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Leute leid, die aus ihren kleinen Wohnungen ziehen müssen. Wo werden Sie gleich wieder ein Unterkommen finden?" fügte sie hinzu.

Ohne Sorge, Aurelie, ein besieres als sie hier gehabt haben, es ist ja genug draußen gebaut worden," erwiderte der Vater.Die Hauptsache ist, daß nebenan bald geräumt wird. Nicht wahr, der Auszug ist im vollen Gange?"

Die letzten Worte waren an eine ältliche, sauber ge­kleidete Dienerin gerichtet, die ins Zimmer gekommen war, um das gebrauchte Kaffeegeschirr abzuräumen, und sie ant­wortete sogleich:

Ja wohl, Herr Sommer, die kleinen Leute ziehen alle ab, und wunderlich genug ist der Kram, der dabet zu Tage kommt. Aber e8. zieht auch einer wieder ein."

Was?" rief der Bankier,es zieht einer ein? Da haben Sie wohl nicht recht gesehen, Sophie."

Doch, doch!" versicherte diese.Herr Sommer brauchen ja nur aus den Fenstern zu schauen, da werden Sie es gewahren."

Der Bankier that, wie ihm die alte Dienerin geheißen, zog aber bald wieder den Kopf zurück und sagte, das Fenster schließend:Man kann aus dem unten herrschenden Wirrwarr nicht klug werden. Ich sehe aber Schüller auf der Straße stehen, da will ich doch einmal hinuntergehen und mich nach der Geschichte erkundigen."

Eilfertig verließ er das Zimmer. Die Tochter schaute ihm mit. einem leichten Seufzer nach und sagte in besorgtem Ton zu ihrem Bruder:

Ernst, meinst Du, daß der Vater wirklich an einen Umbau denken könnte?"

Der junge Mann zuckte die Schultern.Wer kann das sagen? Du weißt ja selbst, wie eindrucksfähig er ist?" Ja, ja, er interessiert sich für den Neubau nebenan in einem Grade, der in gar keinem Verhältnis zur Wichtig­keit der Sache steht," sagte Aurelie, den hübschen Kops wiegend.Wir müssen auspassen, daß er aus der Sache nicht Ernst macht."

Je nun, meinem Schwesterchen, die bald als vornehme Dame in einer Villa im Tiergartenviertel wohnen wird, könnt's eigentlich gleich sein, was aus dem alten Hause wird," neckte der Bruder, aber Aurelie rief lebhaft:

Ach, Ernst, Du weißt doch recht gut, wie ich es meine! Der Vater darf dem Geschäft keine Mittel entziehen und sich auch nicht anderweitig Lasten aufbürden. Er hat redlich zu kämpfen, wenn er es auf seinem jetzigen Stande er­halten will."

Du hast nur zu recht!" stimmte Ernst zu, und ein Schatten flog über sein offenes Gesicht.Ich fürchte, er ist den Anforderungen, welche die jetzige Zeit an den Bankier stellt, nicht mehr gewachsen! Die großen Banken saugen die kleineren Geschäfte auf."

Das wäre alles noch nicht schlimm- der Vater hat eine ganz gute, solide Kundschaft - wenn er sich begnügen wollte, deren Aufträge auszusühren, ginge es ganz gut. Aber er ist so unruhig- der Erfolg, den die großen Ge­schäfte haben, läßt ihn nicht schlafen."

Ja, wer mit Millionen arbeitet, wie Helldorfs!" fiel Ernst ein.

Und doch sind sie weit vorsichtiger als der Vater. Hans deutet mir das manchmal an." Eine höhere Röte in dem lieblichen Gesicht verriet, was dieser Hans dem jungen Mädchen war, und in der That war sie seit kurzem mit Johannes Helldorf heimlich versprochen. Ihr Bruder achtete nicht auf ihre Bewegung, sondern fuhr, seinem eigenen Gedankengange folgend, fort:

Ich bereue es jetzt doch zuweilen, daß ich nach dem Tode des armen Otto nicht vom Studium abgegangen und in des Vaters Geschäft getreten bin."

Nicht doch!" rief sie lebhaft.Du liebst Deinen Beruf."

Es würde mir recht schwer geworden sein, ihm zu ent-

agen," gab er zu,es wäre aber vielleicht für uns alle wsser gewesen.

Sie lächelte wehmütig.Ach nein, der Vater hätte ich von Dir so wenig dreinreden lassen, wie von Bruder Otto, wenn er am Leben geblieben wäre- hätte nur endlose Zwistigkeiten gegeben und ist viel besser so wie es ist. Ein großes Stück Geld, daß ihm imponiert hätte, würdest Du durch Deine Heirat auch nicht ins Geschäft gebracht haben, fügte sie jetzt, ihrerseits zur Neckerei übergehend, hinzu:

Ernst Sommers ehrliche Augen leuchteten auf.Sie bringt mir in ihrer Person mehr mit als Millionen!" rief er, dann war es aber, als ob eine harte Hand den Sonnen­glanz aus seinem Gesicht wegwische, und mit ganz verändertem Ton sagte er:Jahre wird es freilich noch dauern, bevor ich meiner Felicitas auch nur das bescheidenste Heim bereiten kann, und während besten muß sie harte Dienstbarkeit er­tragen."

Willst Du nicht lieber von Frohnarbeit reden?" lachte die Schwester.Ich leugne es nicht, Felicitas ist bei der Kommerzienrätin Helldorf nicht auf Rosen gebettet, aber eine Persönlichkeit, wie sie, weiß stets ihre Stellung zu behaupten."

Ich wünschte doch, sie gäbe sie auf," sagte Ernst nachdenklich.

Du solltest ihr das nicht zumuten," erwiderte die Schwester.Sie ist für die kleine Hermine von großem Segen, hat an dem Kommerzienrat und seinen Söhnen kräftige Stützen und

Bezieht ein Gehalt, wie sie es kaum in einem fürst­lichen Hause bekommen würde!" unterbrach sie Ernst mit Bitterkeit,und das fällt schwer ins Gewicht."

Gewiß, da sie doch für ihren Bruder August sorgen muß. Du kannst ihr das nicht verargen. Der arme Bursch hat ja niemand als sie."

Nein, nein, das thue ich auch nicht- er schränkt sich ja nach Möglichkeit ein und verbraucht sicher nicht den zehnten Teil von dem, was Adalbert von Helldorf ausgiebt. Aber es schmerzt mich so sehr, daß Felicitas sich dafür ab­quält und ich ihr keine Erleichterung verschaffen kann!" entgegnet Ernst mit gepreßter Stimme.

Sie würde das gar nicht von Dir annehmen, und ich kann das nur billigen," versetzte die Schwester.

Ernst wollte etwas darauf erwidern, aber das Schlagen einer Uhr schnitt ihm gleichsam das Wort vom Munde ab.

Schon zehn Uhr! Die höchste Zeit, daß ich ins Ge­schirr gehe! Ein wahres Glück, daß ich es nicht weit habe!"

Sich von der Schwester verabschiedend, verließ er das Zimmer und bald darauf das Haus, um sich nach dem in der nahegelegenen Lindenstraße befindlichen Kammergericht zu begeben, wo er als unbesoldeter Assessor arbeitete.

Unterdessen war Bankier Sommer mit dem auf dem Trottoir vor seinen Häuser stehenden Baumeister Schöller in einer lebhaften Unterhaltung begriffen. Die Angaben der alten Sophie hatten sich als wahr erwiesen. Während alle anderen Mieter die Häuser räumten oder bereits geräumt hatten, zog in die dicht neben dem Hause des Bankiers be- legenen Parterreräumlichketten, in denen bisher ein Viktualien- geschäft betrieben worden war, ein neuer Mieter ein.

Was wollen Sie?" fragte der Baumeister, als Sommer ihn zur Rede stellte.Ich brauche ein heilloses Geld und kann mir keinen Vorteil entgehen lasten, und der Mann hat mir einen recht anständigen Mietszins geboten."

Aber was will er denn in dem Hause? Sie reißen ihm ja demnächst das Dach über dem Kopf weg?" fragte Sommer.

Doch nicht. Ich fange mit dem Abbruch an der anderen Seite an- das Haus neben dem Ihrigen bleibt bis zuletzt stehe», es kann September werden, ehe es daran kommt."

Aber was will er denn in der kurzen Zeit in der