosen sein!"
Der alte Windwärts sah zufällig in diesem Augenblick zu uns hin. Er runzelte zornig die Stirn, als er uns sprechen sah, konnte doch aber nichts sagen. Die Schwester des Kapitäns durfte sich unterhalten, mit wem sie Lust hatte, und es war nicht meine Schuld, daß sie mich angeredet hatte.
„Sind Matrosen weniger wert als er?" antwortete ich.
Wf*
icht der ist auf der Welt verwaist, Dessen Vater und Mutter gestorben, Sondern der für Herz und Geist
Keine Lieb' und kein Wissen erworben.
Rückert.
„Er hat diesen Morgen einen Mann geprügelt, hörte ich.
„Mit einem Tauende," sagte ich, meinen Blick auf die Segel richtend.
„So erzählte mir mein Bruder. Wie können Männer es nur ertragen, geschlagen zu werden! Ich möchte um alle Schätze der Welt nicht Seemann sein- und wenn ich dafür nach fünf Jahren Königin von England werden könnte. Ich darf gar nicht daran denken, daß ich die schöne Sommerlandschaft, die Heuernte, die Felder und Blumen aufgebe für — für die Möglichkeit, zu ertrinken."
Ich wagte nicht zu fragen, warum sie denn bei solchem Widerwillen gegen die See das Land verlassen hätte.
„Was soll ich nur anfangen, wenn ich nach Sidney komme?" sagte sie. „Sind lauter Verbrecher da?"
„Das glaube ich nicht," antwortete ich ernsthaft.
„Gott gebe nur, daß ich glücklich wieder nach Hause komme. Ich würde niemals in einem Schiff wie dieses gesegelt sein, wenn mein Bruder nicht gesagt hätte, es würde mir gut thun. — Ah, da ist er ja. — Nun, Pfefferbüchse, ich hoffe, dein Schlaf hat dich erfrischt."
Augenscheinlich mißfiel ihm diese Form der Anrede in meiner Gegenwart, aber er hatte Takt genug, zu lächeln - dann sagte er mit leiser Stimme:
„Du solltest nicht mit dem Mann am Steuer sprechen."
„Das ist aber dumm. Es ist doch niemand da, mit dem ich sprechen könnte außer —" und sie machte eine Grimasse in der Richtung nach dem alten Windwärts.
Er nahm ihren Arm und führte fie weg. Es kam mir vor, als wenn er fie schalt, aber nicht unfreundlich. Jedenfalls glaubte ich zu erkennen, daß, aus welchem Stoff auch sein Herz bestand, es seiner Schwester gegenüber doch weich war.
Gleich nachdem sie ihre Strafpredigt entgegengenommen, ging sie nach unten, und ich hatte eine Stunde ungestörten Nachdenkens für mich, die ich ihr widmete.
Der Schluß, zu dem ich gelangte, w«r, daß fie ein frisches, ganz wunderbares Landkind wäre, wahrscheinlich eine Waise, die ihr Bruder wie ein Kettenhund bewachte, da er es plötzlich nicht länger verantworten zu können glaubte, sie unbeschützt und allein am Lande zu lassen. Vielleicht hatte er recht, wenn nämlich meine Vermutungen zutrafen - aber wollte er fie denn auf seinen Reisen mit sich umherschleppen, bis er selbst die See verließ?


