Ausgabe 
21.1.1899
 
Einzelbild herunterladen

(Nachdruck verboten)

Gesühnte Schuld.

Roman von Alexander Römer.

(Fortsetzung.)

Achtes Kapitel.

In dem Leben auf Trautdorf trat im Laufe der Jahre eine Veränderung ein. Eine junge Dame residierte zeitweilig neben dem weiberscheuen Hagestolz, der infolgedessen eine regere Gastlichkeit übte und seine Prunkgemächer häufiger der aristokratischen Gesellschaft der Umgegend öffnete.

Der Graf zur Lippe war schon ein Jahr nach seinem Besuch auf Trautdorf gestorben und hatte den Baron Jobst zum Vormund seiner Tochter bestellt. Er war ein sehr gütiger, milder Vater gewesen, der seinem Kinde nie einen Zügel anlegte. Seit er aus dem Leben geschieden, fühlte Komteß Hertha eine große Lücke. Sie war nun ganz frei, auch Herrin ihres Vermögens, das sie sorgenlos stellte, ohne ihr Extravaganzen zu gestatten.

Baron Jobst bot ihr sehr herzlich eine Heimat auf seinem Schlosse an, und sie hielt auch während der ersten Trauerzeit bei ihm aus, aber sie fühlte bald sie genierten sich gegenseitig. Er war ein Kavalier der alten Schule, er ließ es an keiner Rücksicht mangeln, aber Komteß Hertha wußte ganz genau, er ächzte innerlich unter der ihm auferlegten Last. Und ihr war nicht minder beklommen zu Mute. Trotz gelegentlicher Besuche und Ausfahrten langweilte sie sich entsetzlich und glaubte mitunter kaum noch atmen zu können in den großen, leeren, weiten Räumen.

Leutnant Albert kam öfter, aber der Ton zwischen ihr und ihm blieb ungefähr so wie am ersten Tage. Sie wußten es beide, daß der alte Herr, so wenig er auch das Zeug zu einem Heiratsstifter hatte, eine Verbindung zwischen ihnen

Lamstag dm 21. Januar.

Wt1

iTjra ilUiJ

ilSl

ie ein Adler aus dem Blauen Ist der Schmerz, der seine Klauen Jählings scharf in's Fleisch dir schlägt, Aber dann mit starkem Flügel Ueber Wipfel dich und Hügel Zu des Lebens Gipfeln trägt.

Geibel.

wünsche, sie erwogen vielleicht beide still für sich zuweilen den Fall, aber sie ließen einander kalt.

Sie fand bei näherer Bekanntschaft, daß Albert ein ganz netter Mensch sei. In seiner sorglosen, ungebundenen Lustigkeit, wie er an jenem Tage war, da sie sich zuerst sahen, kannte sie ihn gar nicht. Damals fiel ja gleich allerlei vor, was sie auf den Gedanken brachte, daß ihm etwas Absonderliches passiert sei. Das hatte zuerst ein Interesse für ihn geweckt, zu Anfang erschien er ihr recht unbedeutend. Aber sie behauptete seitdem immer in intimem Kreise, wo von ihm die Rede war, er habe eine unglückliche Liebe gehabt und kranke noch an derselben. Womit sie diese Annahme begründen wollte, blieb freilich dunkel, ihr war die Rede aber auch darum bequem, weil sie den Gerüchten von seiner Courmacherei und Bewerbung die Nahrung entzog.

Thatsache war, daß man an Baron Albert ein ernsteres Wesen als früher beobachtete. Er galt jetzt für einen tüchtigen, soliden Offizier, der redlich dahin strebte, sich zu rangieren. . Ob ihm das gelang, war eine andere Sache, aber nach des Oheims Tode wurden seine Verhältnisse ja glänzend.

Komteß Hertha betrachtete es als eine Pflicht der Pietät, in jedem Jahre einige Wochen dem alten Herrn, ihrem Vormund, zu widmen, die übrige Zeit verbrachte sie auf Reisen, in Bädern und bei befreundeten Familien. Sie war von früh auf ein Wanderleben gewöhnt und führte es fort.

Sie verlebte jetzt die Herbstsaison in Baden-Baden, mit den Winterfelds, einem kinderlosen Ehepaar und langjährigen Freunden. Die Frau zählte etwa zehn Jahre mehr als sie t und harmonierte mit ihr in Geschmacks- und Geistesrichtung.

Es war sehr voll und intereffant in diesem Jahr in Baden-Baden, die Rennen waren überaus glänzend verlausen, in den Sportkreisen sprach man nur von dem Hauptsieger auf der Rennbahn, einem Amerikaner, welcher ein ungewöhn­lich kühner und sicherer Reiter war, und die schönsten Pferde besaß, die man seit lange gesehen.

Hertha, welche sich lebhaft für alle Sorten von Sport und für schöne Pferde insbesondere interessierte, brannte darauf, diesen Helden des Tages kennen zu lernen. Sie hatte den herrlichen Bollbluthengst, Almanzor, und die schlanke Fuchsstute, Elvira, welche den Sieg erftritten hatten, an der Barriöre bewundert und hörte allemal mit besonderem Inter­esse zu, wenn von dem Eigentümer gesprochen wurde.

Es waren allerlei Anekdoten über ihn in Umlauf, er war plötzlich aufgetaucht, mußte sehr reich sein, spielte sich in