— 670 —
„Wenn Sie gestatten, Frau Geiger."
Opel trank auf einen Zug das Glächen leer.
„Ausgezeichnet! Ja, das wär' freilich was, wenn man fich's nicht immer in den Kneipen holen müßte. In einer so gemütlichen Stube. — Wenn Sie gestatten, so werde ich mich morgen früh erkundigen, wie's der Kleinen geht, und daun setzt es vielleicht noch so einen Bittern. Meinen Sie nicht, Frau Geiger?"
„Gern, so oft Sie wollen. Sie haben mir alle Scheu vor der Polizei genommen. Bei Ihnen können es die Spitzbuben selber net schlecht haben."
„Oh, da irren Sie sich aber, ich kann auch streng' sein, sehr streng'.*
,,A gehen's, thun's net so mit Ihren guten Augen
Opel hustete und lachte dazu verlegen.
„Gute Nacht, Frau Geiger. Auf Wiedersehen!"
Rasch verließ er das Zimmer, die Wohnung, ohne noch einmal nach Holaus zu sehen. Er hatte über den schwarzen Augen ihn ganz vergessen.
Dieser war unterdes in sein Zimmer, von ihm Atelier getauft, gegangen, hatte die Lampe angezündet, seine nassen Kleider vom Leibe gerissen und war in die blaue Uniform des Feldwebels geschlüpft.
Die Hose war viel zu kurz, der Rock zu weit, und er konnte darüber so herzlich lachen, wie er noch nie gelacht. Und er lachte über Wachtmeister Opel, über die brave Frau Geiger in der weißen Nachthaube, über ihren dicken Feldwebel, über sich selbst, über die ganze herrliche Welt," die ihm vor wenig Stunden noch so schwarz und feindselig erschienen.
Dann kam Frau Geiger, machte Feuer, wärmte das Bett und ließ sich die kühne That des Malers erzählen.
Sie lachte unter Thränen und weinte unter Lachen: „Hab' t's net immer g'sagt, — hab' i's net immer g'sagt, das 's a Schänd is um Jhna. So a Mann! So a Mann wird doch a Bild'l zusamm'bringa, das sich sehen lassen kann."
„Wird er auch. Verlassen Sie sich d'rauf, Frau Geiger," erwiderte Holaus, sich in der Uniform streckend. „Jetzt muß er, der Holaus. Nicht für sich, für sein Kind, für seine Marie muß er. Das ist was ganz anderes. Ja, — schauen Sie nur, für sein Kind. Wird wohl sein Kind sein, wenn er ihm das Leben geschenkt. Ist auch keiner da, der es ihm streitig macht. Mein, ganz mein!"
„Ganz? Net nur für heut' Nacht? Ganz bleibt's da, das liebe Ding?" jubelte Frau Geiger. „Ja, das ist ja großartig! Da sollen's was erleben! Jessas, da schreit's schon. Ja, schrei nur grab’, das is gesund."
Sie eilte hinüber. Holaus folgte ihr.
Das Mariele streckte ihm die Aermchen entgegen, wie einem alten Bekannten. Nach ihm hatte es geschrieen, nach seinem einzigen Freund auf der weiten Welt.
Und er konnte sich nicht satt sehen, nicht satt herzen an dem rosigen Körperchen, das der Hauch des Todes schon berührt.
Ein neuer, kräftiger Lebensodem ging von ihm aus, der sein ganzes Wesen durchdrang.
Frau Geiger mußte gewaltsam ein Ende machen. Jetzt hatte sie zu befehlen.
Holaus ging nur mit Widerstreben in sein Atelier. In allen Ecken standen und lagen angefangene Bilder, Skizzen, Zeichnungen.
Mit nervöser Hast wühlte er darin. Das Blut schoß ihm in das Antlitz. Alles schwächlich, unfertig, Entwürfe, die mit seinem Können nicht Schritt hielten. Eine sprunghafte Entwicklung, die tausend Lücken zeigte.
Das alte Angstgefühl schlich wieder heran, die alte Mutlosigkeit.
Da schrie Mariele drüben, daß die Wände gellten, für ihn war es ein schmetternder Trompetenstoß, der den wankenden Kämpfer zur Pflicht rief.
Narr, stehst Du denn noch nicht klar? Du hast kein Recht, die Welt anzuklagen, das Geschick, wie Du es bisher gethan. Du verdienst keinen Erfolg. Die Kunst ist kein glitzerndes Stück Spielzeug- nicht geniales Getändel, nur ernste Arbeit führt zum Ziel. Und ist Dir das höchste Ziel versagt, brauchst Du darum zu verzweifeln? Liegen auf dem Wege nicht andere, ehrenvolle, die Du bisher sträflich verachtet in Deinem Hochmut? Auf dem Tische lagen Bleistiftzeichnungen, Ornamentstudien. Bor Wochen hatte er in der ärgsten Bedrängnis die Bestellung einer Tapetenfabrik entgegengenommen, jedoch als entwürdigend wieder aufgegeben.
Rot vor Scham griff er jetzt darnach.
Es lag mehr Reife des Könnens in den paar Blättern, als in all' den Malereien ringsum. Es war ihm, als müsse er sich heute noch htnsetzen und zu arbeiten beginnen.
Oh, diese Wonne der That, die eben sein ganzes Wesen aufgerüttelt, einen neuen Menschen aus ihm gemacht, er wollte sie tausendfältig genießen.
Und er fühlte, daß es dazu nicht einmal eines großen Erfolges bedürfe, auch nicht eines heldenhaften Eingreifens wie heute, sondern nur schlichter Arbeit, eines ehrlichen Strebens.
Jetzt erst vollzog sich seine innere Umwandlung. Lange genoß er sie schweigsam, wie um die inneren Stimmen nicht zu hören, bis ihn die Müdigkeit übermannte. Ehe er zur Ruhe ging, schlich er noch einmal vor die Thüre der Hausfrau und lauschte.
Durch das Schlüsselloch erblickte er gerade das schlummernde Kind. Seine Bäckchen waren vom Schlafe gerötet. Ein seliges Lächeln verklärte das liebliche Antlitz.
Er fühlte mehr als Vaterliebe für das kleine Wesen. Er hatte nicht nur Leben gegeben, sondern selbst neues empfangen. Ein doppelt unzerreißbares Band schlang sich um beide. Des Glückes voll ging er zur Ruh'. Das Mariele entfaltete sich wie eine Knospe, Blatt für Blatt, und plötzlich stand eine holderblühte Jungfrau vor ihm.
Es war ihm, als ob sie aus einem Bilde herausgetreten, das er gemalt, das in das Leben getretene Geschöpf seiner Phantasie. Und sie kam auf ihn zu, breitete die weißen Arme nach ihm aus, drückte einen heißen Kuß auf seine Lippen. Ein fremder Mann mit rohem Gestchtsausdruck wollte sie aus seinen Armen reißen. Er rang mit ihm um das Mädchen an den Ufern eines reißenden Stromes. Plötzlich verlor er den Boden, die eisigen Wasser umgurgelten ihn, er hörte den Schrei eines Kindes — und erwachte.
Da schien die Morgensonne lustig zum Fenster herein, und vor ihm stand Frau Geiger, das kleine Mariele im Arme, neben ihm, den Schnurrbart stramm gewichst, der lachende Wachtmeister Opel, bex, sich seinen versprochenen Frühtrunk geholt.
Zweites Kapitel.
Die Tapeten-Fabrik von Herrmann & Holaus hatte sich zu einem förmlichen Stablviertel erweitert.
Das alte, einstöckige Gebäude mit den einfachen Druck- und Walzmaschinen, welches noch vor zehn Jahren das ganze Herrmannsche Anwesen bildete, stand jetzt nur als eine pietätvoll gehütete geschichtliche Erinnerung inmitten der vielgestaltigen Baulichkeiten, Maschinenhallen und Lagerräume.
Der alte Herrmann, ein tüchtiger Arbeiter, der von der Pike auf gedient, gab sich mit dem kleinen, aber trefflich rentierenden Geschäft vollauf zufrieden und war mit den, allen alten, ihm teueren Mustern und Formen völlig widersprechenden Zeichnungen des Malers Holaus, welche ihm eines Tages fein Sohn brachte, durchaus nicht einverstanden.
Das hieß ja die ganze Fabrikation auf den Kopf stellen. Doch es half alles nichts, der Junge hatte sich den Holaus einmal in den Kopf gesetzt. Die Probe mußte gemacht werden, und sie fiel glänzend aus. Die neue Ware fand reißenden Absatz.


