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sprüngen auf Burghoff loskam, diesen in Anspruch, aber Max blieb hartnäckig an Renatens Seite. Er hatte sich vorgenommen, zu ergründen, ob ihre Gleichgültigkeit gegen ihn auf jener ersten Begegnung gründete und somit eine gespielte war, oder ob wirklich seine Liebenswürdigkeit bei diesem Mädchen so wenig Widerhall fand. Seine Eitelkeit stützte sich auf ersteres und so war auch sein Auftreten wohl geschmeidig, aber doch mit Selbstbewußtsein stark durchsetzt.
Viktor beobachtete das Paar und konnte verschiedene Stadien des Ausdrucks in Maxens Gesicht wahrnehmen. Es wurde immer weniger zuversichtlich bis zur Verdrossenheit. Dann verneigte Renata sich und ging in das Haus.
Max spielte durchaus keine glänzende Figur, er biß unbarmherzig einen kleinen Zweig entzwei und wich beharrlich den klugen, lachenden Augen seines Freundes aus, der sich breit vor ihn hinstellte, seinen Stock mit beiden Händen auf- und niederwippend.
„Nun Bruderherz, wie schaust Du so sieghaft drein?" fragte er lustig neckend.
Max fuhr sich ärgerlich durch sein Lockenhaar: „Sie ist entweder sehr hochmütig oder sehr dumm."
„Haha, Freundchen," lachte Viktor, „wie magst Du so gegen Deine Üeberzeugung sprechen- oder willst Du eingestehen, daß Dummheit Dich so geschlagen hätte? Ich dachte mir, was Du vorhattest- wußte sie noch etwas von der Begegnung von damals?"
„Sie that, als wisse sie nichts - bah, das macht sie mir nicht weis," sagte Max mit seiner ganzen Selbstüberhebung.
„Max, sei nicht albern, sie hat sich jedenfalls zehn Mal klüger benommen als Du- Deine beliebte Art und Weise paßt bei diesem Mädchen nicht, das müßtest Du nun totff en - sie hält Dich für einen grünen Jungen. Ich würde den Gast Eures Hauses aus alle Fälle anders behandeln."
Renata war während dessen durch den Bogengang und die Hintertreppe hinaufgegangen, um sich nach der Hausfrau umzusehen. Als sie den Korridor betrat, bemerkte sie, daß die Thür zu des Konsuls Zimmer wett offen stand und hörte zugleich Frau Charlotte um Beistand rufen.
Im Nu war sie dort und fand den alten Herrn am Boden liegend, und seine Tochter bemüht, ihn empor zu heben.
„Ach Gott sei Dank, daß Sie kommen- schnell rufen Sie meinen Bruder oder Marianne."
Ohne sich zu besinnen, lief Renata den Korridor hinunter an des Professors Zimmerthüre. Sie klopfte energisch an und öffnete sogleich, hinein rufend: „Bitte kommen Sie schnell zu Ihrem Vater!"
Ehe sich der Gelehrte aus seinen Büchern heraus gefunden, war Renata schon längst wieder bei dem alten Herrn und suchte seiner Tochter behilflich zu sein, deren Kräfte nachzulassen begannen.
Das junge Mädchen hob den weißhaarigen Kopf des besinnungslosen alten Mannes mit ihren Armen höher, während Charlotte sich erhob und nach Marianne klingelte.
In diesem Augenblick öffneten sich die großen dunklen Augen des Kranken, und ihr Blick fiel auf Renatens erblaßtes, ängstliches Gesicht, das sich über ihn beugte.
„Gylfen!" stöhnte er- sein Gesicht verzog sich in grimmiger Angst, und seine geballte Faust traf Renatens weiße Stirn. Diese unterdrückte mühsam einen entsetzten Schrei, ihre Arme zitterten, sie konnten kaum dir Last noch halten. Da wurde sie im nächsten Augenblick sanft wegge- schoben und des Professors starke Arme hoben den Vater auf.
Renata lehnte wortlos, mit wankenden Knieen an dem hohen Schreibtisch, wie gelähmt vor Schreck.
Marianne eilte herbei, und mit ihrer Hilfe wurde der Konsul auf sein Bett im Nebenzimmer gelegt.
„Werner, Werner!" kam es in gebrochenem Laute über seine Lippen.
Frau Falkner trat zu Renaten. „Armes Kind!" sagte
sie und blickte traurig in das bleiche Mädchengeficht. „Wie mir das leid thut." Sie legte die Hand über die Augen.
„Madame!" rief Marianne.
Der Professor trat über die Schwelle des Schlafzimmers.
„Gottfried," sagte seine Schwester hastig, „führe daS Kind fort, sie ist halb ohnmächtig, o Gott, wie kam der Vater darauf!" Sie eilte zu ihm.
Renata hatte sich schon etwas erholt und versuchte, das Zimmer zu verlassen.
„Bitte, Herr Professor, bleiben Sie hier, man wird Sie brauchen, ich kann allein fertig werden."
Er schüttelte nur den Kopf und legte dann ihre Hand auf seinen Arm, und nun fühlte sie auch, daß es doch noch nötig war.
Ein dumpfer Schrei drang aus dem Nebenzimmer, hastig zog er das zusammenzuckende Mädchen über die Schwelle und schloß die Thür.
Er führte sie in ihr Zimmer und sie nahm ermattet auf dem kleinen Sofa Platz.
Der Professor blieb noch vor ihr stehen.
„Armes Kind, wie mögen Sie erschrocken sein," sagte er ebenso traurig wie seine Schwester. „Verzeihen Sie meinem armen Vater, er liegt im Banne eines tiefen Jammers, den seine Seele nicht überwinden konnte."
„Glauben Sie wirklich, es bedürfe mir gegenüber dieser Bitte?" sagte Renata. „Wie furchtbar mußte das Schicksal sein, daß es diesen gewaltigen Stamm so treffen konnte. Der alte Mann jammert mich unbeschreiblich."
Sie legte plötzlich die Hände vor das Gesicht und brach in Weinen aus, wohl mit unter der Einwirkung des gehabten Schreckens.
Der Professor seufzte tief auf und blickte bekümmert auf das weinende Mädchen, welches sich zu fassen suchte.
„Ja, es war ein hartes Schicksal und wohl geeignet, ein Gemüt wie das meines Vaters zu verbittern," sagte Onkel Gottfried. „Sie haben recht, er war ein gewaltiger Stamm, aber spröde bis in das Mark- biegen konnte er sich nicht, so mußte er brechen. Wir dachten oft, der Lebenssaft sei zu Ende und das Feuer am Erlöschen, aber dann bricht es wieder heraus wie aus einem Vulkan. Und wenn alles in ihm stürbe, ich glaube, das eine glühende Gefühl, es nimmt nicht ab."
Er schüttelte schmerzlich den Kopf.
Eine Pause trat ein, dann fuhr er fort: „Ich sollte nicht davon zu Ihnen gesprochen haben, Fräulein Renata, Sie sind noch so jung und eine Fremde, und wenn ich auch weiß, Sie würden nichts als Erbarmen haben für meinen armen alten Vater, so ist es doch besser, Sie blicken nicht in dies traurige Familiendrama. Ich will Sie allein lassen, Sie bedürfen der Ruhe."
Die Thüre schloß sich hinter ihm, und Renata hörte ihn nach dem Krankenzimmer gehen. Ihre Gedanken folgten ihm dorthin und umkreisten unablässig die Gestalt des Konsuls und sein Schicksal.
Ein Schauer durchbebte ihre Seele, wenn sie an jenen Blick, den er ihr zugeworfen, dachte. Sie wußte, daß sie ihn nicht vergessen würde ihr lebenlang.
Was mochte der Ruf „Gylfen" bedeuten!
Sie hatte durch den Professor doch erfahren, daß das Geschlecht ausgestorben sei seit langen Jahren, und doch wob sich dieser verschollene Name in die Geschichte des alten Mannes da drüben? —
Von unten aus dem Garten scholl das heitere Plaudern der jungen Leute zu der einsam Grübelnden herauf, in seltsamem Kontrast zu der erschütternden Szene, die sich eben abgespielt.
Die Gäste gingen fort, und Renata saß noch immer allein in tiefem Sinnen, bis Frida kam, sie zum Abendessen zu rufen.
„Großpapa ist wieder einmal krank," sagte sie leichthin.


