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zu der Kommerzienrätin hinüber, deren Gesicht sich verzerrt hatte. Sie hielt jedoch an sich und nahm die Entschuldigung der kleinen Tochter mit leidlicher Fassung auf. Freilich zuckte sie wieder zusammen, als Hermine schmeichelnd hlnzu- fügte:
„Ich habe ja nur solche Angst, Du schickst sie wieder fort."
„Nein, nein," versicherte die Kommerzienrätin halblaut.
„Oder sie sagt, sie könne es hier nicht aushalten und geht wie die andere, wo ich freilich froh war, daß ich sie los wurde!" schwatzte Hermine weiter. „Versprich, daß Du es nicht thun willst!" wandte sie sich an Felicitas, die unwillkürlich errötete. Sie hatte sich in ihrem Innern die Frage vorgelegt, ob sie nach dem soeben stattgehabten Auftritt noch länger im Hause des Kommerzienrates bleiben könne, und nun schien es, als habe das Kind ihr die Gedanken von der Stirn gelesen.
„Versprich mir, daß Du nicht fortgehst!" wiederholte Hermine leidenschaftlich. „Wenn Du nicht mehr bei mir bist, bleibe ich auch nicht hier, ich laufe Dir nach!"
„Still, Hermine, rede nicht so alberne Dinge!" gebot Felicitas, der dieser Auftritt recht peinlich war, finsterer als sie sich sonst ihrem Zöglinge zu zeigen Pflegte, und nun bat diese:
„Sei gut! Versprich es mir doch!"
Zwischen der Kommerzienrätin und der Erzieherin flogen Blicke hin und her, die eine nochmalige Abbitte von der einen, eine Zusage von der anderen Sette bedeuteten. Dann legte Felicitas dem kleinen Mädchen beiden Hände auf die Schultern und sagte nicht ohne eine gewisse Feierlichkeit im Ton:
„Wenn Du immer brav und folgsam bist, so bleibe ich bei Dir!"
„Hurrah! hurrah!" jubelte das kleine Mädchen, dem durch den jüngeren Bruder mancher burschikose Ausdruck eigen war, und flog von der Erzieherin zur Mutter, beide in ihren Umarmungen fast erstickend. Mit der Beweglichkeit des kindlichen Alters fragte sie dann aber unvermittelt:
„Gehen wir nun bald, liebe Felicitas?"
Felicitas sah die Kommerzienrätin an- und sagte zögernd: „Es wird heute nichts aus dem Spaziergang, Hermine."
Das Kind schrie auf.
„Das Wetter ist zu rauh, mein Herz, ich wünsche, daß Du nicht ausgehst!" fügte die Kommerzienrätin hinzu.
„Aber Mama, es ist ja himmlisches Wetter, Du solltest nur auch mitkommen," versicherte Hermine eifrig. „In der Siegesallee und Unter den Linden wird ein wahrer Korso sein, und Papa wollte mit uns zurückfahren. Ach, ich habe mich sehr darauf gefreut! Bitte, bitte, erlaube es doch, Mama I"
„Ein andermal" erwiderte die Kommerzienrätin, ihre Position nur noch schwach verteidigend, während Felicitas, den Verlauf der Dinge kennend, sich schweigend im Hintergründe hielt. Es kam denn auch, wie sie gedacht, die Kommerzienrätin konnte den Bitten und Schmeicheleien des Töchterchens nicht widerstehen. Sie gab die Erlaubnis, und Hermine zog Fräulein von Kreffen schleunigst aus dem Zimmer, als fürchte sie, es könne der Mutter wieder leid werden
Beide wären doch erschrocken gewesen, hätten sie den Blick gewahren können, mit welchem die Kommerzienrätin ihnen nachschaute.
„Sie ist ein weiblicher Rattenfänger von Hameln," murmelte sie. „Alles läuft ihr nach, tanzt und springt, wie sie pfeift. Habe ich mich doch selbst von ihren glatten, süßen Reden, von ihrem treuherzigen Blick verführen lasten und sie sogar meines Verdachtes halber um Verzeihung gebeten.
„Oder ob ich auf falscher Fährte bin, ob sie es auf HanS oder auf Adalbert abgesehen hat?" setzte sie ihr
Selbstgespräch fort. „Mein Herr Stiefsohn hat sich zwar schon versehen, und es wäre Wasser auf meine Mühle, wenn sie ihn seiner Auserkorenen abspenstig machte, aber haben soll sie ihn darum doch nicht! Kann ich es hindern, so bekommt ihn überhaupt keine. .Er soll nicht heiraten, ich will's nicht! Sein Geld —." Sie stützte den Kopf in die Hand und versank in Brüten.
(Fortsetzung folgt.)
Drei arme Sünderinnen.
Von Elsa d'Esterre-Keeling.
Autorisierte Uebersetzung von Emil Ernst.
------- (Nachdruck verboten.)
„Miß Fulton ist eine alte Krabbe. Ein richtiger griesgrämiger, ekliger, fetter, alter Frosch".
Das Blatt Papier, auf dem diese Bemerkung verzeichnet stand, wurde einem Diarium entriffen, einem jener steif eingebundenen Bücher, die in modernen Schulen Knaben und Mädchen zu dem Zwecke gegeben werden, daß sie darin die trefflichsten Aussprüche, welche in den Unterrichtsstunden der Lehrer vorkommen, eintragen. Hierauf legte die kleine Schreiberin das Blatt in ein auf ihrem Pulte befindliches gedrucktes Buch und machte sich dann von neuem an ihre Rechenaufgaben, die sie so korrekt und mit solch spielender Leichtigkeit löste, daß ihre Fähigkeit im Rechnen wohl über allen Zweifel erhaben war — wie schwach auch immer ihre Kenntnis von Krabben und Fröschen sein mochte.
Es war erst drei Uhr nachmittags. Aber das Zimmer, in dem fünfzehn kleine Kinder — fleißig arbeitend — ihre Vorbereiturgen zu den Lehrstunden des folgenden Tages trafen, war schon in jenes Halbdunkel getaucht, welches den November zum traurigsten aller Monate stempelt. Heute jedoch war dieses Halbdunkel nicht wie gewöhnlich von jenem trüben undurchdringlichen Grau, sondern hatte eine helle weißliche Färbung/ hervorgerusen durch den auf den Dächern der Häuser liegenden Schnee, der gestern gefallen/ durch den auf den Straßen liegenden Schnee, der heute gefallen/ durch den am Himmel hängenden Schnee, der sich wahrscheinlich morgen entladen würde/ während noch ab und zu, in verschiedenen Zwischenräumen, der Wind die weißen Flocken von den Fensterbänken sowie von den in der Nähe stehenden Bäumen herunterwehte und dieselben in der Luft herum- tanzen ließ.
„Darf ich Frieda ein Buch hinübcrreichen?"
„Nein, Ursula".
Dieses kurze Zwiegespräch war dem Niederschreiben jener oben erwähnten boshaften Bemerkung vorangegangen und seine alleinige Ursache/ und Ursula hatte gerade die letzten Worte beendet, als sie — aufschauend — den Blick von Miß Fulton voll auf sich gerichtet sah. Für ein Wesen, dem man solch garstige Bezeichnungen wie Krabbe und Frosch beilegte — gar nicht der häßlichen Worte „alt, griesgrämig, eklig, fett", zu gedenken — harte Miß Fulton ein äußerst liebliches holdes Antlitz/ vor allem selten schöne Augen/ Augen, so „klar und hell wie ein Spiegel"/ wenn auch augenblicklich —das muß ja zugestanden werden — ebenso kalt und hart wie ein Spiegel. Die kleine Rechenkünstlerin senkte beschämt die ihrigen und doch, — wie unerklärlich dies auch ist — und doch wiederholte sie noch einmal und zwar recht nachdrücklich, während sic sich tief über ihre Ziffern beugte: —
„Miß Fulton ist eine alle Krabbe. Ein richtiger, griesgrämiger, ekliger, fetter, alter Frosch".
Dreieinhalb Uhr. Wieder jenes schwerfällige, dumpfe, hohle Geräusch — das Herabstürzen auf den Dächern liegenden Schnees. Und die Kinder so müde! Ein ganz kleines, tief im Hintergrund sitzendes Geschöpf beginnt auf ihren Fingernägeln Gesichter zu zeichnen, und fährt so lange mit dieser geistreichen Beschäftigung fort, bis das eine Händchen ganz davon bedeckt ist/ hierauf verziert sie auch ihr Hand-


