Ausgabe 
25.2.1899
 
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benachrichtigen, während der Zug sich nach dem Armenhause in Bewegung setzte.

Die Insassen des Armenhauses, eine zerlumpte Korb- flechterfamilie und ein invalider Waldarbeiter erhoben an­fangs ein gewaltiges Geschrei, als sie die fremdenVaga­bunden" aufnehmen sollten.

Aber Frau Dorette Ptnkepank, die alte Waschfrau, welche das Szepter in sehr energischer Weise im Armenhause schwang, rief scheltend:Nun steh mal einer die noblen Herrschaften an! Der Herr Korbflechter und der Herr Waldarbeiter schmieren sich, den armen, kranken Menschen aufzunehmen? Na ja, die Herrschaften sind ja auch ganz was Besonderes und in ihreSalöners" Paßt solch ein armer Mensch nicht hinein. Tragt'n nur in meine Stube, Herr Polizeidiener. Ich werde mich des lütten Dinges und des Kranken an­nehmen. Ach du lieber Gott, das Herz dreht sich einem ja im Leibe rum bet dem Anblick."

Man legte den Kranker? auf das armselige Lager der braven Waschfrau nieder. Klein Elste drückte sich schüchtern und weinend in einen Winkel des Stübchens, während Frau Dorette Pinkepank die neugierige Menge aus dem Zimmer und dem Hause trieb. \

Holt den Doktor herbei und halt keine Maulaffen mehr feil!" rief sie erbost und ballte drohend die knochige Faust. Dann schob sie als letzten den Polizeidtener^itterbusch zur Thür hinaus und schloß diese mit einem sehr energischen Ruck.

Eine Weile noch lachte und lärmte die MengeXdraußen, dann zerstreute sie sich. Still und einsam lag das N«uen- haus von Benneckenstein da, umschattet von den düsteren FöhtM und Kiefern, die das halb zerfallene Haus umgaben.

Die Föhren und Kiefern rauschten, sausten und knarrten in dem erwachenden Nachtwind, und der Kranke fuhr empor und lauschte in die Ferne, ein Lächeln der Andacht, der Aufmerksamkeit auf dem fieberheißen Antlitz. Glaubte er in seinen Fieberträumen das Brausen des Weltmeers zu ver­nehmen, das ihn in die weite Welt getragen? Glaubte er das Donnern und Tosen der Schlacht zu hören, in die er sich mit Jugendungetüm gestürzt? Vernahm er das Rauschen der Prairie, das dumpfe Sausen des Urwaldes, das Pfeifen des Sturmes auf den schneebedeckten Spitzen der Anden? Oder lauschte er dem Rauschen und Sausen der Föhren und Kiefern, wie trauten Wiegenliedern aus längst verschwundener Kindheit, wie lieblichen Weisen der Heimat, der trotz der weiten, weiten Welt geliebten, unvergessenen Heimat, die ihn wieder ausgenommen hatte in ihren Schoß, die die weichen Arme um seinen kranken Leib, um seine kranke Seele schlang?

Ein glückliches Lächeln irrte über das Gesicht des Kranken, und mit einem Seufzer der Befriedigung sank er zurück auf das ärmliche, harte Lager der mitleidigen Wasch­frau Dorette Pinkepank im halbzerfallenen Armenhause seiner Heimat.

(Fortsetzung folgt.)

Gewänder aus Glas.

Daß Glas gesponnen werden kann, hat wohl jeder schon auf Jahrmärkten und Volksfesten gesehen. Die Technik hat jedoch Mittel und Wege gefunden, das spröde Material so biegsam und weich zu machen, daß es sich zu Gewändern ver­werten läßt. Wir entnehmen einem in derIllustrierten Frauen-Zeitung" (Verlag von Franz Lipperheide in Berlin) veröffentlichten Aufsatze von W. Berdrow darüber folgendes: Schon in ägyptischen Glashütten kannte man die Kunst, weiches Glas zu Fäden auszuspinnen, und die im wesentlichen noch heute übliche Methode, diese Fäden in großer Feinheit herzu­stellen, stammt bereits aus altvenetianischen Glasbläsereien. Sie besteht bekanntlich im wesentlichen darin, daß das er­weichte Ende eines über der Lampe erhitzten Glasstäbchens

an einem Rade befestigt und letzteres dann rasch gedreht wird,- so spinnt sich ein Faden vom Glase ab, der in der Luft erkaltet und glänzend und schmiegsam sich um denUm - fang des Spinnrades legt.

Wäre die Kunst des Glasspinnens auf dieser Stufe stehen geblieben, so hätte man es wohl nie zu gläsernen Miedern und Teppichen gebracht. Und doch wurden diese Fäden schon vor Jahrzehnten in seidene Gewebe eingestickt! Ueber dem Sarge Napoleons I. im Jnvaltdendom zu Paris liegt ein schweres, seidenes Leichentuch, das mit goldglänzenden Glas- fädett durchwirkt ist. König Ludwig I. von Bayern besaß ein Zimmer, dessen Tapeten aus glasgesticktem Stoff be­standen: doch sind auch hier die Glasfäden noch durchaus brüchig, denn es fanden sich oft feine Glassplitterchen im Gemach, und der König betrat es nicht gern. Immerhin hat die Glasspinnerei es auch schon auf dieser Stufe zu gewtffen Erfolgen gebracht.

Es war der im Jahre 1819 in Frankreich geborene Chemiker Jules de Brunfaut, der aus der primitiven Kunst des Glasspinnens zuerst einen größeren Fortschritt entwickelte. Es gelang ihm, eine Glassorte zusammenzusetzen, aus der sich so weiche und lockige Fäden spinnen ließen, daß sie, als er sie zuerst in Steiermark ausstellte, von französischen Schaf­züchtern für feine Rambouillet-Wolle gehalten wurden. Brun­faut widmete sich nun ganz der Glasspinnerei und ließ sich in Wien nieder, wo seine weiteren Versuche nicht nur von der Bevölkerung, sondern auch vom Staate mit Interesse verfolgt wurden.

So hatte man denn Glasfäden, die biegsam, färbbar, ^wasser- und feuerfest waren, die sich in andere Gewebe ein- staMl ließen und prachtvolle Effekte gaben; und dennoch ent- wickM'^ch aus Brunfaut's Versuchen keine Industrie. Ja, sie wurde HÄS-Md halb vergessen, und erst in Amerika hatten wir in neuerer^Mr-MiUenheit, sie weiter als eine neue, uns entfremdete, selblländia^ckEKLldeneKunstzu begrüßem

Unter den hundert hervorragenden" Sehenswürdigkeiten der Weltausstellung zu Chicago war es, wo Tausende von erstaunten Besuchern zum erstenmal Gelegenheit hatten, dem Weben gläserner Kleider zuzusehen. Die Libbey Glass Co., welche aus der Herstellung und Verwendung von Glaswolle seit längerer Zeit eine Spezialität gemacht hat, trat hier in einem eigenen Gebäude mit einer solchen Menge der ver­schiedenartigsten, geschmackvollsten und zum Teil wirklich ent­zückende Produkte der Glasweberei hervor, daß der Besucher vor dieser Farben- und Formenpracht, vor dem Reichtum der Erfindungen und der Sorgfalt der Verarbeitung wie geblendet stand. Alle die Gegenstände der älteren und gröberen Glas­spinnerei, und aus unendlich feineren und weicheren Fäden hergestellt, wie Schuhe und Pantoffeln, Kravatten und Kragen, Blumen, künstliche Straußenfedern, Hüte mit kostbaren Garni­turen aus Glasspinnerei, das waren die geringsten Kleinig­keiten in dieser Ausstellung fertiger Produkte. Der matte, weiche Glanz, besonders der weißen Glaswolle übertrifft fast den vornehmen Glanz der Seide- mit Raffinerie sind die feinsten Farben- Effekte zur Verschönerung aufgewendet, und ein gläserner Lampenschirm, sowie feine, seidenweiche Blumen sind wahre Kunstwerke. Da giebt es ShawlS, Tücher, Um­hänge, so geschmeidig und weich, als wären sie aus der feinsten Wolle, der besten Seide gewirkt- Gardinenstoffe in den schönsten, gedämpften Farben und von einem Faltenwurf, wie ihn kein anderer Stoff eleganter gestaltet- schwere Vor­hänge in dunkeln, satten Tönen- Tapeten, Gobelins, Tisch­decken mit feinen eingewebten Mustern, alles aus Glas, aus reinem, gesponnenem, gewebtem Glas, und doch im An­sehen, für das Gefühl genau so, als wäre es aus Wolle, Seide, Leinen! Noch immer geschieht das Spinnen auf die ursprüngliche Weise mit Hilfe der Flamme und des ge­drehten Rades, aber während noch vor zehn bis fünfzehn Jahren nur Fäden von drei Meter Länge, die auf meter­großen Scheiben aufgewickelt und dann durch einen Schnitt am Umfang alle mit einander abgelöst wurden, hergestellt