Ausgabe 
25.2.1899
 
Einzelbild herunterladen

114

gut aufgehoben während ich weiter wandern kann um einen Winkel zu suchen, wo ich sterbe . .

Die Augen des alten Mannes blickten finster unter den grauen, buschigen Brauen hervor und ruhten fast mit drohendem Ausdruck auf dem Gehöft, das in behäbigem Reichtum inmitten der Gärten und Felder dalag.

Seine Hände ballten sich zur Faust, seine Lippen Preßten sich unter dem struppigen Bart krampfhaft zusammen und in seinem hageren Gesicht zuckte es unheimlich.

Klein Elsie lachte fröhlich auf.Wie komisch Du bist, Väterchen!" rief sie.Wie sollte ich dazu kommen, Dich zu verlassen? Ich bleibe bei Dir, und wenn Dich die Leute da unten nicht auch aufnehmen wollen, dann wandere ich weiter mit Dir, wohin Du willst. Die Welt ist so groß so schön irgendwo wird es ein Plätzchen geben, wo wir uns niederlassen können . . .

Irgendwo!" murmelte der Mann mit ingrimmigem Lächeln.Nirgendwo, sag' ich Dir, Elsie. Du bist ein kluges, kleines Mädchen, Du wirft mich verstehen ich be­sitze nichts mehr, das letzte Geld hat unsere Reise hierher verschlungen ich bin ein armer, kranker Kerl, der zu nichts mehr taugt auf der Welt. Seit Deine Mutter tot ist, hab' ich nichts mehr getaugt ich bin ein verlorener Mensch verstehst Du, was ich meine?"

Elsie erschrack. Sie verstand die Worte des Vaters nur zu gut, sie hatte den Wert des Geldes nur zu früh in ihrem Leben kennen gelernt, Not und Sorge, Armut und Elend, Kummer und Laster den ganzen Fluch der Armut, den ganzen Fluch eines vernichteten Lebens.

Ich bleibe dennoch bei Dir," sprach sie trotzig.Ich mag nicht zu den fremden Leuten ich will bei Dir bleiben und wenn ich für Dich betteln soll!"

Es wäre das erstemal nicht," lachte der Mann bitter und höhnisch auf.Doch komm wir wollen zur Stadt gehen. Es wird Abend dieses mal will ich für Dich betteln."

Er wollte sich erheben, doch aufächzend sank er zurück. Seine Kraft war zu Ende. Das Fieber schüttelte seine Glieder, umflorte seine Sinne, umdüsterte sein Auge. Er knirschte mit den Zähnen, er raffte sich abermals empor, taumelte einige Schrite weiter, schwankte, griff mit den Händen in die Lust und stürzte besinnungslos nieder.

Elsie warf sich mit einem Schreckensschrei über den Be­wußtlosen. Mit hundert Schmeichelnamen versuchte sie ihn in das Leben zurückzurufen- sie richtete ihn empor, der schwere Körper entglitt ihren schwachen Armen, sie suchte in dem armseligen Bündel nach einer Erquickung, sie fand nichts als ein Stückchen Schwarzbrod, sie eilte zu dem nahen Bach, der durch die Wiese murmelnd und plätschernd dahinetlte, schöpfte Wasser und wusch dem Besinnungslosen die Stirn.

Er schlug die Augen auf und sah sie mit dem unheim­lich glänzenden Blick des Fiebers an. Ein irres Lächeln zuckte über sein fahles Antlitz, wie der Blitz über die sturm- durchtobte Landschaft.

Sterben sterben am Wege wie ein Hund wie ein Dieb ein Gauner," kam es röchelnd über seine bläulichen, aufgesprungenen Lippen.Ach, hätte mich doch die Kugel getroffen hätten mir doch die Rothäute die Kehle abgeschnitten, als sie mein Haus niederbrannten, als sie mein Weib mordeten sterben, am Wege sterben, wie ein Hund"

In undeutlichem Gemurmel verloren sich seine Worte. Er reckte sich er griff mit den Händen krampfhaft in die Erde, er röchelte und ächzte in den Schauern des Fiebers, das seinen Körper mit lodernden Flammen durchglühte, mit Eiseskälte durchstarrte.

Ratlos, hilflos kniete Elsie neben dem Kranken. Sie wußte nicht mehr, was beginnen, sie verhüllte das Gesichtchen in die Hände und weinte bitterlich.

Die Blumen, welche sie vorhin gepflückt, lagen zerstreut, zertreten am Boden,- nur in ihren goldenen Locken hingen

noch einige halbverwelkte Heckenrosen, und ihr ärmliches Mieder schmückte ein frischer Vergißmeinnichtftrauß.

Der Abend sank nieder. Blutrot flammte der Himmel auf. Hell erglänzten die Spitzen der Berge, während tiefere Schatten sich auf das Thal senkten. Durch die stille Abend- lnft zogen die frommen Klänge einer Kirchenglocke,- die fernen Töne eines Liedes von Schnitterinnen drangen an das Ohr des einsamen Kindes, das tiefer und tiefer niedersank in seinem hilflosen Schmerz, bis es plötzlich aufsprang, die blonden Locken entschlossen zurückwerfend, die Thränen der blauen Augen trocknend und mit trotzig - stolzem Blick der Schar der Landleute entgegensehend, welche auf der Straße daherkamen.

Dunnerstag un Frietag!" rief lachend ein stämmiger Bauernbursch.Was haben wir denn hier für ein lüttes Ding?"

Die Männer und Frauen umringten neugierig die kleine Fremde.

Da liegt ja auch 'n Mannsbild!" rief ein Mädchen, indem es auf den schwer atmenden, besinnungslosen Fremden zeigte.

Ein Landstreicher! Ein Vagabund! Laßt'n liegen."

Ein etwas besser gekleideter Manu, scheinbar der Auf­seher der Arbeiter und Arbeiterinnen, drängte sich durch die Menge und beugte sich zu dem Erkrankten nieder.

He, guter Freund, steh auf!" rief er.

Er kann nicht er hat einen über'n Durst getrunken!", lachte man.

Nee, der Kerl is krank! Komm einmal her, mein Kind wie heißt Ihr, und woher kommt Ihr?"

Ich heiße Elsie wir kommen von Amerika" antwortete das Kind mit zitternder Stimme.

Von Amerika?! Ei, steh mal einer an! Direktemente von Amerika? Das is ja 'ne hübsche lütte Reise."

Alle lachten über diesen Witz ihres Aufsehers.

Wie heißt denn Dein Vater da?"

Mister Hannecken."

Mister . . . Hannecken? Daß Dich is das ein komischer Name! Aber, Leute, das hilft nichts, wir müffen den Kerl nach'» Bürgermeister bringen, hier auf der Straße können wir'n nicht verkommen lassen."

Was geht uns der Kerl an!"

Nee, nee, bat geht nich. Also angefaßt und ihn nach dem Bürgermeister getragen. Der mag dann bestimmen, wohin er gebracht werden soll."

Das Mitleid erfaßte einige Frauen, als sie das kleine, weinende Mädchen und den kranken, alten Mann erblickten. Sie ermunterten die Männer, zuzugreifen, sie selbst nahmen sich Elftes an, suchten sie zu trösten, streichelten ihr die heißen Wangen, und so ging der Zug nach dem nahen Land­städtchen, auf dessen Gassen fast oie ganze Einwohnerschaft zusammenl!ef, um die seltsamen Fremden anzugaffen.

Der Gemeindediener kam hinzu und setzte seine wichtigste Miene auf. Das war doch einmal ein Fall, wo er seine Autorität zeigen konnte.

Der Herr Bürgermeister is jetzt nich zu sprechen," sagte er würdevoll.Er ist auf der Kegelbahn imWeißen Roß". Der Herr Rektor und der Herr Kantor find auch da. Wir dürfen die Herren nich stören."

Ja, aber wohin denn mit dem kranken Menschen und dem unglücklichen Wurm?"

Wenn vielleicht einer von Euch sie aufnehmen will" Nee, fällt uns nich ein. Ein wildfremden Menschen aus Amerika ich danke scheenstens.

Na, dann bleibt uns nichts weiter übrig, als sie nach dem Gemeindehause zu bringen.

Ja, nach dem Armenhause! Vorwärts!"

Aber 'n Doktor müssen wir holen, sonst stirbt uns der Mensch noch unter den Händen."

Eine mitleidige Frau erbot sich, den Herrn Doktor zu