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„Welch' eine niederträchtige Verleumdung!" schrie der Assessor mit dem Fuße stampfend. „Der arme Junge führt einen musterhaften Lebenswandel!"
„Herr Dr. Corbus und die Frau Kommerzienrätin wissen cs besser!" sagte Felicitas mit großer Bitterkeit. „Ich bin das Opfer dieses verschwenderische» Burschen, man hat Mitleid mit mir, und deshalb will man Gnade für Recht ergehen lassen. Größer als mein Fehltritt sei seine Liebe; er wolle ihn mit ihr zudecken, ich solle schnell seine Gattin werden, und alles werde vergessen und vergeben sein".
(Fortsetzung folgt.)
Herr und Frau von Arceanx.
Von Louis Collas.
------- (Nachdruck verboten.)
Die Zwietracht war in die Häuslichkeit eingebrochen, in der bis dahin eine unerschütterliche Harmonie geherrscht. Wie war diese, unter den glücklichsten Auspizien geschaffene Verbindung getrübt worden? Wen traf die Verantwortlich- kert für die Trennung zweier Herzen, die lange Zeit in Einigkeit geschlagen hatten? Niemand hätte das sagen können. Von der Einbildung vergrößerter Kummer, von schlechten Ratschlägen und perfiden Auslegungen vielleicht wachgerufen, von der Empfindlichkeit des Stolzes und einer falschen Würde noch verschärft, hatte das ©einige gethan; mehr braucht es oft nicht, um zwei Wesen, die geschaffen sind, einander zu lieben, zu der verhängnisvollen Schlußfolgerung zu bringen, es habe sich ein Abgrund vor rhnen aufgethan und sie könnten nicht mehr zusammen leben.
Da Herr und Frau von Areeaux Leute der guten Gesellschaft waren, so vermieden sie es sorgfältig, ihre Uneinigkeit nach außen hin sichtbar werden zu lassen, doch sie hatten die Dienstboten nicht hindern können, zu bemerken, daß sie nur gezwungen verkehrten, und daß der Zorn und die Reizbarkeit hinter ihren düsteren Stirnen grollten.
Das Wort Trennung war von einem der Gatten ausgesprochen worden; der andere nahm den Handschuh auf, und man kam überein, daß sie die einst so leichte Kette, die ihnen jetzt schwer dünkte, zerreißen, und ohne das Gesetz anzurufen, ohne Skandal darauf verzichten wollten, unter demselben Dache zu leben.
Der Tag, da dieses Projekt zur Ausführung gelangen sollte, war nahe; es blieb nur noch eine einzige Frage zu regeln. Sie hatten einen Sohn, ein reizendes Kind von 10 Jahren, das sie mit gleicher Zärtlichkeit liebten; wer von ihnen sollte es bei sich behalten? Sie hatten auf den Klemen dieselben Ansprüche; da kein Schiedsgericht dazwischen treten sollte, so beschlossen sie, George solle selbst entscheiden, wem er folgen wollte.
Er wurde in den Salon geführt, wo seine Eltern düster und feierlich das Urteil erwarteten. Er war blaß und unruhig; denn schon seit langer Zeit sah er die, die er liebte, nicht mehr lächeln; instinktiv ahnte er ein düsteres Geheimnis. Sein junger Verstand begriff, daß irgend ein ernstes Ereignis sich vorbereitete, sein Herz schlug ängstlicher, und er war besorgt.
„Mein Kind," sagte der Vater mit trauriger Stimme, „Deine Mutter und ich, wir sind gezwungen, uns zu trennen; jedes von uns möchte Dich bei sich behalten; Du sollst nun denjenigen nennen, dem Du Dein Leben widmen willst."
„Ja," sagte die Mutter, „wähle. Wenn Du mir den Vorzug geben willst, so wird sich nichts für Dich ändern. Dieses Haus, in dem Deine ersten Jahre verflossen sind, wird das Deine auch weiterhin sein; Du wirst als Herrin diesem Garten herrschen, wo Du zu spielen pflegtest, alle Behaglichkeit des Lebens, alle Freuden, die das Vermögen zu geben vermag, sollst Du bei mir genießen."
„Wenn Du mich begleiten willst," fuhr der Vater fort, „so kam: ich Dir nur eine ungewisse Zukunft Bieten; ich lasse den Reichtum und Luxus hinter mir zurück, um ein Leben der Entbehrungen und der Arbeit zu Beginnen; ich muß kämpfen, um die täglichen Bedürfnisse zu erstreiten; ich weiß noch nicht, wo ich mein Exil verleben werde, doch sind Dir meine Liebe und meine Zuneigung sicher; sieh zu, mein Kind, ob Du sie annehmen kannst."
George bemerkte den Ausdruck des Triumphes, den d:e Züge seiner Mutter verrieten, die sich ihres Sieges sicher glaubte; er bemerkte auch den schmerzlichen Ton der väterlichen Worte. Einige Augenblicke blieb er stumm; die verhängnisvolle Antwort wollte nicht aus seiner gequälten Brust kommen. Doch von seiner Mutter aufgefordert, sich auszusprechen, erklärte er mit einer Stimme, die die Angst seiner Seele verriet: „Vater, ich bin bereit, Ihnen zu folgen."
Ein Schrei der Verzweiflung und des Schmerzes entfuhr dem Munde seiner Mutter, deren Herz und Sinn allzu getrübt waren, um zu begreifen, welche Großherzigkeit in dem Entschlüsse des Kindes lag, das sein Herz zu dem unglücklicheren Teile feiner Eltern hirizog; er fiel erschöpft auf seinen Sessel zurück. Hätte die Leidenschaft nicht beider Urteil getrübt, so hätte sie eine grausame Enttäuschung, er die Genugthuung über einen Sieg vergessen, um sich nur mit dem Kinde zu beschäftigen, das sie dieser vorzeitigen Prüfung unterzogen.
Diese Einmischung des Kindes in den traurigen Zwist war genug. Herr von Arceanx sah das ein und befahl einem Diener, Georges in fein Zimmer zu bringen. Er wechselte mit seiner Frau einen Blick, der von den feindlichen Gefühlen zeugte, deren Heftigkeit dieser letzte Vorfall nur noch vermehrt hatte, und ging dann fort, um sich mit den Vorbereitungen zur Abreise zu beschäftigen.
* * *
Es war am Abend; die letzten Lichter der Dämmerung verbreiteten ein unklares Licht in den Gebüschen des Gartens. Diese Stunde, — noch nicht Nacht und nicht mehr Tag, — ist zur Erweckung der Erinnerungen günstig, und diese boten sich in Fülle Herrn von Arceanx mit den lachenden Bildern der Vergangenheit. Da war auch nicht eine Stelle, nicht ein Fußpfad, der, ihn nicht an die so schnell entflohene Zeit gemahnt, in der 'eine Atmosphäre von Glück und Eintracht im Haufe herrschte. Er suchte sich dieser unzeitgemäßen Eindrücke zu erwehren. Wozu dabei verweilen, da doch der unwiderrufliche Entschluß gefaßt war und er sich in den Umständen, die ihn herbeigeführt — wenigstens wiederholte er es sich — nichts vorzuwerfen hatte. Doch umsonst tauchte alles in die Dunkelheit zurück, sein Blick fand trotzdem alle Gegenstände wieder, und er sah in der fernen Zukunft ein Schicksal, das von dem, das er zurückließ, weit entfernt war; und was das Schlimmste war, nicht nur er allein hatte dessen Prüfungen zu ertragen.
Plötzlich glaubte er im Nebenzimmer ein Schluchzen zu hören; es war das Zimmer seines Sohnes. Er zitterte und glaubte dann, sich getäuscht zu haben. Es war jedenfalls die Klage des Windes im Blattwerk, der Schrei irgend eines Nachtvogels.
Die Nacht war bereits vorgerückt, als er die Augen schloß; es war eher die Erschlaffung der Organe, als ein erquickender Schlummer; doch die Thätigkeit des Geistes wirkte in der Abspannung des Körpers fort; feine Gedanken, die der Arbeit, der Aufmerksamkeit nicht mehr unterworfen waren, streiften frei umher.
Die kommenden Jahre entrollten sich vor feinem Geiste, toie sie ihren Tribut an Reue und Leiden forderten, uni) fein Sohn, den er an feine bittere Vereinsamung gefesselt, stand ihm wie eine lebende Anklage vor Augen; das zum Jüngling herangewachsene Kind ivar traurig und düster, es war zu schnell gealtert, wie alle, die frühzeitig das Gewicht geheimen Kummers auf sich laden.


