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dem Author gelegen, besaß Schorjches Großmama, die verwitwete Frau Generalin von M. einen großen Garten, dessen „Bäumlein rüttle dich und schüttle dich" im Sommer und Herbst eine magnetische Anziehungskraft aus die Herren Kadetten ausübten.
Jetzt gab es nur Eis und Schnee dort, aber aus alter Vorliebe wanderten die beiden Freunde doch hinaus, beide mit ihren kleinen Teschings bewaffnet, um eventuell etwas Jagd auf Krähen und Spatzen zu machen. Als die beiden Miniatur-Strategen den verschneiten Gartenpfad, längst der wehmütig trauernden Kohlstrünke des Gemüselandes einherwandelten, — huscht es plötzlich aus einer Schneescholle hervor und hoppelt gemächlich der Hecke, welche den Garten vem Felde trennte, entgegen.
„Ein Brummer! — Hermann! Ein Brummer!! —
„Schorsche schieß! — drauf! — feste draufgehalten! —
Und gleichzeitig blitzt es zweimal auf — der Hase schießt einen regelrechten Purzelbaum und macht das tragische Liedlein zur Wahrheit —: „Tas arme, arme Häsulein — dos Häsulein war tot!" —
Die beiden Schützen stürzten sich mit wilden Freuden- geheul auf ihr Opfer.
Einen Augenblick schwellte nur gerechter Waidmannsstolz die jugendlichen Busen, als aber Hermännchen den Freund Lampe an den Hinterläufen hochhob, ihn bedeutsam in der Hand wog und anerkennend sprach: „Alle Donnerwetter! Das ist aber ein strammer Bengel!" da zuckte es plötzlich durch Schorsches Hnn wie ein großer, leuchtender, rettender Gedanke!"
„Hampler!" rief er — denn also lautete Herrmanns Spitznamen — „Hampler . . . wir haben den Hasen in Großmutters Garten geschoffen, — der Hase gehört uns!"
Sein Vis-ä-vis zuckte die Achseln. „Das schon, aber was nützt das? wer soll ihn uns braten? Wenn wir ihn zu Hause abliefern, haben wir überhaupt das Nachsehen, — sic essen ihn, während wir im Korps Pamps füttern!"
Schorsche trat mit lebhaft blitzenden Aeuglei» näher.
„Darum liefern wir ihn nicht ab! Weißte was, Hampler? Wir verkaufen ihn! Dann haben wir Geld!" Welch ein Wort! — Wie ein Zauberklang tönte es. Geld für den Christmarkt!
Beide Freunde sanken sich sprachlos in die Arme und fühlten es, noch nie im Leben waren sie so völlig zwei Seelen und ein Gedanke gewesen, wie in diesem Augenblick.
Sie nahmen den Hasen in die Mitte und führten in wildem Freudentaumel einen wahrhaft indianischen Siegestanz mit dito Geheul auf.
Und dann kam die Reaktion.
„Wer soll ihn uns 'aber abkaufen?"
Ja, der Deiwel — da lag der Hase Plötzlich im Pfeffer! -
„Wir wollen ihn der Köchin im König von Preußen anbieten!" —
„Geht nicht, — da sind wir beide bekannt!" —
„Dann in Schirmers Hotel!" —
„Da ist zuviel Verkehr! Wie sollen wir den Hasen unbemerkt dahin bringen? Wir haben doch Uniform an!"
„Wir geben ihn einem Eckensteher, — der besorgt's!" —
„Und betrügt uns! — Proste Mahlzeit! die zwei Groschen verdienen wir lieber selber!" —
„Aber es giebt ein Geschwätz durch das ganze Nest, wie können zwei Kadetten einen Hasen verkaufen?"
„Laß uns nur überlegen, — wenn der Hase da ist, muß auch noch ein guter Gedanke kommen!"
Und er kam!
Abermals wandelten die beiden Freunde Arm in Arm im Garten auf und nieder, aber diesmal brüteten sie nicht mit düsteren Mienen Unheil, sondern lachten und kicherten mit wahren Gaunerphystognomien und hatten die ganze Welt zum Fressen lieb, — fürnehmlich alle Honigkuchen- und Bretzelbuden auf dem Christmarkt!
Und daun ward an die Vorbereitung des großen Werkes gegangen.
Hermanns Vater besaß einen alten Kutscher, ein Faktotum mit Namen Wammel, — dessen Kleiderschrank ward auser- seyen, die nötigen Rüststücke für die „göttliche" Komödie zu liefern. — —
— Es dämmerte früher noch als sonst, denn der Schnee wirbelte in dichten Flocken durch die Luft und verschleierte die schmalen Gaffen und Straßen, so daß ein Lichtlein nach dem anderen aufblitzte, die Herrlichkeiten der Schaufenster aufs glänzendste zu beleuchten. — —
Die alte Generalin von M. saß in dem bequemen Ledersessel, -hatte die Brille in das Futteral gesteckt und lauschte sichtlich erheitert den höchst lustigen und amüsanten Geschichtchen, mit welchen sie ihr Enkelsohn Schorsche nach besten Kräften unterhielt.
So hatte sich der Herr Kadett lange nicht angestrengt, die alte Dame bei guter Laune zu erhalten, aber die Großmama schrieb diese Galanterie dem nahen Christfest zu gute, welches bekanntlich einen ganz besonderen Einfluß auf die Artigkeit der großen wie der kleinen Kinder ausübt.
Schorsche erzählte von den letzten Hoffesten, wo er als Page Dienst gethan, nnd ward gar nicht müde, die Herrlichkeiten des Buffets zu schildern. Vor allen Dingen lobte er den Hasenbraten — so saftig — so delikat — so reich gespickt und würzig-weich — daß er auf der Zunge verging! —
Die Generalin bekam förmlich Appetit bei dieser Beschreibung und nickte mit dem Kopf: „Ja, so ein guter Hase ist die helle Freude für alte Leute! . . . hm . . . und mein Buitermann wollte mir doch schon am Dienstag einen mitbringen!"
„Ja, die Hasen sind jetzt rar, Großmutter! Beim Wild in der Königftraße hängen welche aus, die kosten ihre fünfundzwanzig Groschen! — Aber zu Weihnachten könntest Du Dir wirklich mal ein Hasenbrätchen leisten! Die Zeit ist ja nun bald vorüber . . ."
Und die Augen des Sprechers hasteten voll brennender Ungeduld an den Zeigern der Uhr, welche sich kaum noch erkennen ließen.
Da hustet es draußen auf dem Flur und stampft auf der Treppe. „Da kommt jemand, Großmutter! ich will mal nachsehen!" — und Herr Schorsche fliegt zur Thür.
Nach zwei Minuten steckt er den Kopf lachend wieder in das Zimmer: „Lepus in fabula, Großmutter! Wenn man von dem Hasen spricht, steht er hinter der Thür! — Da ist ein Mann, Großmutter, der bietet einen an!" —
„So so! frag mal, ob er aus Biewelingshausen kommt!" —
Leises Getuschel draußen und eine laute, sehr rauhe Stimme.
„Nee, Großmutter, aus der Waldau kommt er!"
„Na, dann soll er weiter geh'n — ich habe bei dem Wiedemann bestellt!"
„Komm doch mal her, Großmutter! sieh ihn Dir doch mal an! Au! ein Mordshase! so groß wie sonst zweie! und mal feist!! — Der Wiedemann läßt Dich ja doch im Stich, und dann haben wir nichts zum Feste!"
„Na ... wie viel will er denn haben?"
Die Generalin hat umsonst nach ihrer Brille gesucht, sie erhebt sich und humpelt nach der Thür.
„Guten Abend, Frau Generalin! Na — wuttse Se dann s' Hasche hawe?"
„Wie teuer sind Sie denn damit, Mann?" —
„Na —s' is mei letztes heit! — un feist for dreie! — die fünfunzwanzig Groschen is he wul wert . . aber weil Sie's find, Frau Generalen, da füllen Se's für zehn gute Groschen hawe — un' ausgewursen is es au noch nit, das propere kleene Hushäsche!!"
Frau von M. schmunzelt. Sie befühlt zwar den Hasen noch von allen Seiten und meint, so sehr seist sei er nun grad nicht, — aber Schorsche drängt, der Mann müßte heim, und der kleine dicke Bauer in der riesigen Pelzmütze und den


