Ausgabe 
19.11.1899
 
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Nachdruck verboten.

Pygmalion.

Novelle von Anton Frhr. von Perfall.

(Fortsetzung.)

In dem engen Raum des Wagens, den nur dann und wann der Schein einer Laterne erhellte, betrachtete der junge Mann neugierig, was er gerettet ein rundes Ktnder- köpfchen, seidenweiche Löckchen, zwei Blauaugen, welche ihn ängstlich forschend anblinzelten, zwei rosige Fäustchen, sich an seine Weste festklammernd ein Mädchen ohne Zweifel. Und Holaus lächelte ihm zu und machte mit seinen erstarrten Fingern unbeholfene, zärtliche Versuche.

Glauben Sie, daß das Weib die Mutter war?" fragte er dazwischen seinen Begleiter.

Natürlich war es die Mutter!"

Und der Vater? Was wissen Sie vom Vater?" fragte Holaus.

Nichts, als daß er seit einem Jahre spurlos ver­schwunden und Weib und Kind im Elend hat fitzen lassen. Fichtner, Stuckateur. Sie war Weißnäherin," lautete die Antwort.

Wird sich jetzt erst recht nicht mehr sehen lassen, der saubere Herr!"

Glauben Sie? Also verwaist? Verlassen?" fragte der junge Mann weiter.Aber was kann denn dann die Polizei dagegen haben, wenn ich das arme Wurm nehme?"

Für immer? Sie?" fragte der Wachtmeister.

Weil ich arm bin, denken Sie wohl? Wer sagt Ihnen denn das Weil ich einen schlechten Rock anhabe? Ich

Sonntag den 19. November.

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«s ist das Meer ein niächt'ges Buch Mit ungezählten Blättern, D'rauf schreibt der Sturm in hastigem Zug Mit schneeigweißen Lettern.

Er rollt die Blätter rauschend auf, Kann nimmer fich genügen;

Gott ist allmächtig!" schreibt er d'rauf, Mt urgewalt'gen Zügen.

Dann legt er aus der Hand das Buch, Und ob die Blätter beben, Die Sonne schreibt mit gold'ncm Zug Gott ist die Lieb'!" daneben. Jul. Sturm.

bin aber gar nicht arm, nein, gewiß nicht. Ich brauche nur zu wollen, dann bin ich reich, sehr reich, und ich will es jetzt jetzt will ich. Oder glauben Sie vielleicht ah des­halb Sie halten mich für einen Trunkenbold? Sie werden auf Ihren Diensteid aussagen, wie Sie mich getroffen."

Ich werde auf meinen Diensteid aussagen, daß Sie rin wackerer Mann sind, der sein Leben gewagt für eine arme Selbstmörderin und ihr Kind. Sonst werde ich nichts aussagen. So, jetzt wissen Sie's."

Die Droschke hielt vor dem Polizeigebäude.

Man kam dem triefenden Manne mit dem zerrauften Haar und dem zerlumpten Kinde im Arme, gefolgt vom Wachtmeister Opel, im Jourzimmer ziemlich barsch entgegen, bis dieser seinen ausführlichen Bericht gemacht- dann erst veränderte sich das Benehmen des Beamten, und er warf unter seinem grünen Lichtschirm hervor Blicke auf den jungen Mann hinter den Schranken, welche für diese Stunde und diesen Raum wohl bewundernde genannt werden konnten. Dann schlug er in den verschiedenen Registern nach. Ursula Fichtner aus Memmingen, 21 Jahre alt, Weißnäherin. Stimmt. Marie Fichtner, geboren von eben derselben, 12. Dezember 187 . . »

Holaus berechnete rasch das Alter der Kleinen, welche in der wohligen Wärme der Stube förmlich austaute an seiner Brust. Es betrug genau zwei Jahre und drei Monate.

Alois Fichtner, Stuckateur, unbekannten Aufenthalts. Sie haben niemand ausfindig machen können, der daS Kind für den Augenblick übernehmen will?" fragte der Beamte den Wachtmeister weiter.

Doch, Herr Aktuar, der Herr hier will es übernehmen?"

Der Herr? Was hat denn der Herr mit dem Kinde zu thun?"

Nun, ich denke, wenn man so ein armes Ding aus dem Waffer gezogen, Herr Aktuar" meinte HolauS.

Allerdings, in der Beziehung aber Ihr Name?"

Holaus, Hans Holaus, Maler"

Maler?"

Der Beamte sprach das Wort in einem nicht mißzu­verstehenden Tone,

Wohnung?"

Dorotheenstraße 7, vier Treppen."

Der Aktuar ging an die Regale und schlug nach. Hans Holaus, Maler, bei Frau Geiger, nicht wahr?