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mancher Beziehung als Original auf, aber man wußte nichts über feine Herkunft und Vergangenheit.
Seine Erscheinung war Komteß Hertha auf dem Rennplatz aufgefallen — er ritt den Almanzor selbst — aber die Entfernung von ihrem Platz auf der Tribüne aus war zu groß, seine Züge hatte sie nicht erkennen können.
Endlich sollte nun ihr Wunsch erfüllt werden. Herr von Winterfeld, der sie mit ihrer Neugier überhaupt und in diesem Fall besonders, neckte, überraschte sie und seine Gemahlin eines Tages, indem er den Helden des Tages ihnen zusührte. Es war ihm gelungen, seine Bekanntschaft zu machen, und Mr. White, der ihm von anderen als schroff und unzugänglich geschildert worden war, ließ sich gleich willig finden, ihn zu seinen Damen zu begleiten.
Es war um die Mittagsstunde. Hertha und Frau von Winterfeld waren eben vom Lawntennisplatz heimgekehrt und saßen auf der Terrasse der Villa in der Ltchtenrhaler Allee.
Herr von Winterfeld sah neckend zu Hertha hinüber, während er den Fremden vorstellte, und wunderte sich dabei über die augenscheinliche Erregung, welche sich auf ihrem Gesicht spiegelte. Sie war eine so gewandte Weltdame, so gewohnt, mit jeder Sorte von Fremden zu verkehren, daß er sich ihre Verwirrung nicht zu erklären vermochte. Frau von Winterfeld war selber lebhaft interessiert und beobachtete Hertha weniger.
Mr. White verbeugte sich höflich, mit den Manieren eines Mannes von guter Erziehung,- ihm merkte man keinerlei Ueberraschung oder besondere Stimmung an.
Hertha faßte sich indes bald, die jähe Röte, die ihr ins Gesicht gestiegen war — bei ihr etwas ganz Ungewöhnliches — verblaßte, sie war zuerst ein wenig schweigsam, plauderte aber dann in gewohnter Weise, lebhaft und sachkundig. Natürlich drehte sich das Gespräch ausschließlich um Pferde, ein Thema, das für diese Kenner und Liebhaber ausgiebigen Stoff bot. Es dauerte gar nicht lange, so waren allerlei Verabredungen getroffen, — Mr. White war jedenfalls ein Mann von Welt, der sich in einem Salon so gut zu benehmen wußte, wie auf der Rennbahn, und erbot sick zu allerlei Diensten für die Damen.
Hertha konnte sich nicht den Luxus eines eigenen Reitpferdes, zumal bei ihren Nomadengewohnheiten, gestatten- auf Trautdorf stand ihr jederzeit ein Roß aus dem Marstall zur Verfügung, hier versorgte sie sich im Tattersall.
Auch als der Fremde gegangen war, fanden ihre Freunde Hertha noch ungewöhnlich erregt und bemerkten es lächelnd zu einander.
Der Aufenthalt in Baden-Baden bot nun noch mehr Anziehung. Mr. White führte die Damen spazieren in seinem eleganten Cab mit den beiden prächtigen Isabellen, und es war an sich schon Vergnügen, ihn die Zügel führen zu sehen. Er ritt mit Komteß Hertha in der Reitbahn, sie streichelte voll Entzücken den glänzenden Hals seiner Favorite, seiner goldbraunen Stute, ein Rassepferd von herrlichem, schlankem Gliederbau. Sie bot dem Tier Zucker aus ihrer Hand und frohlockte, wenn es die Nüstern hob und den Leckerbissen lammfromm von ihr nahm.
Sie hatte ihn gebeten, ihr den Almanzor in der Bahn vorzureiten. Welch ein Anblick! Roß und Reiter wie aus Erz gegossen, die Gruppe erregte allgemeine Bewunderung. Jetzt — ein Schnalzen mit der Zunge, ein leichter Gertenschlag, und langsam setzte sich das edle Tier in Bewegung. Gehorsam folgte es jedem Schenkeldruck seines Herrn, leicht tänzelnd schwebte es über den Boden, mit den zierlichen Hufen kaum den Sand der Manege aufwühlend.
Hertha verfolgte gespannt diese kunstvolle Produktion und klatschte begeistert, als das Tier jetzt in gestrecktem Lauf mit fliegender Mähne und geblähten Nüstern das Feuer seiner Natur entfaltete und mit seinem Reiter durch die Bahn jagte, daß die Funken stoben. Ein Schenkeldruck, und es stand.
Mr. White lüftete den Hut vor der Komtesse, welche
jetzt in die lebhaftesten Ausdrücke ihres Entzückens über die Kunstleistung ausbrach.
„Ja — Gott ist groß, er hat viel Schönes geschaffen, aber solch ein Tier ist sein Meisterstück," meinte der Amerikaner mit siegesfrohem Lächeln, „Verzeihung, Komtesse, sür solch ungalantes Wort. Aber — ich werde die Favorite in den nächsten Tagen vornehmen und sie für den Damensattel zureiten, dann können Sie sie probieren. Wie?"
Er schaute ihr vertraulich blinzelnd in die Augen, und sie antwortete mit einem Seufzer. „Ach, was hilft mir das — Sie sind sehr freundlich, aber es bleibt ja doch Tantalus- qual. Ich bin nicht reich genug, um mir den Schatz zu sichern, und Sie geben ihn vielleicht nicht einmal weg. Sonst — der Baron Jobst auf Trautdorf — Sie kennen den Baron?"
Die Frage kam unvermittelt, und Hertha fixierte plötzlich ihren neuen Freund scharf.
„Ja, ich kenne ihn. Er besitzt einen sehr wertvollen Marstall." Die Antwort kam ruhig und ohne Zögern heraus.
Hertha senkte unwillkürlich ihre Augen vor den seinen, welche forschend, fast streng, ihren neugierigen Frageblick erwiderten. Aber sie fuhr fort, während sie beide mit einander die Bahn verließen: „Und Sie waren auf Schloß Trautdorf?"
„Ja, ich war dort."
„Oefter?"
Er schwieg, und sie mußte jetzt doch aufsehen und ihn anblicken, sie wurde rot und lachte dann in ihrer offenen, angenehmen Weise. „Ich muß es Ihnen nur sagen," platzte sie heraus, „ich habe Sie sofort erkannt, und grübele seitdem über allerlei. Können Sie meine Neugier befriedigen?"
„Ich weiß nicht, was Sie zu wissen wünschen, Komtesse."
„Ach, bitte, wenn ich nun so offen bin, da spielen Sie auch nicht länger Komödie. Ihr Gesicht ist eins von denen, welche man nie vergißt, wenn man es einmal gesehen hat. Es war an dem Tag, da ich meinen ersten Einzug auf Schloß Trautdorf hielt und den alten Herrn, der mir seitdem ein so lieber, väterlicher Freund geworden ist, kennen lernte. Da spielte ich mit seinem Neffen, einem jungen Leutnant, Reifen auf dem Kiesweg vor der Rampe, und Sie standen plötzlich wie aus der Erde gewachsen zwischen uns mit der Miene eines Drachentöters, und gingen dann an uns vorüber ins Schloß, direkt zum Alten. Ja, ja, ich weiß das alles."
Sie sah ihn mit schlecht verhehlter Erregung lachend an.
Er zuckte kaltblütig die Achseln. „Wohl möglich, Komtesse."
„Und ich, enfant terrible, weiß noch mehr aus jener Stunde. Drüben, jenseits des Rasens, stand unter einer Hängebirke ein junges, bildschönes Mädchen, das mich anstarrte, als erblickte sie eine Medusa, und aussah, als verginge sie vor Schreck und Schmerz. Und ich bildete mir ein, doch kein Gegenstand des Schreckens zu sein. Es war ein denkwürdiger Tag! Und am denkwürdigsten war das, was sich nach Ihrem Abgang begab, denn Sie gingen ja ebenso plötzlich und geheimnisvoll, wie Sie gekommen waren. Sind Sie nicht ein klein wenig neugierig, Mr. White?"
„Gar nicht, Komtesse."
„Ach! Sie sind ein Mann ohne Fleisch und Blut."
„Schwere Anklage für einen Mann, der Ihnen gegenüber steht."
„Dergleichen kleidet Sie nicht, das ist das Genre anderer Leute. Nun, ich will Ihnen, obgleich Sie nicht neugierig sind, erzählen, wie jener Tag verlief. Mein Spielkamerad, damals noch ein ziemlich grüner Jüngling, bot bei Ihrem Anblick ein wahres Jammerbild. Das Gefühl seiner Größe und Wichtigkeit verließ ihn plötzlich, er konnte sich gar nicht wieder zurechtfinden. Ich habe nie Geheimnisse gehabt und würde mich in solchem Falle auch nicht zu benehmen wissen, daher bemitleidete ich ihn. Er hatte offenbar ein Geheimnis, und ich glaube, ihn drückt noch heute eins. Das muß ein schlimmer Zustand sein, wenn man nicht wahr sein darf."


