Schaffen Sie die Leiche aus der Brigg. Wenn sie die ganze Nacht noch liegt, so wird sie die Leute veranlassen, ebensolange zu komplottieren- sollen die Decks rein von Blut bleiben, so thun Sie, was ich sagte."
Darauf, die Stimme sinken laffend, sprach er beinahe schmeichelnd:
„Befreien Sie mich im stillen davon- seien Sie ein guter Kerl. Bringen Sie sie nach der Backbord - Fallreepstreppe- lassen Sie sich von den Leuten nicht sehen und machen Sie nicht mehr Geplätscher, als unvermeidlich ist."
Mir gefiel diese überstürzte, das Gefühl empörende Verfügung über die noch warme Leiche durchaus nicht- aber es war meine Pflicht, dem Befehl zu gehorchen. Ich rief also Banhard- wir trugen die Hängematte, welche den Toten barg, leise auf das Deck und ließen sie über Bord gleiten, ohne daß irgend jemand etwas davon merkte.
Die ganze übrige Zeit meiner Wache lungerte der Schiffer auf Deck umher- ein paarmal ging er nach unten, kehrte aber bald zurffck, um sein Hin- und Herwandern sortzusetzen. Kurz vor acht Glasen sagte er zu mir:
„Wenn eine Meuterei ausbrechen sollte, hoffe ich auf Ihre Dienste zählen zu können."
„Ich will Ihnen bis zum äußersten helfen, die Disziplin aufrecht zu erhalten- aber die Leute sollen erfahren, daß ich Mr. Sloes Brutalität nicht gut heiße."
„Wenn Ihnen Ihr Vorteil etwas wert ist, werden Sie gut thun, Ihre Ansichten für sich zu behalten. Ihre Pflicht liegt klar vor Ihnen, und ich setze voraus, daß Sie als Gentleman nicht die Miffethaten einer Rotte Menschen unterstützen werden, welche im Grunde genommen doch Verbrecher sind."
Hiermit ging er fort, ohne mir Gelegenheit zu weiteren Erörterungen zu geben.
(Fortsetzung folgt.)
Wahrheit.
Novellette von C. Gerhard.
------- (Nachdruck verboten.)
Sie ging mit unruhigen Schritten und vor Erregung blaffen Wangen auf und nieder, sie erwartete ihren Verlobten. Aber nicht die Freude ließ ihr Herz heute so ungestüm schlagen- sie hatte beschloffen, eine Beichte abzulegen, und diese Beichte ward ihr schwer, obgleich Erich stets milde urteilte. Ihre Blicke flogen zu seinem Bilde, und das gütige geliebte Antlitz beschwichtigte ihre Sorge.
War's denn auch so schlimm, zu sagen: „Als Deine Braut noch ein thörichtes, kindisches Mädel von fünfzehn Jahren war, gab sie schon einem anderen ihr Wort". Lange hatte die Erinnerung an diele Zeit geschlafen, nun hatten Erichs Küsse sie an jene gemahnt, die Ulrich Hermann ihr auf die Lippen gedrückt, ein einzig Mal nur!
Sie dachte des wonnigen Frühlings, den sie bei der Großmutter in dem kleinen, weltverlorenen Städtchen verlebt in fast stetem Zusammensein mit dem Nachbarssohn, dem flotten Studenten. Sie haben mit einander geplaudert, gescherzt und gesungen- er hat Ihr seine leidenschaftlichen Gedichte vorgetragen und sie dabei mit seinen feurigen Augen unverwandt angeschaut und in der Abschiedsstunde sie in seine Arme geschloffen, geküßt und gefleht: „Ruth, Du wartest aus mich, Du wirst einst meine Frau?" Und sie hatte ein schüchternes „Ja" gestammelt. Wie war er ihr dann, als sie nach der Residenz zurückgekehrt, ferner und ferner getreten, wie hatte sie mit sich gekämpft, bis sie endlich den Mut gefunden, ihm zu schreiben, ihr Versprechen wäre eine Uebereilung gewesen! Daraus keine Antwort!
Und so hatte sie ihn vergeffen und erst als Zweiund- zwanzigjährige die echte Liebe kennen gelernt, da der junge Profeffor Erich Martins ihr begegnet. Seit acht Tagen war sie seine Braut, und nun hatte sie sich gesagt: „Er muß
alles wissen!" Trotzdem aber bebte sie vor der kommenden Stunde.
Da erklang die elektrische Glocke, ein rascher Tritt näherte sich der Thür, und gleich darauf lag Ruth in seinen Armen. Wie stattlich sah er aus, hochgewachsen, ein echter Germane mit wallendem, blonden Bart! Sie setzten sich in den traulichen Erker.
„Immer sind meine Gedanken jetzt bei Dirl" flüsterte er zärtlich, „ist es mir doch ein so neues, beseligendes Gefühl, zu lieben und geliebt zu werden".
„Du kanntest es nie zuvor?"
„Ach, Kind, ich soll beichten? Ich kann's ruhigen Gemütes. Bis ich zur Universität ging, lebte ich bei meiner guten Mutter, der ausschließliche Verkehr mit ihr und die verehrende Liebe für sie ließ mich keine andere suchen. Dann ward die Wiffenschaft mir Freundin, Geliebte. Und es ist gut so. Meine wärmsten Gefühle gehören nun in voller Stärke Dir - ich hätte auch nicht gewagt, mich Dir zu näher«, wenn ich mich nicht so völlig frei gewußt".
„So hättest Du auch nicht vermocht, Dich an ein Mädchen zu binden, das schon einmal verlobt gewesen?"
„Nein, oder hätte tch's gethan, so würde mich ewig daS Gefühl gequält haben, sie könnte mich ebenso aufgeben, wie den ersten. Drum war ich so froh, als Dein Vater mir sagte, Du hättest bisher alle Anträge abgelehnt. O Ruth, wie bin ich stolz, Dich mir erobert zu haben!"
Er zog sie an sich, und unter seinen Küssen erblühten wieder die Rosen auf ihren Wangen. Es schien ihr unmöglich, jetzt ihre Beichte abzulegen! Besser schweigen, als sein Vertrauen, seine Liebe verlieren! Nie würde er je von einem anderen Munde die Wahrheit hören. Verrauscht war ja längst jene Episode, und ihr Held verschollen!
Erich Martins betrat mit frohem Antlitz sein behagliches Heim und begrüßte seine junge Frau mit warmen Worten. Wie ein einziger leuchtender Sommertag waren die sechs Monate ihrer Ehe verflossen.
„Heute habe ich eine Ueberraschung für Dich, Liebling! Sieh her, es ist mir gelungen, noch zwei Logenplätze für die heutige Premiäre zu erlangen".
„Wie gut Du bist, mir diesen Wunsch zu erfüllen! Die Nachrichten über das neue Stück haben mich in der That neugierig gemacht."
„Und wohl auch das so streng gewahrte Pseudonym", lachte er. „Der Direktor soll überzeugt sein, daß seine neue Erwerbung ein Schlager sei und den Autor berühmt machen wird".
Am Abend herrschte im Theater die bei einer Premisre übliche nervös erregte Stimmung. Auch Ruth ließ sich von derselben anstecken und schaute voll Interesse auf die Bühne. Das Stück behandelte ein soziales Problem. Das etwas laue Publikum erwärmte sich immer mehr- die spannende Handlung, die kühne und doch edle Sprache nahm die Hörer gefangen.
Ruth Martins saß wie in einem Traum. Die Er- eigniffe, die sich dort auf der Bühne abspielten, die Personen kamen ihr so seltsam bekannt vor, die Einwohner des Städtchens mit ihren kleinlichen, beschränkten Ansichten, und unter ihnen der seine Bande zerreißende Jüngling, der so energisch sprach und handelte —, wo war sie ihnen nur begegnet? Und dort das junge, für die Poesie schwärmende Mädchen — war sie's nicht selbst? Eine Ahnung stieg in ihr auf, atembeklemmend. Mit zitternden Händen griff sie nach dem Zettel, doch er sagte ihr nichts. „Drama in vier Akten von * * *." Wer war der Autor?
Der Vorhang fiel zum letzten Male- brausender Beifall folgte, man rief die Schauspieler, den Verfasser. Und da kam er endlich — eine mittelgroße, schlanke Gestalt, ein Kopf mit vergeistigtem Gesicht, aus dem die Augen glühten und strahlten. Der Direktor sprach einige Worte, und nun jubelte die Menge: „Bravo, Ulrich Hermann, bravo!" Ruth


