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Modenbericht.
Bearbeitet und mit Abbildungen versehen von der Internationalen Schnittmanufaktur, Dresden-bl.
Reichhaltiges Modenalbum ä 50 Pfg. daselbst erhältlich.
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an, und hören wir,
Sicher ist aber, daß man immer wieder viel von der Französin lernen kann; denn einen vorzüglichen, bis in die kleinsten Details verfeinerten Geschmack kann ihr kein Mensch abstreiten. Am deutlichsten zeigt sich derselbe an der, bei aller raffinierten Eleganz immer wieder auffallenden Einfachheit, oder vielmehr „Einheit" in der ganzen Toilette. Sämtliche Garnituren, und seien es deren auch sechs bis acht verschiedene, sind immer so zusammcngestellt, daß sie genau übereinstimmen und fast als eine einzige wirken. Die Farben sind so zu einander gestellt, daß stets eine, dem Ange wohlthuende Harmonie entsteht. Die Formen sind immer so gewählt, daß sie für die betreffende Gestalt kleidsam sind; kurz, alles wirkt zusammen, um das, was wir „eine geschmackvolle Toilette" nennen, zu erzeugen. Die beste Probe, um zu wissen, wann wir einer Toilette die Bezeichnung „geschmackvoll" geben können, besteht darin, daß man sie daraushin prüft, ob nichts an ihr sozusagen „in die Augen springt". Fällt der Besatz, der Einsatz, die Schnittform des Rockes, der Taille, des Aermels, der Hut oder irgend etwas besonders ans, so ist wohl kaum die vorgenannte Bezeichnung voll berechtigt, und besteht eben die große Kunst und das Talent der Pariserin darin, die Toilette so herzurichten, als sei sie ein einheitliches Ganzes. Darum nehmen wir ruhig die Mode von Paris
Herbst! Schlimme Zeit für die Mode. Alles ist zwar in Vorbereitung, aber noch nichts ist genau präzisiert, und doch möchte man so gern wissen, was modern ist, denn man kommt von der Reise mit aufgetragenen Kleidern zurück, muß neue Toiletten anschaffen und will dabei natürlich die neue, womöglich die zukünftige Mode berücksichtigen. Nun, wir wollen der freundlichen Leserin mit einigen Ratschlägen zu Hilfe kommen und ihr für die schwierige Wahl einige Anhaltspunkte geben. Wenn wir dabei gestehen müssen, daß wir zu unserer eigenen Belehrung über den Werdegang der Mode ein ganz klein wenig hinüber nach den Pariserinnen geschaut haben, nm zn sehen, was jene in neuester Zeit trugen, um darnach beurteilen zu können, was wir in Deutschland tragen werden, so ist das zwar für uns als Deutsche etwas unbequem, aber es ist eben doch — man mag sich noch so sehr dagegen ereifern — eine allgemein übliche Gepflogenheit. Natürlich werden auch alle von den Franzosen herrührenden Moden dem deutschem Geschmacke angeformt.
Die Kleiderformen sind ja im Grunde genommen die alten, denn mehr als je heißt die Devise: „Schlanke Hüften um jeden Preis!" Die
selben wirken ganz besonders schlank, wenn der Oberkörper voll erscheint, daher ist für die Taille stets eine lose Form geboten, wie z. B. die Bluse, d. h. die glatte, nur im Taillenschluß wenige Fältchen zeigende Schnittform, oder dasJäckcheninallenVariationen. Die glatte Taille, welche wir seinerzeit anzeigten, hat sich, wie es scheint, nicht so eingebürgert, wie zu erwarten stand, denn man trifft sie nur noch vereinzelt an, und ist dann das erste Gebot trotz faltenlosem Sitz reichliche Weite. Von den Röcken müssen wir leider berichten, daß man in Paris „Schleppen" trägt. Nun, uns kann das ja nicht weiter genieren, denn wirhabcnuns doch vorgenommen, nur das anzunehmen, was uns gefällt. Trotzdem wird das nicht ohne Einfluß auf unsere Rockformen sein, und wenn wir auch nicht direkt Schleppen tragen werden, so werden wir wohl kaum vermeiden können, um elegant zu sein, lange Kleiderröcke zu haben. Dabei hält die obere Enge fortdauernd an, wenn auch nicht mehr so arg übertrieben, denn 10 bis 12 Centim. unterhalb desTaillenschlusses beginnen
Fig- 2.
die Tütenfalten, welche den Ansatz
zur unteren Weite ergeben. Dieselbe beträgt im Durchschnitt ungefähr 3 bis 4 Meter. Dies ändert sich jedoch,
was jetzt dort getragen wird. Das Thörichte nnd Unzweckmäßige lassen wir weg, und das Brauchbare und Hübsche beherzigen wir.
sobald der Rock mit Tunika geschnitten wird, was mehr denn je modern und besonders für die Ballsaison von Wert ist, denn die Tunika gestattet nicht nur eine ungemeine Verschiedenartigkeit, sondern sie ist auch für sparsame Hausfrauen wertvoll, indem man dadurch Kleidern zu neuem Glanze verhelfen kann. Die mit dem Rock gleich geschnittene nnd auch ans dem gleichen Stoff wie der Rock gefertigte Tunika, wie man sie jetzt häufig sieht, hat allerdings wenig Wert und kann fast durch einen Besatz ersetzt werden. Wirkungsvoll wird die Tunika erst dann, wenn sie vom Rock sowohl durch Schnitt, als auch durch Farbe und Stoff absticht. Damit meinen wir, daß die Tunika eng und anliegend, keinesfalls abstehend sein darf, während der darunter sichtbar werdende Rock sich nach unten merklich verbreitern muß, sei es nun durch Serpentineform, durch Volants oder, was besonders bei duftigen Balltoiletten reizend wirkt, durch gebrannte Plissees. Leidet es das übrige Arrangement der Toilette nicht, daß man den Rock von anderem Stoff als die Tunika fertigt, so wird man immer gut daran thun, denselben reichlich zu besetzen, damit er sich von der Tunika möglichst abhebt. Für diese Besätze hat die Mode eine Anzahl reizvoller Neuheiten gebracht, unter denen die vornehmste die Zierstepperei ist. Sie kann zwar nur von geübten Kräften hergestellt werden, ist aber, wenn gut ans- geführt, von ganz besonderem Reiz, denn sie wirkt trotz aller Einfachheit und Unauffällig» teil ungemein schmückend. Eine ähnliche Ausstattung bilden die aufgesteppten Atlas- . blenden, welche zwar schon im vergangenen
Jahre und zwar besonders an Konfektions- gegenständen gesehen wurden, in diesem Jahre aber gleich den Ziersteppereieri auch für Kleider sehr beliebt sind. Wirkungsvoll kommen diese Blenden an dem Kostüm Fig. 1 zur Geltung, woselbst sie sämtliche Ränder, sowohl der schräg geschlossenen Taille, al§ auch der dreifach Übereinander fallenden Tunika, umranden. Dieses Kostüm bestand aus dunkelbraunem Tuch, wozu die Atlas- bleudeu in schwarz und der kleine Einsatz, sowie Stehkragen in ecru vorzüglich harmonieren.
Nicht zu leugnen ist indes, daß diese aufgesteppten Atlasblenden schwieriger anzubringen sind, als irgend ein einfach aufzunähender Besatz, weshalb man sie gern und
besonders bann, wenn man sich nicht die Fig. 3.
erste Schneiderin halten kann, durch die fertig zu kaufenden, mit der Hand cmfzunähendeu Atlasröllcheu ober bnrch beliebigen Posamentenbefatz ersetzt. Besonbers ber letztere bietet in seinen mannigfachen Ausführungen reichliche Auswahl. Eine sehr nette Toilette mit berartigem Besatz zeigt Fig. 2. Auch hier ist der Besatz in schwarz gehalten, währenb ber Wollstoff borbeauxrot war. Die tief ausgeschnittene Bluse ist an den Seiten geschlitzt, unb siub sämtliche Räuber mit einem kleinen Posameutenbörtchen umgeben. Der Einsatz besteht aus schwarzem, rot unterlegtem Spitzenstoff, welcher auch zwischen ben Schlitzen sichtbar wird. Der Rock ist mit tief ausgebogter Tunika gearbeitet, deren Ränder gleich der Taille mit Posamenten besetzt sind.
Ein anderes Gesellschaftskleid aus hellgraublauem Tuch zeigt Fig. 3. Hier wurde die jetzt sehr beliebte Maschinenstickerei angetoenbet, um bie Ränder der vorn schließenden Tunika zu verzieren. Vorn ist ein Einsatz von in Fältchen genähtem Chiffon sichtbar; derselbe wird zu beiden Seiten von dem Revers eines ecru-farbigen, kurzen Jäckchens aus Spitzenstoff begrenzt.
Unter Frauen ist es allgemein bekannt, daß die Mvdeschvilte der Internationalen Schnittmannfaktnr in Dresden ein wirklich vorzügliches Hilfsmittel zur Selbstherstellung einer kleidsamen unb modernen Garderobe sind. Welche große Bequemlichkeit liegt schon darin, für dm billigen Preis von 50 Pfg. ein überaus reichhaltiges, neuestes Modmalbum und Schnittmusterbuch zur Auswahl der Kostüme zu erhalten. Alle Arten der Damengarderobe vom neuesten Pariser Modell bis zum einfachen Hauskleid, ebenso Mädchen- und Knabenkleidung sind darin vertreten, und von allen Abbildungen sind zur Selbst- Verfertigung vorzüglich ausgearbeitete und in der Anwendung bis in's kleinste Detail erklärte Schnitte zu billigem Preis zu haben. Wer diese bequemen Hilssmittel benutzt, kann durch seiner Hände Fleiß mit der Zeit manch' hübsches Sümmchen Geld ersparen, und wird außerdem immer chik und modern unb nach individuellem Geschmack gekleidet sein. Um dieser Ursachen willen werden die Schnitte nicht nur von praktischen Hausfrauen, von felbstschneibernden jungen Mäbchen benutzt, sondern auch Damen ber besten Gesellschaftskreise bebienen sich derselben mit Vorliebe, um ihren eigenen Geschmack in einer eleganten Garderobe zur Geltung bringen zu können.
Redaktion: $. Burkhardt. — Druck und Berlag der Brühl'schen Universttätl-Buch» und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Ließen.


