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Frau Gerty's Christbescherung.
Von Anna Scyffert.
——— Nachdruck verboten.
Echtes Weihnachtswetter! Draußen jagt der Sturm Milliarden weißer Flocken in tollem Spiel durcheinander, und i« Kamin prasseln die Holzscheite, daß eS eine Lust ist, dem rraulichen Geräusch zu lauschen. Alle Welt jubelt über daS in Aussicht stehende Christfest, nur Frau Gerty seufzt.
„Auch das noch! Wenn es wenigstens regnete — in Strömen meinetwegen, damit nichts mich an Weihnachten gemahnte. . . . Diese Weihnachtsstimmung, die mit den «iederstnkenden Schneemassen wächst, wird mich noch krank und elend machen!" Sie hebt unwillkürlich die feingerundeten Arme tote anklagend empor: „O, weshalb bin ich so allein, so mutterseelen allein? Besäße ich doch ein Kind, ein liebes, süßes Kind, für welches ich sorgen dürfte, welches mit mir dem heiligen Christ entgegen jubelte! O, wüßte ich einen Menschen, welcher mit mir fühlen, dem ich unter kerzenge- schmückten Tanneozweigen aufbauen könnte!" Die mädchenhaft schlanke Gestalt gleitet in den schwellenden Sessel, der vor dem kunstvoll aufgesührten Kamin steht. Das dunkle anmutige Köpfchen stützt sich trübe sinnend in beide Hände, die außer dem schweren, gediegenen Ehering jedes Schmuckes entbehren. Frau Gerty trägt ein schlichtes Wollkleid. Die seidenen, spitzenüberrieselten Gesellschaststoiletten hängen in den hohen Garderobeschränken, die köstlichen Geschmeide ruhen festverschloffen auf dem Grunde derselben. Wozu das alles, wozu?! Es verleiht keine Wärme, haucht nicht einen Schimmer von Befriedigung in das sehnsüchtig pochende vereinsamte Herz der jungen Witwe. Einst freilich hatte sie die Wahl gehabt zwischen diesem Glanz und reichem Liebesglück am bescheidenen Herd. Doch die verführerischen Bilder des Reichtums lockten unabweisbar, gleich einem Zauberspuck — ihnen opferte Gerty mit thörichtem Sinn das köstlichste Gut — die Liebe. . . .
„Gnädigste Frau Baronin —"
„Run?" Durch die Müdigkeit des Tones klang sanfte Güte, die ein weiches Gemüt verriet. Die Zofe war einge- treten. „In einer halben Stunde bin ich zum AuSgange bereit, wenn gnädigste Frau noch einen Auftrag für mich haben —"
„Komme noch einmal herein, ehe Du gehst."
„DaS junge Mädchen hatte leise das Zimmer ver- laffen . . . O, diese tiefe, unerträgliche Ruhe ringsum! WaS Tausenden als eine Wohlthat erschienen wäre, der einsamen, nervösen Frau wurde eS zur unerträglichen Qual. Sie erhebt sich plötzlich. „DaS muß anders werden! Das Grübeln macht mich wahnsinnig . . . Weg mit der Weihnachtssentimentalität — Frühlingsstimmuug soll mich umgeben, dann träume ich mich in die sonnigen Tage meiner Backfiich- zett zurück!" Und als fürchte sie, dieser Entschluß könne ihr wieder leid werden, so hastig drückt sie auf den elektrischen Knopf. Die Zofe eilt atemlos herzu. Sie war wohl so eben dabei gewesen, sich zum Ausgange zu rüsten, denn sie hält ein noch nicht vollständig geschloffenes Paket in der Hand.
„Bestelle in der Blumenhandlung einige Büsche Flieder, gleichviel, welchen Preis man dafür berechnet, auch Rosen und alles, waS an Frühlingsblumen vorhanden ist, magst Du für mich aussuchen, jedoch rote Rosen, violetten Flieder — nichts weißes —" Die Zofe hat ihr Packetchen auf den nächsten Tisch gelegt und noch einige Holzscheite in den Kamin geworfen. Nun ist Frau Gerty wieder allein. Mechanisch nimmt, sie daS Packet vom Tisch. AuS dem umhüllenden Zeitungsbogen fällt rin Bibliothekbuch auf die Erde. Gerty hebt es mit spitzen Fingern auf. Solch ein vielgelesener Band! Und daS wandert nun von einer Hand in die andere. Ach, wenn solch ein Buch reden könnte, wie verschiedene Häuslichkeiten mochte eS bereits durchwandert haben! Bielleicht gelangte eS auch dorthin, wo verschämte Armut das
Szepter führt, wo die Mittel zum Besuch eines gute« Konzertes oder Theaters fehlen, und ein spannender Roman alle entbehrten Genüsse ersetzen muß. — Und da kommt Frau Gerty auf einmal ein höchst origineller, sie selbst überraschender Gedanke, und sie zögert nicht, ihn auszusühre». Groß und deutlich schreibt sie auf ein Stückchen weißes Papier folgendes: Der Binder dieses kann sich am heiligen Abend bei mir zur Christbescherung einfinden. Dann folgt ihr Name und ihre Adresse. Eilig steckt sie daS beschriebene Blatt aufs geratewohl in daS Buch, gleich darauf tritt die Zofe ein, um eS mit einer gemurmelten Entschuldigung hinauszutragen. — Einige Tage später sitzt Gerty am Fenster auf der Estrade und häkelt emsig an dem grünseidenen Geldbeutel. Dabei verweben die Gedanken Vergangenheit und Gegenwart ineinander. Wenn Kurt von Dossow, deffen Hand sie einst spottend von sich gewiesen, jetzt noch einmal um ihre Gunst werben möchte, o, wie gern, wie so gern würde sie ihm alles daS geben, was sie ihm einst in thörichtem Wahn versagte! Selten nur begegnet st- ihm in der Gesellschaft, er weicht ihr aus nach wie vor — ein Zeichen, daß er ihr noch immer zürnt . . . Ach, wenn das Schicksal ein wenig Vorsehung spielte, wenn Kurt die Einladung fände--er
würde freilich trotzdem nicht kommen, sein Stolz erlaubte e» ihm sicher nicht — oder doch — würde er doch kommen? — Gerty läßt die Arbeit sinken. „Welch thörichte Gedanken! Ist man denn mit fünfundzwanzig Jahren noch nicht zu alt, um solche romantischen Grillen zu fanoen?" Da fällt ihr Blick auf die Straße hinaus. Er trifft einen Reiter auf stolzem Rappen, zwei dunkle Augen iprühen Blitze zu ihr hrnauf, dann neigt sich das Haupt, das der Kürasfierhelm deckt, grüßend der jungen Frau entgegen. Sie ist so verwirrt, daß sie zu danken vergißt. Er war es, Kurt von Doffow — sind es die leise nickenden Fliederzweige vor ihr, oder ist es der Gruß aus dunklen Männeraugen, der G-rty'» Stimmung so von Grund aus verwandelt?! kie Häkelarbeit findet ihren Platz in dem hübschen, japanischen Körbchen, Gerty aber huscht wie em ungeduldiges Kind von e uem Zimmer in das andere. In strahlender Frische werfen dir Kiystallspiegel ihr lachendes, glühendes Gesichtchen zurück, und jubelnd klingen Weihnachtslieder zur gewölbten Decke des Mufiksaales hinauf. Die Börse ist längst fertig, aber täglich, zur bestimmten Stunde sitzt die junge Frau mit einer Handarbeit am Fenster, um aus Kurts dunklen Augen, den Gruß entgegenzunehmen, der sie so tief beglückt! — Endlich senkt der heilige Abend seine weißen Schleier nieder, welche die ganze Natur in ein keusches, prächtiges Festgewand hülle«. Gerrys helles Kleid gleitet wie eine lichte Wolke durch daS dämmerige, von Tannendust erfüllte Gemach. Ihr Herz klopft zum Zer'pringen. Erwartet sie noch besonderes von diesem Christabend? Wer wird heute kommen? Unwillkürlich hat Gerty das Austauchen Kuns vor ihren Fenstern mit ihrer romantischen WeihnachtSlaune in Verbindung gebracht. Bas erschernt ihr allerdings thöricht, und trotzdem diese selige, ungestüme Erwartung, die sich nicht bannen läßt! . . .Jetzt klingelts! Der Lakai, welcher öffnen wird, hat seine Instruktion erhalten. Der große Moment ist gekommen. Lauschend neigt sich das dunkle Frauenköpschen vor, während die Hände sich wie beschwichtigend auf das verräterisch pochende Herz Pressen. Schwere, ungleiche Schritte nähern sich ... . Wer nun auch in der nächsten Minute vor ihr stehen mag, Kurt von Doffow ist eS nicht, deffen darf sie sicher sein. Ein einfacher, anscheinend dem Arbciterstande angehörender Mann tritt ein, an seiner Hand ein kleines, vielleicht achtjähriges Mädchen führend. In dem vierschrötigen, aber unendlich gutmütigen Gesicht des VaterS strahlt eS hell auf, und da« Kind vergißt feine Schüchternheit. Jubelnd streckt es dem Bäumchen beide Aermchen entgegen, und in das junge Gesichtchen tritt jener andachtsvolle, überirdische Ausdruck, der da» Kinderantlitz nur verklärt uoterm brennenden Chrtstbaum, oder wenn der Schlummer eS umfängt.
„Ich bitte um Entschuldigung, gnädige Frau, daß ich


