(Nachdruck verboten.)

Schuldig.

Erzählung von F. Arnefeldt.

(Fortsetzung.)

Es war am Abend eines heißen Tages zu Ende des Juli. Ernst und Aurelie hatten ihre bescheidene Mahlzeit vollendet und saßen am offenen Fenster des nach dem Garten gehenden Zimmers, um die kühl-r werdende Luft einzuatmen, da öffnete sich nach kurzem, schnellen Klopfen die Thür, und Felicitas von Kressen erschien auf der Schwelle.

Mit einem Ausruf freudigster Ueberraschung eilten ihr beide entgegen; ihre frohen Mienen wandelten sich aber in erschreckte, als sie in das verstörte Gesicht der jungen Dame blickten.

Felicitas, Geliebte, was ist mit Dir vorgegangen?" schrie Ernst und ließ die Arme, die er ihr entgegengebreitet hatte, unwillkürlich wieder sinken. Sie aber riß den leichten Strohhut, den sie aus dem Kopfe hatte, mit einem hastigen Griff herunter, schleuderte ihn auf den nächsten Stuhl, klam­merte sich an den Assessor und rief, in ein jammervolles Schluchzen ausbrechend:

Ernst, Ernst, rette, schütze mich! Ich habe ja sonst niemand als Dich!"

Je ruhiger und beherrschter Fräulein von KressenS Auftreten sonst war, und je mehr sie sich immer bemüht hatte, dem Geliebten und der Freundin alles fern zu halten, was deren Last noch vermehren konnte, um so betroffener standen sie diesem heftigen Ausbruch gegenüber. Ernst hielt das teure Mädchen fest in seinen Armen und streichelte wortlos ihr schönes blondes Haar- Aurelie hatte ihre Hand ergriffen und bat leise und herzlich;

Liebe, liebe Felicitas, sage doch nur, was Dir ge­schehen ist!"

1899.

v

MUI

Vergangen.

Jtaum sind die Veilchen fort, Primeln und Nelken, Fangen die Rosen an, Auch schon zu welken.

Frühling und Sommerzeit, Kurz ist ihr Prangen;

Schönheit und Liebe sind Balde vergangen.

Greif.

Furchtbares, Furchtbares!" stammelte Felicitas.Die Zunge sträubt sich, es auszusprechen."

Hat man Dich plötzlich fortgeschickt?" fragte Aurelie, einen der plötzlichen, unvermittelten Zornesausbrüche der Frau Kommerzienrätin vermutend, und Felicitas antwortete:

Noch nicht, aber es wird wahrscheinlich bald geschehen, mit Schimpf und Schande!"

Felicitas!" schrieen beide gleichzeitig.

Denn man beschuldigt mich beschuldigt mich des Diebstahls!" stieß sie, an allen Gliedern bebend, hervor.

Der Schreck, den Assessor Sommer über diese Worte empfand, war so heftig, daß er Felicitas unwillkürlich aus seinen Armen frei ließ und einen Schritt von sich stieß, Aurelie dagegen wurde ganz ruhig. Sie nahm den Arm der Freundin, führte sie zum Sofa, drückte sie darauf nieder, nahm neben ihr Platz und sagte, den immer noch wie ver­steinert in der Mitte des Zimmers stehenden Bruder herbei­winkend :

Komm, Ernst, setze Dich hier zu uns. Was Felicitas da sagt, ist ja die reine Unmöglichkeit, hier muß ein Irrtum obwalten."

Nein, nein, es verhält sich so," schluchzte Felicitas. Man beschuldigt mich des Diebstahls."

Wer?" fragte Ernst mit finster gerunzelter Stirn.

Die Kommerzienrätin Helldorf"

Ach, die Frau ist nicht recht zurechnungsfähig!" warf Aurelie dazwischen, Felicitas vollendete aber:

Und und der Kommerzienrat schenkt ihr Glauben".

Das kann nicht sein", beharrte Aurelie, Ernst bat aber mit aufgehobenen Händen:

Liebe, teure Felicitas, erkläre mir doch nur, wie das alles zusammenhängt".

Deshalb bin ich ja hier. Ihr sollt mir raten, mir helfen, aber es wird mir gar zu schwer!"

Es währte noch einige Zeit, bis das arme Mädchen sich so weit beruhigt hatte, um den ihr in der größten Spannung zuhörenden Geschwistern im Zusammenhänge ihre Mitteilungen machen zu können- dann aber erzählte sie:

Schon seit Wochen kommt es mir vor, als gehe man im Helldorfschen Hause auf vulkanischem Boden, als bereite sich irgend ein Ausbruch vor, sei es zwischen den Gatten, oder zwischen dem Vater und den Söhnen. Hermine, die ihr Näschen überall hat, erzählte mir dann auch einmal, der Vater habe Adalbert in sein Zimmer gerufen und dort furchtbar ausgescholten".