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Pierre erhob sich sehr ernsthaft- langsam näherte er sich dem Herde und nahm die beiden kleinen Schuhe, in dmon seine krästigen Hände nur zur Hälfte Platz hatten - dann kehrte er zum Tisch zurück, hob sie in die Luft, schlug einen gegen den andern und sagte:
„Da ist der kleine Mann!"
Er sah so drollig mit den kleinen Schuhen aus, daß das Lachen von neuem losbrach.
„Ihr werdet sie auswetten!" rief Mariette und versuchte, sie wieder an sich zu nehmen.
Dabei lachte sie, lachte, bis ihr die Thränen in die Augen traten.
Nur Mamsell Csline war ein wenig verdutzt.
Nun stellte Pierre die Schuhe auf den Tisch, nahm Mariettes Hände in die seinen und sah sie so lange und so tief an, daß sie ganz blaß wurde.
IV.
Ich bin Pathe; morgen ist Weihnachtsabend; morgen soll die Taufe stattfinden und abends feiern wir Weihnachten. Mariette hat auch mich geladen und mir ihr schönstes Zimmer eingeräumt. Auf der Kommode unter einer Glasglocke habe ich lange Zeit mit tiefer Bewegung einen Kranz, einen Myrtenstrauß und zwei Holzschuhe betrachtet, auf denen Pierre mit kleinen Stahlnägeln die Worte eingekratzt hat: Weihnachten — 1898."
Die Heimkehr.
Ein WeihnachtZbild von Wilhelm Rullmann (Graz).
------- (Nachdruck verboten.)
Weihnachtsabend! Mit dem Schatten der Dämmerung senkt sich die Stille des heiligen Abends auf die Häuser und Straßen der Stadt herab. Durch den zarten Dunst, der die Luft erfüllt, flimmern die Gaslaternen mit ihrem gelblichen Lichte, und selten nur gewahrt man in diesem grauen Verschwimmenden Nebel die dunkle Gestalt eines rasch Dahineilenden, der ein Packet unter dem Arme trägt, das vielleicht noch eine Liebesgabe für den Weihnachtstisch enthält.
Sei gegrüßt, du heilige Weihnacht! Auch die Seele desjenigen, für den die Weihnachtsgeschichte ein verblaßtes und verklungenes Märchen der Kindheit ist, kannst du noch mit einer Stimmung erfüllen, die der religiösen Andacht verwandt ist. Um die Stunde, in der die Lichter des Weihnachtsbaumes, in allen Häusern aufflimmern, geht etwas Geheimnisvolles durch die Welt, für das die Sprache kein Wort zu finden weiß. Kinderherzen glauben, daß um diese Stunde das Christkind mit seinen sehnsüchtig erwarteten Gaben kommt und dort überall Einkehr hält, wo die Kleinen dem Worte der Eltern folgsam gewesen sind. Märchenerzähler sprechen von dem „Engel des Glücks", der am heiligen Abend vor allem diejenigen aufsucht, die nach dem Worte der Schrift „mühselig und beladen" sind. Holde, sinnige Verkörperungen jener beseligenden Empfindung, die um diese Stunde des weihevollsten Familienfestes für einen Augenblick wenigstens die Bedrückten entlastet, die Niedergeschlagenen tröstet und erhebt, die Armen reich und die Reichen noch reicher macht!
* * *
Ja, es ist der Engel des Glücks, der geräuschlos und unsichtbar um die Stunde des dämmernden Abends die Straßen der Stadt durchschreitet. Seine weißen Flügel erglänzen im Lichte des Mondes, der jetzt zwischen den Wolken hervortritt, aber des Menschen Auge sieht sie nicht; die Spitzen seiner Füße berühren den Boden, aber des Menschen Ohr hört ihre Tritte nicht. Und wie er hier und dort Einkehr hält und die bunten Gaben aus seinem nie versiegenden Füllhorn streut, kommt er auch an ein altes Herrschaftshaus in einer der ältesten Straßen der Stadt. Er berührt die schwere, mit allerlei Schnörkelwerk verzierte Thür mit dem Palmenzweige, den er in seinem linken Arme trägt; die Thür öffnet sich von selbst und er huscht, von niemand bemerkt, die breite steinerne Treppe hinauf . . .
Das war eine unheilvolle Stunde, als der Engel des Glücks — ein Jahr ist seitdem verflossen — von diesem Hause Abschied genommen. Damals trug man einen Sterbenden, den jungen Grafensohn, die Treppe hinauf und drei Tage später die Leiche desselben, der an der Wunde verblutet war, die er im Zweikampf empfangen hatte, wieder die Treppe hinab, hinter dem Sarge wankte die Gestalt des Greises einher, der nun des einzigen Sohnes beraubt war.
Des einzigen Sohnes, und doch nicht des einzigen Sohnes! Dean weit, weit von der Heimat und dem Vaterhause entfernt, lebte in der neuen Welt der jüngste der beiden Brüder, der, in einer bittern Stunde von dem Vater verstoßen, dort ein neues Heim gesucht und gefunden hatte.
Es ist still, sehr still geworden in dem alten Hause. Auch in dem kleinen Salon, vor dem der Engel des Glücks jetzt Halt macht, ist es totenstill. Ein alter Monn sitzt dort vor dem Kamin, die halbgeschloffenen Augen auf die verglimmenden Kohlen gerichtet, und in dem Lehnstuhl am Fenster sitzt eine alte Frau, die sich jetzt erhebt.
„Wohin gehst Du, Emmeline?" — fragte der Greis.
„Ich denke, es ist Zeit, den Wagen auf den Bahnhof zu schicken."
„Meinst Du? Aber der Zug kommt erst in einer Stunde?"
„Du hast recht, lieber Bruder. Wir können noch warten."
„Nein, schicke den Wagen doch lieber schon jetzt! Besser eine halbe Stunde zu früh als eine Minute zu spät 4
Die alte Frau verschwindet hinter der Portiere des Nebenzimmers, und der alte Mann ist ganz allein.
Und wie der Alte so vor sich hinstarrt, den Blick auf die erlöschende Glut des Kaminfeuers gerichtet, ziehen die Bilder längst vergangener Tage an seinem sinnenden Geiste vorüber . . .
Seltsam! Daß er gerade jetzt an alles Schwere denken muß, das ihn im Gretsenalter heimgesucht hat. Auch ein Dezemberlag war es — vor zehn Jahren — als er die Gattin in der starren Wintererde begrub. In der Schwester, die er dann in sein Haus genommen, hatte er einigen Ersatz für die Verlorene gefunden. Aber wer konnte ihm den Sohn ersetzen, auf den er den Namen und den Glanz seines Hauses vererben wollte und dem die todbringende Kugel im Zweikampfe die Brust durchbohrt hatte?
Und doch! Es giebt auch da vielleicht einen Ersatz! Von jener Stunde an, da man ihm den sterbenden Erstgeborenen gebracht hatte, schweiften seine Gedanken mehr als sonst in die Ferne, über das Meer hinüber, in die neue Welt, wo ein Verlorener, ein Verstoßener, der jüngere seiner beiden Söhne, eine neue Heimat gefunden hatte.
Ja, ein Verstoßener! Von dem Vater verstoßen, dessen Willen er sich nicht fügte, damals, als er mit einem Mädchen den Bund fürs Leben schloß, von dem der Vater nichts wissen wollte . . .
Sie waren beide, Vater und Sohn, zwei feste, aber auch harte Naturen, hart wie Kiesel und fest wie Stahl, und wo Kiesel und Stahl zusammenschlagen, da müssen wohl Funken sprühen.
Wie er damals vor ihm stand! Wie trotzig er den Kopf erhoben hatte! „Wenn ich denn wählen soll —" hatte er mit ruhiger, nur leise zitternder Stimme gesagt — „so stehe ich zu dem Weibe, das ich liebe und dem ich mein Wort gegeben habe."
„So geh'!" hatte der Vater ihm in jener Unglücksstunde zugerufen. „Geh" !
Und er war gegangen. —
Jahre lang hatte er von dem verlorenen Sohne nichts gehört. Er wußte nur, daß der unbeugsame Starrkopf mit dem kleinen Erbteil der Mutter, das mau ihm ausgezahlt, die neue Welt aufgesucht und sich an der Seite des Mädchens, dem er alle Vorteile der Geburt geopfert, ein neues Heim gegründet hatte. Gelegentlich erfuhr er einmal, daß der


