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kräftiger, stolzer, trotziger bin ich geworden, und das soll mir jetzt in dem Kampf mit der Welt Nutzen bringen."
„Es sind bittere Worte, welche Sie da sprechen, Elsie, und bittere Erfahrungen müssen Sie gemacht haben, daß Sie so sprechen können. Aber diese bitteren Erfahrungen dürfen Sie nicht abhalten, weiter zu streben, weiter zu arbeiten, dürfen Ihnen vor allem nicht den Glauben an Gott, an seine Allgüte, seine Allmacht, seine Allweisheit rauben. Was Sie auch erfahren haben mögen, der Allwissende allein weiß, weshalb er Ihnen diese Erfahrungen gesandt, Sie müssen in Demut auf ihn vertrauen, Sie dürfen nicht trotzig gegen seinen Willen ankämpfen. Haben Sie den Frieden in der Welt nicht gefunden, so werden Sie den Frieden in sich finden, wenn Sie in vollem Gottvertrauen weiter arbeiten, weiter streben. Einen anderen Rat kann ich Ihnen nicht geben."
„Ich danke Ihnen für Ihren Rat, mein väterlicher Freund," entgegnete Elsie bewegt. „Ich werde versuchen, ihn zu befolgen. Und nun leben Sie wohl."
„Wohin gehen Sie?"
„Nach Berlin zuerst, ich habe auf ein Jahr Kontrakt mit einem Konzert - Unternehmer abgeschlossen. Von Berlin geht es durch die Hauptstädte Europas, dann nach Amerika, 4« meine alte Heimat."
„Und fürchten Sie sieb nicht vor der großen Welt?" Elsie lächelte stolz. „Ich habe das Fürchten verlernt. — Leben Sie wohl, Herr Rektor, nehmen Sie sich meines Vaters an, bis ich zurückkehre."
„Seien Sie unbesorgt." — —
So schied Elsie zum zweitenmale aus ihrer Heimat, aus dem Armenhause von Benneckenstein. Aber nicht mehr rin banges, zitterndes Kind, von thörichten Ahnungen und Hoffnungen beseelt, sondern frei und stark, ohne Zagen und Bangen, ohne Ahnungen und Erwartungen, aber auch ohne Glück und ohne Hoffen. Nur ein Ziel hatte sie im Auge: ihre Freiheit, ihre Selbständigkeit zu erringen! Die Welt lag nicht mehr vor ihr im Dämmerschein des Märchenzaubers, sondern klar und scharf umrissen, wie eine klare Herbstland- schäft, deren helle, durchsichtige Luft uns keinen Winkel, keine Wunde verbirgt, welche der heiße Sommer, welche die Sense des Schnitters der Erde geschlagen. Klar und scharf war auch das Auge Elsies geworden, fest auf das eine Ziel gerichtet, das ihr kein Glück, keine Freude, sondern nur Ruhe, Freiheit und Unabhängigkeit bringen sollte.
Sie tauchte unter in das Meer der Welt! Um sie brandeten die Fluten, schlugen über ihr zusammen, drohten sie herabzuziehen in die schlammige Tiefe, aber sie war eine kühne Schwimmerin und sie arbeitete sich empor mit starken Armen, festem Herzen und stolzer Seele. Die Angst, das Bangen, das erstickende Gefühl, welches andere Künstlerinnen bet ihrem ersten Auftreten empfinden, es blieb ihr fremd. Wie eine Fürstin, wie eine Königin im Reich der Kunst stand sie da, umbraust von dem Jubel der Menge, überhäuft mit Kränzen und Blumen, überschüttet von den Lobsprüchen der Rezensenten und getragen von der Begeisterung ihrer Verehrer.
Nur einmal fürchtete sie ihre Selbstbeherrschung, ihre Kraft zu verlieren. Es war in Berlin. In dem großen Saale der Philharmonie hatte sie gesungen und einen Triumph sondergleichen gefeiert. Die Menge applaudierte wie rasend; man drängte zum Podium, man überschüttete sie mit Blumen, mau bat und bettelte noch um ein Lied, die jungen Damen küßten ihr die Hände, die älteren Damen umarmten sie gerührt, begeistert, hingerissen. Und Elsie stand mit kaltem, stolzen Lächeln inmitten der jubelnden, begeisterten Menge, verbeugte sich hier- und dorthin und wehrte in kühler Zurückhaltung die allzu stürmischen Huldigungen ab. Sie entschloß sich, noch ein kleines Lied zu singen und gab das Zeichen zum Beginn der Begleitung.
Augenblicklich trat atemlose Stille ein. Elsies Auge flog mit sieghaftem Lächeln über die regungslose Menge, da
blieb ihr Blick an einer Gestalt haften, welche seitwärts der Bühne in einer halbdunklen Loge stand und sich weit vorbeugte. Das blaffe Antlitz, die dunklen Augen waren mit fast angstvoll bittendem Ausdruck erfüllt,- die Augen hingen an ihrem Antlitz, die leicht erhobene Hand schien sich ihr bittend entgegen strecken zu wollen.
Elsie erblaßte — sie erkannte den Herzog und hinter ihm da« scharfe, spöttische Gesicht des Rittmeisters, seines Adjutanten. Sie preßte die Hand auf das Herz und rang nach Atem. Es war das erstemal, daß sie ihm in der Welt wieder begegnete, der alte Zauber wollte ihr Herz, wieder umstricken, mit gewaltiger Anstrengung zerriß sie den Schleier dieses Zaubers, der sich um ihr Herz, um ihre Augen legte, und sich rasch nach der entgegengesetzten Seite wendend, sang sie das Schubertsche Lied „Gefrorne Thränen":
„Gefrorne Tropfen fallen von meinen Wangen ab. Ob es mir denn entgangen, daß ich geweinet hab? Ei, Thränen, meine Thränen, und seid Ihr gar so lau, Daß Ihr erstarrt zu Eise, wie kühler Morgentau?
Und dringt doch aus der Quelle der Brust so glühend heiß, Als wolltet Ihr zerschmelzen des ganzen Winters Eis . .
Als der Beifall verklungen und sie noch einen scheuen Blick nach der Loge warf, war sie leer. — Ihre Kraft war zu Ende, rasch zog sie sich zurück.
Am folgenden Morgen, als Elsie eben ihre Toilette beendet hatte, trat Frau Dorette mit wichtiger Miene in da» Zimmer — die treue, alte Seele hatte sich im Laufe einiger Monate zu einer vortrefflichen Stütze ihrer jungen Herrin emporgearbeitet. Mit natürlichem Verstand wußte sie sich bald in alle Lagen des abwechselungsreichen KünstlerlebenS hineinzufinden- fie war der beste Schutz für Elsie- ihr resolutes Wesen scheuchte jede dreiste Annäherung zurück, und selbst der Herr Impresario besaß einen heillosen Respekt vor dem „alten Drachen", wie er Frau Dorette zu betiteln beliebte.
„Nun, Dorette," fragte Elsie lächelnd, „was giebt es denn? Sie machen ja ein Gesicht, als stände ein König vor meiner Thür."
„Wenigstens ein sehr vornehmer Herr — der Herr Onkel von Ihnen, Fräulein Elsie."
„Mein Vetter?"
„Hier ist seine Karte. Der Herr Baron bittet mn eine kurze Unterredung."
„Freiherr von Hannecken, General z. D., Hoftheater- Jntendant" — las Elsie auf der goldumränderten, wappengeschmückten Karte. Sollte sie ihn empfangen? Schon wollte sie die Karte bei Seite werfen und Dorette anweisen, dem General zu bestellen, sie sei nicht zu sprechen, als ihr die Erinnerung an die freundliche Aufnahme in dem Hause de» Generals aufstieg. Es wäre undankbar gewesen, ihn schroff zurückzuweisen. Deshalb ließ sie ihn bitten, einzutreten. Einmal mußte sie ja doch eine Aufklärung ihres raschen Verschwindens aus der Residenz geben.
An ihrem Schreibtisch stehend, empfing sie den General mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, das die verlegene Erscheinung des alten Herrn hervorgerufen hatte. In tadelloser Besuchstoilette, in Frack, weißer Kravatte, den blitzenden Ordensstern auf der Brust, erschien der General und verbeugte sich in ehrerbietiger Weise.
„Ich freue mich unendlich, mein gnädiges Fräulein, daß Sie die Güte hatten, mich zu empfangen."
Elsie streckte ihm die Hand entgegen. „Aber Onkel, Excellenz," entgegnete fie mit leichtem Spott, „wozu solche Förmlichkeit zwischen uns? Ich danke Ihnen, daß Sie mich nicht vergeffen haben."
„Ich Sie vergeffen?" — der alte Herr atmete tief auf. „Ich werde meiner Lebtage an Sie denken, denn — denn Ihretwegen habe ich eine böse Stunde verlebt."
„Meinetwegen?"
„Ja, Elsie. Weshalb gingen Sie auf meinen Vorschlag nicht ein? Weshalb nahmen Sie mein Engagementsangebot


