Ausgabe 
19.11.1899
 
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Stimmt. Und Sie wollen sich wirklich das aufladeu? Sind Sie denn in der Lage?"

Das dürfte wohl meine Sache sein."

Doch nicht ganz. So einfach geht das nicht. Ueber den Verbleib des Kindes muß wohl erst verfügt werden. Der Vater kann ja zurückkehren. Indes, ich weiß nicht wollen Sie es denn gleich mit sich nehmen?"

Ja, das möchte ich, das muß tdj.*

Was meinen Tie denn, Herr Wachtmeister? Kennen Sie den Herrn persönlich?" fragte der Aktuar unschlüssig.

Persönlich nicht, Herr Aktuar,- aber ich meine, zu trauen wäre dem schon, der eine solche That vollbringt."

Holaus warf ihm einen dankbaren Blick zu.

DaS ist ja wahr," meinte der Aktuar.Wir sind auch wirklich in Verlegenheit, wohin damit. Also nehmen Sie eS mit. Vor der Hand, heißt das. Das weitere werden Sie schon hören, das geht mich nichts an. Sie müssen aber den Herrn in seine Wohnung begleiten und sich von der Richtigkeit seiner Angaben überzeugen, sonst kann ich es nicht auf mich nehmen," wandte sich der Beamte zu Opel, der pflichtschuldigst die Hand an den Helm legte.

Das thue ich ja gerne, Herr Aktuar."

Dieser schrieb den kurzen Thatbestand auf. Holaus unterzeichnete und war entlassen.

Der Wachtmeister reichte ihm die Hand, pfiff einer Droschke und stieg mit dem Maler und seinem Schatz hinein.

Respekt, Herr Holaus, die That soll Ihnen Glück bringen."

Sie hat es schon gebracht, das Glück," meinte Holaus.

War denn das noch dieselbe Welt? War es denn noch Nacht, und regnete es noch? Oder war er schon drüben gelandet in dem unbekannten Lande, in welchem einem Schutzmänner freundlich die Hand drücken und Droschken bezahlen, in welchem alle Herzensnot zu Ende, ein fröhlicher Mut einzieht da drinnen, ein stolzes Vergessen, in welchem Engelsköpfchen einem entgegen lachen, blondgelockte, blau­äugige.

Marie! hörst Du, Marie! Du bist jetzt des Malers Holaus Töchterlein! O, sorge Dich nicht, er wird's schon machen! Hopp! Hopp! Lache doch, Marie!

Er wiegte fich auf den schwankenden Kissen. Das Kind fing zu lachen an und schlug ihm mit den kleinen Fäustchen vor Vergnügen in das Gesicht, und der Wachtmeister lachte mit, hielt der Kleinen den blitzenden Säbelgriff vor, nach dem sie neugierig griff.

Da hielt der Wagen.

Holaus schrak zusammen. Mit den Träumen war es vorbei. Der Regen praffelte wieder auf das Pflaster. Das war sein Haus, das Haus seiner Leiden.

Und zu Frau Geiger, der Hausfrau, zu dieser Stunde, mit dem Kinde, einen Polizisten an der Seite.

Und die Miete! Es war ihm, als ob alles einstürzte, war er eben aufgebaut in dem dunklen Kasten. Mit einem schweren Seufzer verließ er ihn, auch das Kind schrie, als es den kalten Wind spürte, der die Straße herabfegte.

Die Hauthür war ausnahmsweise nicht verschlossen. DaS war kein schlechter Anfang.

Er tastete sich die schmale Treppe hinauf. Hinter ihm klirrte der Säbel Opels.

Nur jetzt kein böses Wort, keine Abweisung.

Frau Geiger war ja selbst Mutter gewesen. Sie er­zählte oft von ihrer kleinen Marte, ja, so hieß sie, Marie. Welch glückliches Zusammentreffen! Und dann sah sie wirklich seiner Mutter so ähnlich, seiner guten Mutter, der er so viel Kummer"

Sie waren im vierten Stocke angelangt. DaS Kind gab keinen Laut von sich, nur das Herzchen pochte ungestüm gegen seines. Zaghaft läutete er. Lange nichts, dann schlürfende Schritte:

Wer ist's?"

HolauS!"

So, wär's wieder einmal gefällig, Herr HolauS, nach fünf Tagen? Pfui Teufel! Js das a Schänd'! Ich hab's aber satt, wiffen's. Gehen's nur wieder zu Ihren säubern Brüderln zurück. Ja wohl! Gute Nacht!"

Die Schritte entfernten sich wieder.

Der Wachtmeister machte ärgerlich eben Miene, mit dem Säbelknopf an die Thür zu klopfen, nur die leise geflüsterte Bitte des Malers hielt ihn ab davon.

Frau Geiger, haben Sie doch ein Einsehen, ich bin ja nicht allein," begann er wieder in demütigem Tone.

Unverschämt! So was I" grollte es drinnen.

Ein Kindl Ein armes, kleines Kind!"

Ein Kind?" fragte die Stimme.Was denn für ein Kind?"

TaS Kind einer Unglücklichen."

Ja, was denn noch. Unglückliche! Lassen Sie mich in Ruh' mit Ihrer Unglücklichen."

Aber, Frau Geiger, ich habe es ja aus dem Flusse gezogen. Die Mutter ist tot. Erbarmen Sie sich doch"

Da näherten sich zum guten Glücke die Schritte hastig wieder. Der Wachtmeister hätte sich sonst nicht mehr zurück­halten laffen. Frau Geiger erschien unter der Thür, im grellen Lichtscheine einer Kerze.

Ein stark gezeichnetes, immer noch hübsches Gesicht, das eine weiße, eng anliegende Haube dicht umrahmte. Eine Flanelljacke umspannte kräftige Formen.

Als sie den Wachtmeister erblickte, stieß sie einen Schrei aus, das Licht schwankte in ihren Händen.

JesuS und Maria! Die Polizei! Ja, ich bin ja ganz unschuldig, Herr Gendarm. Jesus, die Schänd'! die Schänd' I" Die hellen Thränen liefen ihr über die Backen.

Erst als Opel sie in barschem Tone aufklärte, daß er weiter nichts zu thun habe, als fich zu erkundigen, ob Herr Holaus hier wirklich wohne, der nichts weniger wie ein Verbrechen, sondern eine That begangen habe, vor der so eine Frauensperson den größten Respekt haben müsse, be­ruhigte sie sich, und als sie dann das Kind erblickte im Arme des Malers, in feuchte Lumpen gehüllt, da ging es los.

Ja, warum haben Sie das net gleich gesagt? Sie sind ja waschnaß, und das arme Würmel da auch. Ja, um Gottes willen, geben's doch."

Sie nahm das sich sträubende, vor dem Lichte scheu fich zurückdrängende Kind auf ihren Arm und trippelte den Gang zurück.

Aus dem Wasser hat er Dich und die arme Mutter? Ja, wie is denn nur so was möglich? Wie find's denn nur grab' nein kommen ins Wasser?"

Das fragen Sie noch?" erwiderte Holaus, der ihr in die warme Stube gefolgt.Aus Not, auS Verzweiflung, wie Hundert hineinkommen, wie vielleicht auch ich *

Heiliger Gott, t bitt' Ihnen, reden's nix mehr. Ich kann so was net hören. Bei dem Wetter ins Waffer! Mit so eint Kind! Ja, was soll i denn nur gleich? Ein' Thee, metnen's net, ein' Thee! Und abwärmen I Gleich abwärmen!"

Frau Geiger war ratlos, was zuerst beginnen. Sie entledigte die Kleine ihrer feuchten Hüllen und bereitete ihr auf dem Lederkanapee unter dem Epheu ein warmes Lager aus Kiffen und Decken, schürte den Ofen an, goß Thee auf, machte Milch warm.

Holaus betrachte sie mit einem Gefühle der Eifersucht, der Liebe, das er nie empfunden, seit sie die Mutter zu Grabe getragen. Dann fragte er plötzlich:Ja, dürfen wir denn bleiben, ich, und meine kleine Marie?"

Frau Geiger sah ihn groß an.

Die Miete ist schon zum dritten Male fällig, und ich kann, offen gesagt, wieder nicht bezahlen. Morgen wenigstens nicht."

Jetzt machen's aber, daß Sie ein trockenes G'wand am Leib kriegen, und stehens mir net immer im Weg um. Was versteht denn so a Mannsbild von so eint Kindl.