Ausgabe 
26.11.1899
 
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wie er begehrt, will ich sagen, als Geliebte, als Gattin, und das verlangt er doch."

Allerdings, daS ist wahr. Daran dachte ich gar nicht," erwiderte Marie errötend.

Daß er sie heiraten will."

Sie sann einen Augenblick nach, das Schicksal des Königs beunruhigte sie von neuem.

Halt, ich hab's!" sagte sie dann freudig.Er wird ihr einfach erklären, daß er ja gar nicht ihr Vater ist, daß er sich einfach eines Tages eines armen, kalten Marmor­blockes erbarmte und daraus ein Menschenbild machte, das nur durch seine Fürbitte bei der Göttin zum Leben erwachte, und sie wird ihm an die Brust sinken, wird selig sein, ihn lieben zu dürfen, wie er es begehrt. Sie wird ihn heiraten und die glücklichste Frau unter der Sonne werden, weil es ihr vor allen Sterblichen gegönnt ist, eine doppelte Liebe zu genießen die Liebe zu dem, dem sie die Auferstehung ver­dankt aus kaltem Marmortode, ihrem wahren Lebensspender, und die Liebe zu dem Gatten. So, da hast Du die ganze Geschichte. Ist sie nicht klug geworden, Deine kleine Dame? Ja, nicht wahr, jetzt weiß ich Dir wieder zuviel."

HolauS blickte unverwandt auf sein Kind, das ihm Plötzlich die geheimsten Kammern seines Herzens öffnete und sie ihres ängstlich gehüteten Inhaltes entleerte. ES war ihm, als milffe er sie verhindern an dem Frevel, als schwirrten dunkle, unheimliche Nachtvögel mit heraus, die er bis jetzt mit Mühe darin festgehalten- aber er vermochte es nicht. Den Blick starr auf das Bild gerichtet, hörte er ihr zu.

Als sie dann sichtlich betroffen von feiner sonderbaren Weise schwieg, und er sich rasch umwandte, stand Frau Opel vor ihm, welche eben unbeachtet von beiden eingetreten.

Wie immer kam sie unter dem Vorwande häuslicher Angelegenheiten.

Er unterdrückte mit Mühe ein hartes Wort, so un­angenehm berührte ihn jetzt ihr Erscheinen.

Was drängte sie sich immer zwischen ihn und seinen Liebling? Was hatte sie für ein Recht dazu?

Ich möchte Sie bei dieser Gelegenheit ersuchen," sagte er in gemessener Förmlichkeit, die seine Erregung schlecht verbarg,Fräulein Marie von nun an in der Führung des Haushaltes ewas freiere Hand zu laffen."

Der behäbigen Frau schlug wie eS wie eine Flamme in das gutmütige Gesicht, und um den noch immer energischen Mund zuckte es verdächtig, ob vor Zorn oder Schmerz war nicht zu unterscheiden.

Grad' heraus gesagt, Herr Holaus, die Frau Opel ist überflüssig geworden im Hause und soll sich zum Kuckuck scheren?"

HolauS machte eine abwehrende Bewegung.

Nun, Sie sagen es ja nicht, und ich bin nicht die Frau, die'S abwartet, bis Sie's sagen. Daß ich mir am Ende einen Abschied nach sechszehn Jahren ein bischen anders ge­dacht, das können Sie mir net verdenken."

Sie wischte sich mit dem Rücken der Hand, eine alte, unaustilgbare Gewohnheit, über die Augen, die schlaffen Züge schienen wieder auffallend gefestigt.

Und am Ende ist's besser so, was einmal sein muß, muß sein, und die alte Opel muß sich halt auch darein fügen."

Sie nestelte mit unsicheren Händen das Schlüsselbund los, welches Sie stets als Wahrzeichen ihres Amtes bei sich trug.

Da, Marieke, das eine Mal darf ich Dich schon noch so nennen, nimm's und rrag's in Ehren."

Marie blickte ratlos auf Holaus, der mit hastigen Schritten, die Hände auf dem Rücken, auf und ab ging, bald stehen bleibend und Miene machend, die Haushälterin zu unterbrechen, bald wieder die Achsel zuckend weiter schreitend; als ihr aber Frau Opel die Schlüssel hinreichte,

als sie die hellen Thränen in den lieben, treuen Augen sah, da hielt sie es nicht länger. Sie fiel der alten Freundin, die seit sie dachte, Mutterstelle an ihr vertrat, um den Hals und küßte sie.

Und Du glaubst, daß ich das ruhig mit ansehe, daß ich mein liebes Mutterl so mir nichts, dir nichts ziehen lasse. Nicht um alles in der Welt, eher"

Was eher?"

Holaus blieb dicht vor ihr stehen und sah sie mit einem Blick an, der nichts Väterliches an sich hatte, mit einem Blick, der sie beben machte.

Sprich es nur aus, eher verläßt Du Deinen Vater und gehst mit ihr?"

Aber Papa, habe Mitleid mit mir," erwiderte das Mädchen zaghaft, scheu ihn anblickend.Es ist alles so ganz anders geworden, Herrn Herrmann darf ich nicht mehr Onkel nennen, die gute Frau, die mir meine Mutter ersetzte, die Du selbst mich verehren und lieben lehrtest, soll plötzlich aus dem Hause, das ich eben betrete. Das ist alles so sonderbar, so unfaßlich"

Jedenfalls nicht so sonderbar und unfaßlich, als daß ein Kind seinen Vater zu verlassen droht, wenn ihm sein Wille nicht geschieht," entgegnete Holaus.

Das wollt' ich nicht, gewiß nicht," Papa.

Marie wandte sich stehend gegen ihn.

Ich weiß selbst nicht, wie mir in diesem Augenblicke war, was ich damit sagen wollte"

Aber ich weiß cs! Oh, solche Augenblicke sind sehr wichtig, da zeigt sich die Wahrheit. Natürlich! WaS bin ich Dir denn gewesen, was kann ein Mann einem Mädchen sein, und wenn es zwanzigmal sein Kind Sie pflegte Dich, zog Dich auf, wachte bei Dir, wenn Du krank warst, sie war Deine zweite Mutter." (Fortsetzung folgt.)

Lttterarisches.

Schneeflocken. Erzählung für Groß und Klein. Heft 16 bis 20 ä 10 Pfg. 100 Hefte gemischt Mk. 8. Berlin, Martin Warneck. Von dieser Sammlung sind wiederum fünf neue Hefte erschienen. Inhalt: Heft 16Weihnacht" von H. Groschke, Heft 17Vom guten und bösen Geist" Erzählung von Renata Pfannschmidt-Beutner, Heft 18 Vollkommen glücklich" von H. Groschke, Heft 19Wie es kam" von B. Mercator und Heft 20Engels Wanderung" von H. Groschke. Schon das in Farben prächtig ausgeführte Winter-Bild des Umschlages mit seiner schneebedeckten Tanne weckt ein gewisses Behagen. Dem entspricht auch der Inhalt der Heftchen. Es ist ein schlichter volkstüm­licher Ton, der durch alle Erzählungen geht, von christlichem Geist durchweht. DieSchneeflocken", von denen nun 20 verschiedene Hefte vorliegen, find in gleicher Weise zum Verschenken an Kinder wie an Erwachsene geeignet. Möchten sie recht viel zu Bescherungen in Sonntagsschulen, Krankenhäusern, Jungfrau en vereinen verwendet werden, sowie auch einzeln zum Beilegen. Der äußerst billige Preis von 10 Pf., 100 Hefte gemischt für Mk. 8., ermöglicht eine große Verbreitung. Gleichzeitig ist von der Band-Ausgabe der Schnee­flocken Band 2 erschienen; ein sehr gefälliger, in Farben prächtig aus­geführter Einband macht das Buch zu einem hübschen Geschenkwerkchen, Preis Mk. 1.50.

Auflösung des Kreuzrätsels in voriger Nummer: P S K e t a t r r

Petr o l eum Giro h sac k Karl s ruhe e a u u c h m k e

as wir bergen In den Särgen Ist das Erdenkleid, Was wir lieben, Ist geblieben, Bleibt in Ewigkeit

Redaktion: E. Burkhardt. Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.