— 474
beherrschung recht viel gegen ihre vermeintliche Krankheit aus-ichten könnte, behielt das aber wohlweislich für sich. Dagege i mochte sie es doch noch nicht aufgeben, ihrer Pflegebefohlenen den Spaziergang zu erkämpfen und begann deshalb nach einem minutenlangem Stillschweigen wieder:
„Hermine wird recht unglücklich sein, wenn sie heute zu Hause bleiben foU."
,/Ah, bah, man muß Kinder frühzeitig an Entbehrungen gewöhnen!" erwiderte die Kommerzienrätin. Der Ausspruch klang im Munde dieser verwöhnten, vom raffiniertesten Luxus umgebenen Frau so drollig, daß Felicitas nur mit Mühe ein Lächeln unterdrückte. Sie wollte sich schnell der Thür zuwenden, die Kommerzienrätin hielt sie jedoch mit der scharf und verwundert klingenden Frage zurück:
„Was haben Sie? Wohin wollen Sie denn so eilig?"
„Ich bitte um Entschuldigung, gnädige Frau, Ich möchte nur den Herrn Kommerzienrat noch sprechen, bevor er das Haus verläßt."
„Meinen Mann? Was haben Sie denn mit dem zu verhandeln?"
„Ich wollte ihm nur sagen, daß aus der Verabredung nun nichts werden kann."
„Eine Verabredung! Sie haben eine Verabredung mit meinem Gemahl!" Krampfhaft ballte die Kommerzienrätin das Taschentuch zusammen, das sie noch in der Hand hielt.
Fräule n von Kressen wußte sich die Aufregung, die sich der Dame von neuem zu bemächtigen schien, nicht zu erklären, und ruhig die stechenden Blicke, welche sie auf sie richtete, aushaltend, sagte sie unbefangen:
„Die Verabredung ist nicht mit mir, sondern mit Hermine getroffen. Wir sollten bis zum alten Museum gehen, dorthin wollte der Herr Kommerzienrat den Wagen, der ihn von der Börse abholt, schicken und uns wieder mit herausnehmen."
Die Kommerzienrätin brach in ein krampshaftes Lachen aus.
„Ach, das ist unerhört, das wagen Sie mir zu sagen?" Felwitas sah sie ganz verständnislos an.
„Nicht Hermine, sondern Sie sind die eigentliche llr- hcberin dieses Planes!" brach es von den kreideweiß gewordenen Lippen der Kommerzienrätin, und ungeachtet ihrer wirklichen oder eingebildeten Schwäche schnellte sie plötzlich aus dem Lehnstuhl in die Höhe und trat dicht vor das junge Mädchen hin. „Mein Kind, mein unschuldiges Kind wird zum Deckmantel benutzt! Deshalb bestanden Sie auf den Spaziergang! Deshalb wollten Sie mir einreden, es sei draußen das herrlichste Frühlingswetter! Sie erdreisten sich —"
Weiter kam die leidenschaftlich erregte Frau nicht, denn jetzt war auch die Erzieherin aus ihrer Ruhe mächtig aufgescheucht worden. Sie unterbrach die zornig erregte Frau mit den Worten:
„Frau Kommerzienrätin, Sie scheinen doch viel kränker zu sein, als ich glaubte. Ich will Ihnen nicht länger Gelegenheit geben, Ausdrücke zu gebrauchen, deren Sie sich bei ruhiger Ueberlegung zu schämen haben!" Mit einer Verbeugung wollte sie schnell das Zimmer verlassen.
Die Kommerzienrätin hielt sie mit einer hastigen Handbewegung zurück.
„Glauben Sie denn, hier schon Herrin zu sein?" rief sie, wobei ihre Stimme den schärfsten Ton erhielt. „Noch bin ich am Leben und ich werde auf meiner Hut sein!"
„Ich verstehe Sle nicht, gnädige Frau, und will Sie auch nicht verstehen," entgegnete Felicitas, die jetzt ein ge- wiffes Mitleid mit der bedauernswerten Frau verspürte, deren zornsprühenden Blicken sie ruhig stand hielt.
„Spielen Sie nicht länger die Unbefangene!" rief diese höhnisch. „Können Sie leugnen, daß mein verblendeter Mann, der Ihr Vater sein könnle, Sie liebt, daß Sie alle Ihre Künste aufgeboten haben, um ihn in Ihre Netze zu locken, und daß Ihr beide den Augenblick nicht erwarten könnt o, mein Gott!" Sie drückte mit einem lauten
Schmerzensschrei die Hand auf die Brust und sank wie gebrochen auf den nächsten Stuhl.
Obwohl die Erzieherin durch diesen plötzlichen Ausbruch einer heftigen Eifersucht empfindlich berührt ward, vermochte sie doch nicht, die unglückliche Frau in solcher Lage hilflos zurückzulaffen. Sie näherte sich ihr wieder, um sie zu ihrem bequemen Sessel zurückzuführen und sagte, ihr den Arm bietend, mit ihrer weichen, schönen Stimme:
„Frau Kommerzienrätin, verscheuchen Sie diese Wahngebilde, zu denen Sie nicht den mindesten Grund haben. Ihr Herr Gemahl würde gewiß nur lächeln, wenn Sie einen solchen Verdacht äußerten — und ich schwöre Ihnen —"
„Nein, schwören Sie nicht, ich glaube Ihnen doch nicht!" ewgegete die Dame, die Hilfe der Erzieherin zurückweisend. Sie suchte sich mit großer Anstrengung wieder allein aufzu- richt-n und wankte ihrem Sessel zu. Als sie sah, daß sich Felicitas, tief verletzt von dieser Entgegnung, von neuem zum Gehen wandte, rief sie mit der Wandelbarkeit einer Nervösen:
„Ja, schwören Sie mir bei allem, was Ihnen heilig ist, daß mein Gemahl Ihnen nie ein Wort gesagt, das — das —" Sie vermochte nicht weiter zu reden. Ihre Augen irrten erwartungsvoll über das Antlitz des jungen Mädchens.
/,Jch schwöre es Ihnen!" sagte Fräulein von Kressen feierlich. Wie seltsam ihr auch das Ansinnen der Kommerzienrätin erschien, sie glaubte sich nichts zu vergeben, wenn sie der Aufgeregren durch diese Beteuerung die Ruhe zurückbrachte. Wirklich schien sie diesen Zweck auch erreicht zu haben. Das Gesicht der Kommerzienrätin nahm einen etwas ruhigeren Ausdruck an, sie ergriff beide Hände der Erzieherin und bat:
„Verzeihen Sie meinen Argwohn! Ach, ich fühle mich so unglücklich!" Aus ihren Augen stürzten Thränen.
„Sie glauben meinen Worten? Sie vertrauen mir?" fragte Fräulein von Kressen, die durch diesen Auftritt tiefer erschüttert war, als sie zeigen mochte.
„Ich bin jetzt ganz beruhigt, verzeihen Sie meine Aufwallung, meine Heftigkeit," antwortete die Kommerzienrätin; sie versuchte unter Thränen zu lächeln, was ihr aber doch nicht gelang, und von neuem griff sie zum Taschentuch.
Felicitas stand unschlüssig, ob sie bleiben oder das Zimmer verlassen sollte, da ward die Thür aufgerissen und herein stürmte ein sehr elegant gekleidetes kleines Mädchen von etwa elf Jahren, mit dicken, kastanienbraunen Zöpfen und dunklen Augen, welche trotz des ganz verschiebenen Ausdruckes unverkennbare Aehnlichkeit mit denen der Kommerzienrätin zeigten. Sie wollte auf die letztere zueilen, blieb aber plötzlich wie gebannt stehen und schaute bald die Mutter, bald die Erzieherin an.
„Hermine, mein Liebling, was hast Du?" fragte mit ganz veränderter, weicher Stimme die Kommerzienrätin und streckte beide Arme nach dem Kinde aus, das blieb jedoch stehen und sagte mit einem altklugen Ausdruck in dem hübschen, frischen und etwas kecken Gesicht:
„Erst muß ich einmal hören, was es hier gegeben hat. Mama, Du hast gewiß wieder mit meinem Fräulein gescholten."
„Aber, Hermine, welch ein Einfall!" rief die Mutter, und schon lagerten sich wieder Schatten auf die Stirn, die beim Eintritt der Tochter sich entwölkt hatte. Auch die Erzieherin verwies dem kleinen Mädchen diese Rede, Hermine ließ sich dadurch jedoch nicht irre machen, sondern fuhr fort:
„Ich sehe es Euch beiden ja an. Aber es ist nicht recht von Dir, Mama, Du sollst meine Felicitas nicht ärgern, ich leid's nicht und gebe Dir keinen Kuß, wenn Du's thust!"
»Aber, Hermine!" mahnte streng die Erzieherin. So- gleich war sie an ihrer Sette, schlang beide Arme um sie und bat/ „Sei nicht böse, ich — ich weiß, daß ich unartig gewesen bin."
„Gehe sogleich zur Mama und bitte sie um Verzeihung/ gebot Fräulein von Kressen und schaute nicht ohne Besorgnis


