678

»Gratuliere, Hans, gratuliere! Ein Prachtmädel geworden, die Marie."

Holaus trat vom Fenster zurück. Dieser ewig lachende Mensch war ihm in diesem Augenblicke in der Seele zuwider.

Mariens letzte Worte klangen in ihm nach. Sie waren ja nur scherzhaft gemeint, aber daß es die ersten sein mußten, die er aus ihrem Munde zu hören bekam das verdroß ihn. Da stürmte sie schon herein, hing an seinem Halse und küßte ihn. (Fortsetzung folgt.)

Eine Reiseerinnerung an Durban.

Von Marinepfarrcr a. D. P. G. Heims.

------- (Nachdruck verboten.)

Asiens Strand war hinter uns versunken, und nach zweiunddreißigtägiger Fahrt durch den Monsun des Indischen Ozeans mit seinem stürmischen Seegang gingen wir zu Anker angesichts der Berge Südafrikas auf der unwirtlichen Rhede von Port Natal, in zwei Seemeilen Entfernung von der brandungumbrausten Küste. Wenn dieser Ankerplatz in Daniels Großer Geographie" alsherrlicher Hafen" bezeichnet wird, dann zeugt das von großer Bescheidenheit des Berichterstatters. Mißvergnügt sah das hügelige, grünbewaldete Ufer, vor dem sich ein sandiger Dünenstreifen hinzog, auf das deutsche Kriegsschiff- auch der hohe, schlanke, weiße Leuchtturm auf dem ragenden Vorgebirge, das der Rhede nicht viel Schutz zu verleihen vermag, schaute zu uns herüber mit recht nichts­sagendem, fragenden Ausdruck. Aber die Fregatte wiegte sich, wie müde von der langen Fahrt, vor 140 Meter Anker­kette, und eilig kamen vom Leuchtturm her die krausen Seen der Bucht heran und spülten aufdringlich um ihren Bug, wildes, unnützes Volk, das seine eigentliche Natur erst weiter­hin zeigte auf derBarre", die vom Leuchtturm zum jen­seitigen Ufer hinüber den Eingang in das eigentliche Hafen­becken sperrt. Dort über der Barre wälzten sie sich tobend und flegelnd, schaumig und brausend dem Strande zu. Außer der deutschen Fregatte lagen verschiedene andere Dampfer und Segelschiffe auf der Rhede, die aber alle wie schwerbetrunken vor der gewaltigen Dünung schwankten - flinke kleine Schlepper fuhren zwischen ihnen hin und her und tauten auch wohl dieses oder jenes Fahrzeug über die Barre, die bei Hochwasser für Schiffe mit niedrigem Tiefgang passierbar ist. Weiße Tauchermöven, große mit schwarze* Flügelspitzen, flogen in Scharen über dem bewegten Wasser, um plötzlich wie ein niederzuckender Strahl mit solcher Gewalt auf ihre Beute niederzuschießen, daß der weiße Gischt hoch um sie aufspritzte. ZierlicheKaptauben" strichen über die See hin, die auch einer kleinen Mövenart angehören, oben braun mit weißer Zeichnung, als wären sie mit Kalk bespritzt - dunkle Seeraben mischten sich unter sie- feiner Wasserstaub versprühte auf den verwehten Seen- die Sonne ging hinter unfreundlichen Wolken unter, und ganz drüben, auf den Höhen, waren weiße Häuser sichtbar. Aber an ein Landen war für uns nicht zu denken mit eigenen Boten, so wenig wie für die englischen Ersatztruppen daran zu denken sein wird, auch für den Fall, daß die Buren dann die Stadt Durban noch nicht besetzt haben.Port Natal" heißt Hafen und Rhede darum, weil Vasco de Gama am diesNatalis, am Weihnachts­tage 1497, diesen Ankerplatz entdeckte. Die Stadt trägt den Namen Durban einem früheren englischen Gouverneur zu Ehren.

Passierbar ist die Barre nur für die dort gebräuchlichen Schlepper, die Tucks- und was und wen die Engländer ausladen wollen, wird auf ihnen die Durchfahrt erzwingen müssen. Und die ist gar nicht so einfach. Drohend tosen über der Barre die Brecher, die heranbrausenden, sich über­stürzenden, schäumigen Seen, über denen eS wie luftige, zerrissene Schleier im Winde weht- lang, breit, grünlich schillernd mit weißem Kamm rollt es heran, das reelinglose Dampfboot hebend und senkend, daß die Salzflut über das Deck des Fahrzeugs platschend hinspült, das taumelnd und

schaukelnd in der Brandung sich wälzt. Wenn eine feindliche Macht das Ufer besetzt und die Durchfahrt unter Feuer hält, dann dürfte eine Landung, ehe der Feind durch Geschütz feuer von der unruhigen Rhede aus unschädlich gemacht ist, zu den unmöglichen Dingen gehören. Und von bewegter See aus schießt es sich bekanntlich nicht gut auf feste Ziele. Ist die Barre passiert, öffnet sich hinter ihr ein großes, schönes, stilles Becken: der Has en. Es bestand ein großartiger Plan, ihn durch Wellenbrecher, Sprengungen und Baggerungen zu erweitern und für große Schiffe zugänglich zu machen. Zum Teil soll er durchgeführt sein.

Die seit 1835 besiedelte Stadt mit ihren freundlichen, breiten, regelmäßigen Straßen macht den angenehmsten Ein­druck: Große Läden, stattliche Gebäude, als Bank, Post­gebäude und Rathaus, niedrige, sauber gehaltene Wohn­häuser, elegante Klubs und zahlreiche Hotels, vtelarmige Gaskandelaber auf den Plätzen und die vielverzweigten Pferdebahnen in den Straßen alles gtebt dem räumlich außerordentlich langgestreckten Städtchen ein behäbiges und belebtes Aussehen.

Im ganzen zählt Durban jetzt wohl an zwanzigtausend Einwohner, die Farbigen eingerechnet- die größte Zahl der Weißen" wohnt auf der Berea, einer überaus weitgedehnten, den Berg hinaufgebauten Vtllenvorstadt mit oft prächtigen Gärten und hocheleganten Landhäusern, die von purpurnen und dunkelblauen Schlinggewächsen in üppiger Blütenpracht etngehüllt find. Die Blütenscheiden jener wunderschönen Euphorbia splendens glühten buntfarben durch die Ptsangs und Cypressen, und mit goldenen Früchten reichlich überladen standen die Orangebäume längs der schattigen Wege. Die Aussicht war hier oben mäjestätisch schön im funkelnden Abendsonnenlicht, das über den weiten Ozean, über die Bucht mit der wetßbrandenden Barre, den stillen Hafen und die freundliche Thalstadt seinen Schimmer goß. Und landeinwärts begrenzten die hohenDrakenberge", die Grenze gegen den Oranje-Freistaat, den Blick- immer ein Stockwerk über das andere hochgebaut. Nach den anderen Seiten verlieren sich die kleinen und einfachen Kolonistenhäuser allmählich in Busch und Heide und Weide, aus der, nahe dem bewaldeten Berg­ufer, sich einzelne der eigenartigen, backofenförmig gewölbten Kaffernhütten abhoben.

Diese Kaff ern sind überhaupt ein eigenartiger Schlag. Fast alle Arbeiter in Durban und ganz Natal find Zulu- Kaffern, meistens sechs Fuß große, merkwürdig schön und kräftig gebaute Burschen von der Farbe gut gebräunter Kaffee­bohnen, mit strammer Muskulatur, besonders auch der Beine. Die festen Gesellen müssen einem gefallen, wenn sie fröhlich lachend die prächtigen Zahnreihen leuchten laffen, zwischen ihnen eine Zunge zeigend, die wie rot lakiert ausfieht, während ihnen die wolligen Haare, in ungezählte Zöpfchen geflochten, steif vom Kopfe abstehen. Zum Gruß deuten sie mit dem Zeigefinger des rechten Armes nach oben, uns anredend in den fast melodischen Tönen ihrer weichen, etwas singenden Sprache mit den unnachahmlichen Schnalzlauten. Dazu liegt in ihrem ganzen Auftreten etwas Freies und Selbstbewußtes, und solch ein Kaffernkrieger ist ein ganzer Kerl.

Die dunkelfarbigen Weiber ließen sich auf den ersten Blick schwer unterscheiden, ob zu den Zulus oder den Indianerinnen oder Madagassinnen gehörend, die auch viel­fach eingewandert find- alle mit silbernen oder messingenen Ringen um die runden Arme, das Handgelenk und die Knöchel, ja die Zehen, und mit federndem Schritt ihre Wäsche- oder Gemüseladung in stolzer Haltung auf dem Kopfe tragend, teils in bunte malerische Gewänder, teils in abgelegte, europäisch garnierte Kleider und Jacken älteren Schnitts ge­hüllt. Daheim im Kral macht ihnen die Wahl ihrer Toilette weit weniger Qual.

Eine andere anziehende Ausschmückung der Straßen waren die gewaltigen Plumpen Ochsenkarren der Buren, mit bis zu vierzehn Paaren jener großen, langhörnigen Rinder bespannt, die für Südafrikas Verkehrsleben ja überaus