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Hertha erklärte sich gleich bereit, sie zu führen, «te hatte nicht so gut geschlafen in dieser Nacht wie sonst- ihr wälzte sich das große Rätsel, das diese Personen umgab, im Kopfe herum. Baron Alberts auffallendes Benehmen gestern Abend beim Anblick der Fremden weckte neue Vermutungen. — Die Villany fah auch ein wenig bleich aus und hatte dunkle Schatten unter den Augen, erklärte aber, eine sehr gute Nacht gehabt zu haben und war lebhaft und liebenswürdig wie immer. Der Schloßherr war nie vor dem zweiten Frühstück für feine Gäste sichtbar, und man war gerade im Begriff, aufzubrechen, als Albert sich zu den Damen gesellte. Als er erfuhr, was man vor hatte, bat er um die Erlaubnis, sich anschließen zu dürfen.
Er sei freilich kein kundiger Führer, bemerkte er, denn es gehöre ja ein Studium dazu, um, die Neuschöpfungen auf dem Gute in ihren Einzelheiten zu würdigen und zu verstehen, und ihm mangele die Zeit dafür, da der Dienst ihn in Anspruch nehme. , .
Albert war heute ruhig und unbefangen. Es hatte aber Hertha gedünkt, als ob eine leichte Wolke des Unmuts über der Villany schöne Stirn geflogen sei, als Albert sich ihnen anschloß.
Sie verließen den Park und nahmen den Weg ins Dorf, an dessen Ende die Fabrik lag. Hertha erzählte, daß eine neue Erfindung in derselben gemacht sei, die, nutzbar geworden, reichen Gewinn versprach. Der alte Herr verstand es, sich bedeutende Menschen dienstbar zu machen, er hatte seine weitverzweigten Verbindungen überall, war imstande, reiche Geldmittel einzusetzen, und sein Geist erfaßte die fernsten Perspektiven. Man nannte ihn in der Gegend den Akttenbaron.
Hm — das war allerdings großartig, diese Kolonie, beinahe eine kleine Stadl. Hertha ward sehr lebendig, es erwies sich, daß sie hier recht gut Bescheid wußte, die Arbeiter, ihre Frauen und Kinder kannte und von ihnen gekannt und verehrt war. „Ich bin ja ein zu unstetes Wesen und halte mich hier immer nur ein paar Monate im Jahre auf," sagte sie lachend, „aber wenn ich mir vorstellte, Trautdorf wäre wirklich meine Heimat und mein Leben sollte sich hier abspielen, so würde ich mich riesig für den ganzen Kram begeistern. Und der Alte vom Berge müßte eigentlich jemand haben, der ihm für die Außenwirtschaft zur Seite stände, er hat ja dafür nur Fremde, er selbst ist gar nicht imstande, persönlich mit den Leuten zu verkehren. Sie, Albert, hätten eigentlich längst den Abschied nehmen und sich hier einarbeiten sollen."
Die Anrede erfolgte unvermittelt, und eine fliegende Röte kam und ging auf dem Antlitz des jungen Offiziers.
,,Der Onkel hat noch nie eine Andeutung eines solchen Wunsches mir gegenüber gemacht," entgegnete er.
„Ja — es ist auch möglich, daß dies nie Ihre eigentliche Sphäre wird, ein landwirtschaftliches Genie find Sie nicht."
Mathilde hatte bei dieser Rede zuerst Albert fest ins Angesicht geschaut, mit demselben gleichgiltigen, völlig fremden Blick, wie gestern Abend. Sein Aussehen war männlicher geworden, die weichen, damals noch beinahe kindlichen Züge waren fester, ernster, es war ein sehr schöner Mann. Aber diese Heriha schien ihm kalt gegenüber zu stehen, der ganze Ton ihres Verkehrens deutete auf keine Vertraulichkeit.
Der erste Direktor der Fabrik kam ihnen entgegen, begrüßte sie und erbot sich, sobald er den Zweck ihres Kommens erfahren hatte, zur Führung. Er habe vollauf Zeit heute morgen, und es sei ihm ein großes Vergnügen. Albert ging sichtlich zerstreut hinter den anderen und bereute, mitgegangen zu sein. Es war ein Impuls des Augenblicks gewesen, sie wollte ihn nicht kennen, und er mußte sich wappnen, sie beobachten und später einen Moment für eine Aussprache zu erhaschen suchen. Denn die wollte er erzwingen um jeden Preis. Er mußte sich ihr gegenüber
rechtfertigen und erfahren, auf welche Weise es ihr möglich geworden war, sich so emporzuarbeiten.
Wie sie so vor ihm herging, die im vollkommensten Ebenmaß gebaute Gestalt in dem Hellen, eleganten Morgenanzuge, deuchte es ihn ein phantastischer Traum. Täuschte er sich doch? Aber nein, eine kleine Bewegung, eine Miene in dem schönen, vertrauten Gesicht verscheuchte jeden Zweifel. Sie war es — und doch eine andere. Wie königlich sicher waren Haltung und Gang, ihr Wesen, ihre Manieren waren die einer großen Dame, einer verwöhnten Herrscherin, und sie stammte aus den kleinsten Verhältnissen. Ein wilder Schmerz bemächtigte sich seiner, er war einer der Unseligen, die nie zur rechten Zeit ihr Glück erfassen.
Wenn er sich damals die Geliebte errungen hätte mit etwas mehr Mut, Energie und festem Willen, hätte er wohl obgesiegt. Sie hatte jetzt bewiesen, daß sie zu wirken und zu siegen verstand. Aber er war damals ein leichtlebiger Knabe und sah die Welt als Lustgarten an. Jetzt wußte er, was Schmerz und Sorgen waren, er hatte sie gründlich kennen gelernt. Des Lebens Ernst war an ihn herangetreten, und seine redlichen Bemühungen, die Schäden aus jener leichtfertigen Zeit auszubeffern, hatten wenig Erfolg.
Seit die Möglichkeit, daß der ältere Bruder ihm dieses reiche Erbteil streitig machen könne, aufgetaucht war, hatte er eigentlich keine sorglose Stunde mehr gehabt. Mathildens Verlust und Verschwinden kam hinzu, und in ihm wuchs die Sehnsucht und das Streben, sich frei zu machen, auf eigenen Füßen zu stehen. Das war in seiner Lage nicht so leicht. Die Bleigewichte seiner rückständigen Schulden hingen an ihm, der Zuschuß des Onkels war reichlich und standesgemäß berechnet, aber er erlaubte ihm keine Extravaganzen, und in seinem teuren Regimente ließen sich schwer Einschränkungen machen.
Da lag ihm der Gedanke durch eine Heirat mit Hertha, welche eigenes Vermögen besaß, sich zu befreien, nahe, und er hatte während dieser Jahre oft einen Anlauf genommen, sich bei ihr das Terrain zu erobern. Sie war ja ein seltsames, ungewöhnliches Mädchen, es war ganz unberechenbar, wofür sie sich schließlich entschied. Er war eitel genug, trotz des wunderlichen Tones in ihrem Verkehren, seine Chancen nicht für ganz ungünstig zu halten. Aber er kam sich selbst bei seinem Courmachen unwürdig vor, er liebte das Mädchen gar nicht, sie ließ ihn kalt, wenn sie ihn auch nicht gerade abstieß. Es wurden freilich in seinen Kreisen eine Menge solcher Ehen geschloffen, und man sollte sich ja bet so kühler, ruhiger Stellung zu einander ganz mitsammen einleben, im Grunde aber graute ihm davor.
Er hatte doch noch immer ein leidenschaftlich empfindendes, heißes Herz, das Befriedigung suchte. Und nun trat sie, die einzig Geliebte, wieder in seinen Gesichtskreis, ihrer niedern Sphäre entrückt, im Strahlenkranz des Ruhmes, des Reichtums und der unbestrittenen Schönheit. Sein Herz krampfte sich zusammen — wieder eine ungleiche Partie. Es war ein keckes Stück jetzt von seiner Sette, um sie zu werben. Warum war sie hierher gekommen, wo sie wußte, daß sie ihm begegnen würde? Waren es Gedanken der Rache, die sie trieben? Wollte sie ihn höhnen und ihm zeigen: das hast du verloren. Oder war es ihr Herz, das noch für ihn schlug?
Während er so in seine Grübeleien verloren dahinschritt, wenig teil an dem nehmend, was da vor und neben ihm gesprochen wurde, fuhr er plötzlich zusammen. Eine Stimme klang an sein Ohr, welche er kannte.
„Ah! ah! Hier finde ich die Herrschaften,' guten Morgen, Komtesse, guten Morgen, Fräulein Villany."
Sein Bruder Hans, Mr. White, stand da, den beuligen Filzhut lüftend, und schüttelte jetzt dem Director die Hand.
Stürmte denn alles auf ihn ein — also Hans noch im Lande und hier auf diesem Boden — dem armen Albert tropften Schweißperlen auf der Stirn.
Mr. White wurde als alter Bekannter begrüßt, der


