Ausgabe 
24.8.1899
 
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1899.

Donnerstag den 24. August

MI

/(mV6 Freundschaft ist ein Kind an Liebe und Vertrauen, Ein Jüngling an Gemüt, an Kraft und Wirksamkeit, Jfe*« Ein Greis an Weisheit und einst bei des Todes Grauen Ein Engel, der uns mild den Kelch des Trostes beut.

Th. Hell.

(Nachdruck verboten.,

Schuldig.

Erzählung von F. Arnefeldt.

(Fortsetzung.)

Adalbert ist zu jung, nach ihm wird sie ihre Schlingen nicht auswerfen," sann sie weiter, die meisten Chancen hätte sie immer noch bei Konstantin weiß ich doch, wie leicht er zu fangen ist! Ich hätte länger schweigen, sie in Sicherheit wiegen sollen! Ich würde dann endlich über­zeugende Beweise entdeckt haben. O, ich habe mich übereilt, aber ich werde künftig besser aufpassen!"

Der Eintritt des Dieners unterbrach sie- er brachte ihr auf silbernem Tablett einen soeben für sie eingetroffenen Brief. Sie streckte die Hand danach aus und fuhr zurück wie vor der Berührung einer Schlange. Nur mit großer Anstrengung bewahrte sie ihre Haltung, bis sie sich wieder allein sah.

Diese Handschrift!" murmelte sie.Ich erkenne sie auf den ersten Blick wieder, obwohl ich sie viele Jahre nicht gesehen!"

Immer noch zögernd hielt sie das Kouvert aus dickem, glattem Elfenbeinpapier in der Hand und konnte sich nicht entschließen, es zu öffnen. Endlich that sie es mit einem scharfen Ruck. Der Bogen, den sie entfaltete, enthielt nur wenige Zeilen, die sie schnell mit den Augen überflog.

Er lebt! Er ist hier!" rief sie.In den artigsten Worten meldet er mir seine Ankunft und bittet mich, mir und dem Herrn Kommerzienrat seine Aufwartung machen zu dürfen. Mein Mann kann diesen Brief lesen, niemand könnte etwas arges dabei finden! Und doch, was steht zwischen diesen unverfänglichen Zeilen! Was ich lange be­graben wähnte, erhebt sich wider mich. Ich bin in seiner Gewalt, und er wird sie ausnutzen!"

Sie sank in den Sessel und brach in ein herzbrechendes Schluchzen aus. Ein Stück Vergangenheit war lebendig geworden!

II.

In der Friedrichstraße in Berlin, wo sie sich dem Belle-Allianceplatz zuneigt, lagen noch einige aus der ersten Bebauungszeit dieses Stadtteils stammende unscheinbar kleine Häuser, die nicht mehr recht zu der stattlich entwickelten Umgebung passen wollten. Es erregte daher allgemeine Befriedigung, als bekannt wurde, dieBaracken" wären von einem Unternehmer angekauft worden, sollten demnächst niedergerissen werden und einem Neubau Platz machen.

Auch der Bankier Sommer sprach im Kreise der Seinen über diese in Aussicht stehende Veränderung seine Genug- thuung aus.

Er besaß das neben den kleinen Häusern gelegene große und ansehnliche, wenn auch nicht mehr neue Eckhaus und hatte im Erdgeschoß desselben sein Geschäftslokal, während die geräumige Wohnung der Familie sich im zweiten Stockwerk befand.

Der Wert meines Hauses steigt um fünfundzwanzig Prozent, wenn daneben moderne Häuser stehen," sagte er vergnügt zu seinem Sohn und seiner Tochter, mit denen er morgens am Kaffeetische saß,vielleicht baue ich selbst noch. Aus unserem Hause ließe sich noch viel machen."

Laß uns lieber erst abwarten, wie es dem Baumeister Schüller mit seinen neuen Prachtbauten geht," erwiderte der Sohn, ein junger Mann von sechs bis achtundzwanzig Jahren mit blondem Kraushaar, hellen blauen Augen und einem unregelmäßigen, aber offenen und intelligenten Gesichte. Ich halte es mit dem englischen Sprichworts:Thörichte Leute bauen Häuser, kluge Leute wohnen darin!"

O, o, es ist schon manch schönes Stück Geld beim Häuserbau verdient worden," murmelte Bankier Sommer, ein kleiner, sehr beweglicher Mann, indem er die Kaffeetasse von sich schob und nach einer Zigarre griff, die er abschnitt und in Brand setzte.

Der Sohn folgte seinem Beispiel, bemerkte dabei aber kopfschüttelnd:Und auch recht viel verloren worden."

Und unser liebes altes Haus, in dem wir geboren sind und wo unsere gute Mutter gestorben ist, das könntest Du doch nicht niederrießen lassen, Vater!" fiel die Tochter ein. Sie war um mehrere Jahre jünger als der Bruder und ein sehr hübsches Mädchen mit ihrem bernsteinfarbigen Haar, das fie auf dem Kopf gescheitelt und im Nacken in zwei dicken Zöpfen aufgesteckt trug, ihren braunen Aurikelaugen, der weißen, niedrigen Stirn, an die sich die steile Nase schloß, dem runden und doch festen Kinn und dem blühenden Munde mit den weißen kleinen Zähnen:Mir thuen die armen