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man, was dieses vor fremde Vögel find, welche zur dunklen Nacht auf den Dächern vor den Fenstern umherfliegen und mit solchem ungewöhnlichen Trauergeschreh den im sanften Schlaf begrabenen Hausvater beunruhigen und auferwecken rc."
Es hat fast den Anschein, als wäre diese europäische Furcht vor der häßlichen und totverkiindenden Eule mit den in grauer Vorzeit aus Asten herübergewanderten Völkern auf uns übergesiedelt worden, denn gerade im Orient ist der nächtliche Vogel erst wohl verhaßt und als kreischender Mahner an das letzte Stündlein fast überall verabscheut. Bereits in den uralten Märchensammlungen und Tierfabeln Altindiens spielt die Eule eine hervorragende Rolle, jedoch nur im ungünstigen Sinne. Im Pantschatantra vergleicht der König der Krähen die feindliche Eule mit Aama, dem Gott des Todes, und der Rigvede weist den Frommen an, diesen Gott des Todes durch Berschwörungsformeln zu vertreiben, sobald die Eule ihr schmerzliches Geheul vernehmen läßt, worin gleichsam ein Stück „symbolischer Heilweise" liegt, indem man den Krankheitserreger (hier Todverkündiger) als Arzr zur Hilfe heranzteht. Der Geist des Bösen, der hell fieht und im Trüben fischt, in seinen abscheulichen Handlungen aber Glück und Geschick zeigt, wird übrigens im Mahabharata mit der Eule in Parallele gestellt, welche jede Gestalt in der Nacht unterscheidet, wie uns Gubernatis mitteilt. Die Eule ist gleichbedeutend mit dem Monde, während sich in der Krähe die Nacht verkörpert. Um eine ernste Gefahr zu bezeichnen, spricht der Italiener bildlich: ,,Die Eule unter den Krähen," und ein deutsches Sprichwort sagt:
„Die Eulen und die Raben, Zwei, die einen Buhlen haben, Zwei Hund an einem Bein: Kommen selten überein."
Nun drängt sich uns wohl die Frage auf: Wie ist denn die harmlose Eule in solch üblen Verdacht gekommen? Bock erklärt in seiner Naturgeschichte (IV. S. 281) den internationalen Aberglauben mit folgenden Worten: „Das nächtliche Wesen, der geräuschlose Flug, der unheimliche Ton ihrer Stimme flößen Grauen ein. In alten Zeiten erzählte das Volk, die Eier des Schübuts (Uhus) habe noch nie ein Mensch gesehen." Diese Deutung ist scheinbar zutreffend, aber nicht befriedigend. Es ist feststehende Thatsache, daß die ihr nächtliches Wesen treibende Eule schon vor Jahrtausenden eine unheilvolle Bedeutung hatte und gleichsam das böse, zerstörende Prinzip verkörperte. Wenn die Bewohner Siebenbürgens am Tage eine Eule erblicken, so gilt ihnen das ebenso für ein „großes Unglück," wie nachts von ihr zu träumen. Galt doch nach Hanusch den alten Slaven dieser Vogel als „Verkörperung des bösen Geistes." Jene Vorsichtsmaßregeln der Dakas auf Borneo, beim Vernehmen des entsetzlichen Eulengeschrets sofort umzukehren, wird auch von den heidnischen Magyaren betrachtet, wie von Wlislockt berichtet wird. Wenn die ferndienenden Bauern Siziliens im Frühjahre die weinerliche Klage der gehörnten Eule, dort „jacoba" genannt, vernehmen, so gehen sie zu ihrem Herrn, um diesem sofort den Dienst zu kündigen. Schlagen einem Mecklenburger gehegte Hoffnungen fehl, so sagt man: „Dor het' ne Uhl seien" — und von einem Pechvogel, dem nichts gelingt, wird spöttisch bemerkt: „He is mit Uhlensaat beseit." Ueberall leuchtet also die teuflische Bedeutung der Eule heraus, und gerade aus diesem Grunde, sowie im Hinblick auf ihr nächtliches Treiben ist sie wohl in der ganzen Welt geworden — nm zum Schluß mit Ovid zu reden — zu einen
Bangenerregenden Vogel, der die drohende Trauer
Durch erschreckenden Ruf den geängsteten Sterblichen anzeigt.
(Unsere Meinung über den Totenvogel geht dahin: Mit dem Aberglauben teilt die Eule das Hausen im finstern; nicht umsonst aber ist fic zugleich das Sinnbild der Wissenschaft. Todesboten sind dem Menschen, der am Leben hängt, vonnöten, soll er nicht unvorbereitet die Fahrt ins jenseits antreten. Wohl dem, der überall zur Heimfahrt gerüstet ist, ihm ist der Totenvogel weder lästiger Mahner noch Schreckensbote; wer aber das Käuzchen fürchtet, der weiß warum. D. R.)
Nachdruck verboten.
Pygmalion.
Novelle von Anton Frhr. von Perfall.
(Fortsetzung.)
Der Frühling kam in die kahlen, nüchternen Räume. Einen Augenblick überließ er sich der Freude des Wiedersehens. Sie war sein reines, gutes Kind geblieben, sein Glück, sein Leben.
Dann aber wehrte er plötzlich ihrem Ungestüm.
„Höre, Marie, es ist besser, ich mache Dich gleich jetzt darauf aufmerksam — Du sprachest eben von Onkel Franz — das geht nicht mehr Du bist eine Dame geworden, — Franz ist ja mein Freund, ich schätz- ihn sehr, danke ihm vieles — aber eine zu große Vertraulichkeit dürfte sich für Dich doch nicht schicken."
„Gott, wie das alles ernst klingt! Ich fürchte mich ja ordentlich! Aber sei nur zufrieden, Papa, es wird alles recht werden. Vor der Hand freue ich mich nur, wieder bei Dir zu sein, in unserem lieben Heim. Aber hier drinnen ist eine häßliche Luft, na, warte, Papa, jetzt bin ich da, und wenn ich schon eine Dame bin, dann mußt Du mir auch ein bischen folgen. — So, die Fenster auf, die frische Frühlingsluft herein!* Sie öffnete beide Flügel. „Frau Opel hat mir schon erzählt, daß Du Dich krank arbeitest! Das dulde ich aber nicht. Jetzt bin ich die Dame des Hauses. Ah, da ist ja noch immer mein lieber Pygmalion."
Sie trat vor den Gobelin.
„Weißt Du noch, wie Du mir einmal die Geschichte erzähltest? Wie ich so furchtbar lachen mußte über den verliebten König — aber jetzt lache ich nicht mehr darüber. Jetzt verstehe ich das schon bester, wie man zuletzt auch eine Statue lieben kann, wenn man sonst auf der wetten Welt nichts hat."
„So? woher kam Dir denn dieses Verständnis?" fragte Holaus, sonderbar bewegt.
„Woher? Die Fremde lehrte es mich, das Fernsein von Dir, mein lieber Papa. Weißt Du, wer Dich mir ersetzen mußte? Aber lache mich nicht — Meine alte Puppe, die ich zur Erinnerung mitnahm, obwohl sie schon Sägespäne blutete. Sie schlief neben meinem Bett und manchmal wurde sie wirklich lebendig und erzählte mir von Dir, von der Heimat und dem König Pygmalion, den ich damals so ausgelacht."
Holaus vergaß allen Kummer und lachte herzlich über den drolligen Einfall.
„Und doch ist er ein ausgemachter Einfaltspinsel, der Pygmalion," begann er. „Er ist ja viel zu alt für seine Statue. Wenn sie völlig zum Leben erwacht ist, wird sie ihn tüchtig auslachen und in die weite, schöne Welt laufen, die ihr entgegenblüht und sich einen jüngeren suchen."
„Nein, das wird sie nicht thun, gewiß nicht," entgegnete Marie heftig. „Und wenn sie es thut, ist sie eine schlechte Statue, nicht aus edlem Marmor, sondern aus ganz gewöhnlichem Gips, sonst würde sie nicht vergeffen, daß sie dem Meister das Leben verdankt, jeden Atemzug, diese ganze, wette, schöne Welt, in die er sie laufen läßt."
„Ja, Kind, Dankbarkeit und Liebe hat doch miteinander nichts zu thun, im Gegenteil, sie wäre eine schlechte Statue, wenn sie Liebe heuchelte aus Dankbarkeit, und er ein recht alberner Meister, wenn er diese Liebe von ihr forderte, die nur als freies Geschenk ihn beglücken könnte."
„Das verstehe ich nicht, Papa," erwiderte das Mädchen. „Ich denke einfach, sie muß ihn liebe», sie ist ja ein Teil von ihm, sein eigener Gedanke —"
„Dann wird sie ihn als Vater lieben, aber nicht mehr—*
„Nicht mehr, sagst Du? Kann man denn jemand mehr lieben als seinen Vater?"
„Allerdings, mehr ist falsch auSgrdrückt. Nicht so lieben.


