739

Mein Matchen mitgebracht habe", sagt dec Wann schlicht, aber sehen Sie nur die Freude", und er wischt mit dem Rücken seiner linken Hand über die nassen Augen. Gerty spricht liebevolle, gütige Worte, auch ihre Stimme zittert, und ihre Augen sind feucht, aber nicht vor Rührung, sondern 'i>or tiefinnerem Weh, vor einem Schmerz, der alles in ihr zusammenkrampft.

Damit Sie auch sehen, gnädige Frau, daß wir den Zettel gefunden haben hier ist er, und nun sage ich nichts weiter als: Gott lohne es Ihnen!" Gerty macht eine ab­wehrende Handbewegung. Wie durch einen Flor sieht sie die Freude der beiden, wie aus weiter Ferne vernimmt sie den Schall ihrer Worte, den Sinn begreift sie kaum. Ist das nun daS Resultat all ihrer Weihnachtsfreude, unter den flammenden, leise knisternden Kerzen dieses todestraurige Herz? Als ihre beiden Gäste mit Geschenken beladen, lachend Vor Glück und Freude daS reizende, elegante Heim der Baronin verließen, sank diese unter den goldschimmernden Zweigen des Märchenbaumes mit überströmenden Augen zu­sammen. Mochten sie doch nun überfluten die stürmisch be- wegten Gesühlswellen, sie war ja allein allein Draußen schellte es noch einmal. Gerty hörte es nicht. Ebenso wenig vernahm sie es, daß elastische Männerschritte sich dem Salon näherten: Jetzt stand der auf der Schwelle, um den daS junge, einsame Weib so bitterlich weinteKurt von Dossow. Tief betroffen schaute er auf die am Boden Knieende, deren Köpfchen in den Polstern eines Sessels ruhte. Verlegenheit Malte sich in seinem vornehmen intereffanten Gesicht. Un­schlüssig stand er auf der Schwelle. Er hatte sich dieses Wiedersehen mit Gerty ganz, ganz anders gedacht. Endlich schien er einen Entschluß gefaßt zu haben. Gerty sollte nicht wiffen, daß er sie so gesehen hatte in ihrem heimlichen verzehrenden Schmerz. Geräuschlos trat er in das Neben­zimmer zurück, wo ein Pianino stand. Und dann erklang das alte, herrliche Weihnachtslied auf den Saiten und Kurts schöner Bariton setzte voll und weich ein:Stille Nacht, heilige Nacht! . . . ."

Gerty erhob sich lauschend, mit weitgeöffneten Augen, in deren Thränen sich der Lichtglanz brach. Jetzt schaute sie so andächtig drein, wie vorher das Kind, welches den Flügel­schlag des heiligen Christ noch zu hören meinte. Und dann flog es hinüber und herüber von zitternden, lachenden Lippen: «Gerty Kurt!" Sie hielten sich umfangen und sahen rinander in die leuchtenden Augen, und glaubten doch anfangs, daS ganze sei ein seliger Traum, der schwinden werde wie daS Kerzenlicht. Dann folgten aber doch die Erklärungen: Als armer Leutnant hätte ich es nimmer gewagt, zum zweitenmale um Dich zu werben, süße Gerty, aber steh mich recht au: Von einem Verwandten habe ich Rang und Reich­rum geerbt:Freiherr von Doffow und auf Berghausen", wird das meiner anspruchsvollen Prinzessin genügen?"

Ich hätte gern gut gemacht, was ich Dir einst gethau", versicherte sie ernst,ich wußte nicht, daß Du reich bist, Kurt, mich verlangte nach Deinem Herzen, nach Deiner Liebe. Hast Du mir auch ganz und gar verziehen?"

Nur sehr kurze Zeit habe ich Dir gezürnt, mein Lieb- Ung, denn Du warst damals im Recht. Wie manches strahlende Glück ist schon versunken in der aufreibenden Sorge, welche die Armut mit sich führt .... Da ich nun aber glänzend situiert bin, war mein Plan fertig, als mein Kutscher mir Deine originelle Einladung zeigte, die seine Frau in einem Bibliothekbuche gefunden batte; ich erriet, daß Du Dich unbefriedigt, ja unglücklich fühltest und fürchtete nur, daß ein anderer mir zuvorkommen und Dich noch vor dieser Christbescherung trösten werde."

Und weshalb kamst Du nicht früher?"

Verzeihe mir eS sollte so eine Art Prüfung sein «uf Deine Treue."

O, mein Herz war immer bei Dir, Kurt, ich habe schwer gebüßt."

Er küßte ihre weiße Stirn.Vergiß das alte Leid, mein Liebling, ist nicht die Gegenwart strahlend hell?"

Ja", bcstä-igte sie aus Herzensgrund,und allen habe ich überreich beschert, den Armen sowohl wie der Dienerschaft! UnS aber hat Christkindlein doch das Beste gebracht: Die Auferstehung unserer alten, nie vergeffenen Liebe!"

Die Pflanzenwelt und das Weihnachtsfest.

Eine Festbetrachtung von F. Clemens.

------- Nachdruck verboten.

Daß Weihnachten als ein der Natur geweihtes Fest, dem erst das Christentum in sinniger Umkleidung deS «r- iprünglichen Gedankens seine heutige Bedeutung verliehen hat, mannigfache und intime Beziehungen zu den Erscheinungen und Erzeugnissen der Natur aufweist, kann uns mit Rücksicht auf den erwätmten Ursprung nicht wunder nehmen. Vor allem zur Pflanzenwelt treten diese Beziehungen deutlich hervor- bildet doch eine Pflanze, ein Baum in idealisierter Gestalt den Hauptschmuck des schönen Festes, und schon das alte KinderfestliedO Tannebaum, o Tannebaum" giebt dieser Thatsache finnigen und freudigen Ausdruck. So oft ist über die Bedeutung und den Ursprung unseres Christ­baumes geschrieben worden, daß wir hier über den Gegen­stand wohl hinweggehen können. Dagegen wiffen viele unserer Leser vielleicht nicht, daß unser deutscher Weihnachtsbaum kein allgemeines und unerläßliches Erfordernis des herrlichen Festes ist, sondern in zahlreichen Ländern noch völlig fehlt, obgleich die schöne und liebliche Sitte immer weitere Ver­breitung gewinnt. In England z. B. tritt noch vielfach ein anderes Mitglied der Pflanzenwelt an seine Stelle: die Htecheiche, die neuerdings auch bei uns zu Weihnachten auf den Märkten »erkauft wird. Vielleicht sind dem Leser in den Schaufenstern der Gärtner schon dunkelgrüne Zweige mit lederartigen, glänzenden, tief eingeschnittenen, mit spitze» Stacheln versehenen Blättern und scharlachroten, erbsengroßen Beeren ausgefallen? Dieses sind die Zweige der Stechpalme, Stecheiche, Palmdistel, Hülse oder, wie sie auch im Elsaß genannt wird, des Christdorns (Ilex Aquifolium). Die Stechpalme, eine prächtige Zierde unserer Gärten und Park­anlagen, ist der einzige immergrüne Laubbaum unseres Klimas. Vom Süden Europas bis an den Seestrand findet man das eigenartige Gewächs mit der dichtbelaubten Krone und den glänzend grünen, wie lackiert aussehenden Blättern, vor allem in Englands mildem Seeklima gedeiht eS vor­züglich- man pflanzt es dort fast in jedem Garten als Zier­strauch an. Daher auch dort seine allgemeine Verwendung als unentbehrlicher WcihnachtSschmuck. Alle Zimmer sind mit immergrünen Stecheichenzweigen und Mistelzweigen drapiert, und aus dem satten, dunklen Grün leuchten die roten Beeren gleich blitze den Korallen. Auch auf den Weih­nachtspudding wird ein kleiner Zweig mit roten Beeren ge­steckt, was dem beliebten Gericht ein festliches, weihnacht­liches Aussehen giebt. Die Stechpalme wächst sehr langsam, Re braucht achtzig Jahre, um auf den Namen eines richtige» Baumes Anspruch machen zu können, daher auch ihr schweres und festes Holz, das festeste unter allen deutschen Holzarten, das nur geringe Verwendung finden kann Sonderbar ist, daß die Stacheln, je höher die Zweige sich befinden, mehr und mehr in Wegfall kommen, weshalb der Dichter von der Pflanze singt:

Unten wie ein Zaun von Dornen, starrt Es scharf und hart;

Kein weidend Bieh durch diesen spitzen Saum Verletzt den Baum.

Doch oben, wo die Rinde nichts befährt, Wird stachellos das Laub und unbewehrt. So auch in meinen Jugcndtagen will Ich ernst und still

Im Kreis der Jugend fein, die unbedacht DeS Ernstes lacht, Auf daß mein Alter frisch und fleckenfrei, Gleich dieses Baumes grünem Winter sei."