Ausgabe 
23.12.1899
 
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fiel, warf das blaffe Licht, das die Wolken durchbrach, tu tausend bunten Farben zurück.

In diesem Augenblick schlug eine Glocke in der Ferne. Pierre zählte acht Uhr. Doch das war nicht der Ton der Glocke seines Heimatdorfes- er hatte sich sicherlich verirrt. Hinter ihm hatte sich der Weg im Schnee verwischt, und er durfte nicht daran denken, umzukehren- nun faßte er schnell einen Entschluß und ging dahin, wo die Glocke getönt hatte.

II.

Plötzlich hörte er eine Mädchenstimme rufen:Holla, Grauchen, Mut, meine Alte! . . vorwärts,, V

Er ging schneller und befand sich bald neben einem halb umgeworfenen Karren, der mit einem Rade in einem halb mit Schnee gefüllten Graben stak.

Als sie einen starken Burschen neben sich auftauchen sah, stieß das junge Mädchen einen leisen Schreckensruf aus, doch faßte sie sich schnell und sagte:

Ach, das nenne ich Glück! Euch schickt mir sicher der liebe Weihnachtsmann! Jetzt wird die Sache wie von selbst gehen.

Ohne ein Wort zu sagen, bückte sich Pierre, hob mit einem Stoß seiner Schulter den Karren hoch und stellte ihn wieder auf die Straße.

Danke schön/ meinte das junge Mädchen-aber wo wollt Ihr denn hin?"

Nach Barennes."

Nach Varennes?" versetzte sie lachend- Äna, wißt Ihr, wenn Ihr heut Abend noch hinkommen wollt, so müßt Ihr umdrehen und dürft die Beine nicht in die Tasche stecken!"

Das weiß ich- ich habe mich verirrt . . Aber Ihr?"

Ich gehe nach Chatenay und sollte schon nach einer Stunde zu Hause sein."

Wollen wir die Reise zusammen machen?"

Das will ich gern . . . Man wird Euch Obdach in Chatenay geben . . Vorwärts Graue!"

Es trat eine kurze Pause ein, dann fuhr das Mädchen fort:

Aber wenn Ihr aus Varennes seid, so müßt Ihr doch Pierre Parent kennen?"

Gewiß!" erwiderte Pierre ganz bestürzt.

Ich frage Euch danach, weil man mir gesagt hat, meine Base werde sich mit ihm verheiraten ... Er scheint Ver­mögen zu haben, der junge Mann, aber meine Base hat das auch- ... ich habe nichts . . . Mein Onkel Hat mich aus Mit­leid aufgenommen, als meine Eltern starben, und ich bin bei ihm Magd . . Gestern habe ich gehört, wie man zu meinem Onkel von diesem Pierre Parent sprach, und man meinte, es wäre ein sehr sanftmütiger, fleißiger und rechtschaffener Bursche. Das freut mich für meine Base. Nun möchte ich gern wissen, ob es wahr ist."

Ja, es ist wahr," erwiderte Pierre geschmeichelt.

Ist er groß?"

Wie ich."

Stark?"

Ebenso!"

Ach, um so bester - denn seht Ihr, wenn ich Geld hätte, so einen möchte ich haben."

Also Ihr sorgt für's Vieh?" fragte der junge Mann, der sich für das Geschwätz des Mädchens plötzlich sehr zu interessieren schien.

Gewiß, dazu bin ich ja da."

Ihr habt viel!"

Nein, aber das macht doch Umstände . . . Das wißt Ihr vielleicht?"

//Ja!"

Ihr seid Knecht?"

J°!"

Bei wem?"

Nun erfand Pierre eine ganze Geschichte: er besäße auch nichts und Hütte sich als Knecht verdingen müflen.

Das ist hart," sagte sie,so bei andern dienen

müssen . . ., Graue . . .Ich bin noch bei meinem Onkel, dem BaterMan, und der ist nicht unfreundlich- doch bei meiner Tante ist's nicht so . . . Ach, meine Base hat doch Glück . . . Aber sie ist auch nett und verdient einen guten Mann . . . Aber da sind wir angelangt . . . Nehmt die Zügel, ich werde das große Thor öffnen . . ., Graue!" Du bist's Mariette?" rief der Onkel, der in diesem Augenblick heraustrat.

Ja, Onkel, und hier bringe ich Euch noch einen Mann aus Varennes mit - ohne ihn stäke ich noch da unten auf der Landstraße im Schnee!"

Damit schob sie Pierre vor, der an der Thüre stehen geblieben war:

<Seht da ist er!"

Guten Abend!" sagte Pierre.Ich muß Euch sagen, ich wollte nach Varennes, bin am Kreuz von Pagnh vorüber- : gekommen und habe mich verirrt. Da habe ich die Kleine ! getroffen, habe ihr geholfen den Wagen aus dem Graben zu i ziehen, und wir haben den Weg bis hierher zusammen gemacht."

Ihr habt recht gethan. Na, setzt Euch zum Feuer. Wollt Ihr einen Schluck trinken?"

Das schlage ich nicht ab." Celine, gieb uns eine Flasche!" Fräulein Celine, ein großes Mädchen, das am Feuer stand, antwortete, ohne sich zu rühren, mit nachlässigem Tone:

Wartet doch einen Augenblick- Mariette kann's Euch geben!"

//Ja, ja, sagte Mariette," die in diesem Augenblick wieder eintrat.Bleib nur da, Celine. Es ist eine Hunde­kälte. Ich fühle meine Hände nicht mehr."

Damit stellte sie schnell eine Flasche und zwei Gläser auf den Tisch.

Auf Eure Gesundheit!"

Auf die Eure und die des Fräuleins," sagte Pierre und wandte sich nach Fräulein Celine um.

Also," fuhr der Vater Man fort,wenn Ihr aus Varennes seid, so müßt Ihr doch Pierre Parent kennen?"

Gewiß!"

Und nun entwarf Pierre ein so schmeichelhaftes Bild von sich selbst, daß der Vater Man jeden Augenblick ver- auüat ausriei:

Hörst Du, Celine, hörst Du!"

Und Fräulein Celine, die sich noch immer wärmte, ant­wortete in gleichgültigem Tone:

Ja, Papa!"

III.

Die Stunde des Weihnachtsfestes begann.

Es erschienen als Gäste der Maire Poinsot mit seiner Frau und der Vater Meurot, der Pächter Pichon und die Tante Louise.

Mariette, welche bei Tisch bediente, ging emsig hin und her und Pierre, der sie so lebhaft, so heiter, so behend, so verständig und so hübsch sah denn sie war wirklich hübsch, die kleine Mariette war ganz nachdenklich geworden.

Es ist schon zwei Uhr!" sagte der Vater Man und blickte auf die Kuckucksuhr.

Zwei Uhr?" rief Mariette-dann werde ich meine Schuhe holen- vielleicht legt mir der Weihnachtsmann ein Geschenk hinein."

Einen Augenblick später kam sie mit zwei kleinen Pantoffeln toiebeiy bte sie vorsichtig neben ben Herb stellte - bann erhob sie bas Haupt, sah in ben Kamin unb sagte so drollig unb niedlich:Ach, lieber Herr Jesus, vergiß Deine kleine Mariette nicht!" daß Pierre ganz gerührt war.

Was soll er Dir denn bescheren, Du kleine Närrin?" fragte der Vater Man lachend.

Nun, wie Celine, einen Mann, einen guten kleinen Mann!"

Und alle lachten, bis auf Mamsell Coline, die ruhig

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