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war totenbleich, sie hatte ihn gleich erkannt, ob auch das energische Kinn von dunklem Bart verhüllt war.

Was ist Dir Lieb, bist Du krank?"

Sie zwang ein mühsames Lächeln auf die Lippen. Das Stück hat mich erregt".

Ja, es hat auch mich gepackt, ein herrliches Werk! Wer hätte es dem Ulrich Hermann zu getraut".

Ein neuer Schreck.Du kanntest ihn?"

Wir studierten zusammen in Halle, das heißt, er widmete sich wenig dem ihm aufgenötigten Jus; später verlor ich ihn aus den Augen, hoffe aber, daß er uns nun besuchen wird".

Auch das noch! Ruths Kniee wankten. Was sollte werden, wenn Ulrich ihr gemeinsames Geheimnis verriet? Erich würde sie verachten, verstoßen

Sie verlebte die nächsten Tage in fieberhafter Spannung. Immer erwartete sie, Ulrich bei sich eintreten zu sehen Es war ihr eine Qual, überall von ihm zu lesen, zu hören. Sein Stück wurde immer wieder gegeben. Sie hatte zum Befremden ihres Mannes abgelehnt, es noch einmal zu sehen und machte ihn durch ihre Blässe, ihre leichte Erregbarkeit besorgt.

Einige Wochen vergingen- Ruth atmete auf, vielleicht wußte Ulrich, daß sie die Gattin Erichs war, und kam des­halb nicht. Eines abends saß sie müßig am Fenster, da öffnete ihr Mann die Thüre und rief:Herzenswetb, hier bringe ich Dir endlich meinen alten Freund, den gefeierten Dichter! Macht Bekanntschaft, ich bin gleich wieder da!" Er sah es nicht, wie Ruth jäh empor fuhr und mit starren, angstvollen Augen zu Ulrich hinsah, der wie vom Blitz ge­troffen zurückwich.Ruth, Du Sie!" stammelte er.

Seine Fassungslosigkeit gab ihr die Haltung wieder. Sie glitt zu ihm hin.Ich bin's! Beim Andenken an jene Zeit kein Wort Von ihr zu meinem Mann!"

Er lächelte sehr seltsam, aber er verneigte sich tief und sagte:Sie haben nur zu befehlen, gnädige Frau!"

Da steht Ihr noch steif wie zwei Fremde!" erscholl Erichs frohe Stimme.Das muß anders werden. Setz' Dich, Ulrich, und Du, beste Ruth, sorgst wohl für einen guten Tropfen".

Sie atmete auf, als sie das Zimmer verlassen, und doch zog sie's mit Gewalt zurück. Wenn Ulrich sein Wort nicht hielte, wenn er jetzt gerade Erich sagte

Gottlob, nein, sie saßen ruhig bei einander, als sie wieder eintrat, und Ulrich erzählte, wie er sich allmählich durchgerungen,in dem Stück zeichnete ich meine eigne Jugend, Ereignisse, die mich tief berührten."

Ruth erglühte dunkel- hastig lenkte sie das Gespräch auf die Darstellung, sie wurde immer lebhafter und lachte oft über Ulrichs sarkastische Bemerkungen, aber ihre Heiter­keit machte einen gekünstelten Eindruck und legte ihm die Frage nahe-Ist sie glücklich oder hat sie dich noch nie vergessen?"

In dieser Nacht fand Ruth keinen Schlaf. Das Ge­ständnis brannte in ihrer Seele und jetzt hätte sie den Mut gefunden, es Erich zuzuflüstern, aber er schlief, und in den nächsten Tagen war er so beschäftigt, daß sie ihn kaum sprach.

Sie sah von nun an Ulrich häufig- er war in der Residenz Mode geworden, man lud ihn überall ein, auch in den Kreisen, in denen Martins verkehrten. Auch kam er öfters in ihr Haus, und wenn sie ihn auch niemals allein sah, so wuchs doch die innere Unruhe. Ihr Schweigen würde ihr Glück zerstören, sagte sie sich, aber sie vermochte es nicht zu brechen. Täglich kämpfte sie, und täglich unter lag sie, Der Kampf rüttelte an ihrer zarten Gesundheit und veränderte ihr Wesen.

Erich bemerkte es mit namenloser Angst. Was hatte sie so verändert, was ließ sie ost in seinen Armen erbeben? Er beobachtete sie, und da mußte es ihm auffallen, daß sie

besonders oft die Farbe wechselte, wenn Ulrich mit ihr sprach. Und nun dachte er nach und kam zu dem Schluß: Seit dem Premiörenabend ist sie verändert. Damals machte das Drama einen mächtigen Eindruck auf sie und dannsein Schöpfer! Großer Gott, sie liebte nicht mehr ihn, den Alltagsmenschen, sondern Ulrich, den Dichter! Und jener erwiderte er die Neigung, hatten sie am Ende längst sich ausgesprochen--?

Nein, nein, die Verzweiflung beraubte ihn der Ueberlcgung, aber wie eine Schuldbewußte sah Ruth doch aus. Er mußte ! e weiter beobachten, bis er Gewißheit hatte.

Ruth ahnte nichts von dem Verdachte ihres Gatten, er hatte sich gut in der Gewalt. Eines abends, als er nicht zu Hause war, ließ sich Ulrich anmelden. Ihr erster Impuls war, ihn abzuweisen, doch schon folgte er dem Diener.

Zum crstenmale mit einander allein," begann er von der Vergangenheit zu reden.

Oh lassen Sie tot sein, was längst begraben ist!" rief Ruth erregt.

Und wenn nun nicht alles tot ist, wenn die Flamme in meinem Herzen noch loderte"

So muß sie erstickt werden, ich gehöre einem anderen und liebe ihn!"

Ich sah's, Ruth," erwiderte er nun plötzlich ganz weich,und daher gelang mir's, die wieder auflebende Neigung zu ertöten. Ihr Frieden ist mir heilig, und Erich ist mein Freund. Und nun zum Ersatz fand ich ein Mädchen, das mich liebt, die Darstellerin meiner Hella. Morgen will ich zu ihr gehen, und ihr sagen:Ich liebe Dich von ganzem Herzen, sei mein!"

Sie sahen's beide nicht, daß in diesem Moment eine Hand die kaum gehobene Portiöre fallen ließ- sie hörten incht, daß sich ein wankender Schritt entfernte. Erich, so­eben heimgekehrt, hatte nur die letzten Worte vernommen und im Wahn, daß sie seiner Frau gelten, stür-te er in sein Z mmer. Seine schlimmsten Befürchtungen hatten sich erfüllt, sein Glück war zertrümmert.

Die Leidenschaft trieb ihn, den falschen Freund zu fordern, ihn niederzuschießen, doch konnte er Ruth den Schmerz an- thun? Aber verzichten, sie dem anderen geben und weiter leben? Unmöglich! So blieb nur eines. Ohne zu zögern, nahm er aus seinem Schreibtisch einen Revolver- schon hob er die totbringende Waffe, da umklammerte plötzlich eine eiskalte Hand seine Rechte, und Ruth rief in erschütterndem Ton:Was willst Du thun, Erich, Erich!"

t a er nicht gleich die Antwort fand, sank sie neben ihm nieder und hob flehend die Hände zu ihm empor.Du hast's erfahren, erraten, daß ich Dich belog, und deshalb deshalb willst Du sterben!"

Ihre Stimme brach.

So ist es also wahr," begann er mit unnatürlicher Ruhe,daß du Ulrich liebst?"

Mit wilder Gebärde griff sie an ihre Stirn.Wer sagt's, das Ungeheuerliche? Kein Schlag meines Herzens gehört ihm."

Aber er er begehrt Dich? Willst Du Dich von mir lösen?"

Sie erglühte dunkel.Du irrst, betritt sind wir beide schuldlos, aber ich sündigte Doch an Dir." Und nun beichtete sie rückhaltslos.Kannst Du mich jetzt nicht mehr achten, lieben," schloß sie bebend,so will ich von Dir gehen, in der Ferne büßen"

Doch mit starken Armen zog er sie empor.Nie, mein Weib, an meinem Herzen ist immer Deine Heimat. Furchtbar büßtest Du schon, daß Du nicht offen warst. Lerne wieder glücklich sein, und wir werden sein, wenn wir eines immer hoch halten, die Wahrheit, meine Ruth, die lautere Wahrheit!"

Redaktion: I. V.: Hermann Elle. Druck nnd Berlag der Brül.l'schen Unioerfitäls-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.