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Um so mehr drängte sich aber nun die Frage auf, wer den Diebstahl ausgeführt habe, und das Gespräch der beiden Helldorf wandte sich jetzt diesem Punkte zu. Hans suchte den Vater für die Ansicht, die er schon gegen Adalbert geäußert hatte, zu gewinnen, wurde aber auf das schlagendste widerlegt:
„Ich habe gerechnet und gerechnet, als hätte es gegolten, die Inventuren der letzten Jahre zu revidieren," erwiderte der Komerzienrat, „und bin stets zu demselben Ergebnis gekommen. Von den 5000 Mark, die ich immer in das Geheimfach lege, um die Bedürfnisse des Haushaltes zu bestreiten, sind 2000 verausgabt und 3000 auf unerklärliche Weise verschwunden."
„Aber Vater, wie soll das möglich sein?"
„Ich weiß es nicht!" antwortete der Kommerzienrat achselzuckend, „und nun ich die Ueberzeugung gewonnen habe, daß mein Adalbert das Geld nicht genommen hat, soll mich der Vorfall nicht so schwer bekümmern. Ich kann den Verlust verschmerzen."
„Darum ist es nicht," bemerkte Hans, „der Vorfall an und für sich ist nur beängstigend."
„Ach laß es gut sein," sagte der Vater, dem ein solcher Stein vom Herzen gefallen war, daß die ganze Angelegenheit ihm dagegen geringfügig erschien/ „ich werde meine Frau von dem Vorfall gar nichts wissen laffen, man weiß nicht zu welchen Auftritten es bei ihrer Nervosität Anlaß geben könnte.
Hans gab dem Vater recht, nahm sich indessen im Stillen vor, die Augen offen zu halten und wenn irgend möglich den geheimnisvollen Dieb zu entdecken. Unwillkürlich ließ er alle Hausbewohner, sowie diejenigen Personen, die am häufigsten in der Familie verkehren, im Geiste an sich vor- übergehen und sagte dann laut:
„Beiläufig gesprochen, Vater, wie gefällt Dir eigentlich der Doktor Corbus?"
Ueberrascht schaute der Kommerzienrat auf. „Wie kommst Du auf den? Du meinst doch nicht etwa, der könne bei meinem Geheimfach gewesen sein?"
„Ach nein," erwiderte Hans lachend, „man spricht nur so. Er ist ja koloffal reich."
„Man sagt's/ gesehen hab' ich von dem Reichtum noch nichts," entgegnete der Kommerzienrat, „und die Sache kann uns auch gleichgültig sein. Wenn Du mich übrigens aufs Gewiffen fragtst, so giebt es für mich angenehmere Leute als Corbus."
„Das heißt so viel als er ist Dir unangenehm/ ganz mein Fall."
„Was will ich machen? Ich kann einem Verwandten meiner Frau in meinem Hause nicht unfreundlich begegnen", erwiderte der Kommerzienrat, „und allzu lange wird er es in Berlin ja nicht aushalten".
Es kam nicht oft vor, daß der Kommerzienrat und sein Sohn über Dinge, die nicht das Geschäft betrafen, so vertraulich mit einander redeten, und Hans ging es durch den Sinn, ob er nicht den Vater mit der von der Stiefmutter unterstützten Werbung des Dr. Corbus um Fräulein von Kressen, die er selbst durch Aurelie erfahren, bekannt machen solle. Er unterließ es jedoch, aus Furcht das Zartgefühl der Erzieherin zu verletzen und wollte sich entfernen, da war es aber als ob der Kommerzienrat die gute Stunde noch auszunutzen trachte. Er legte dem Sohn die Hand auf die Schulter und fragte: „Du selbst, Hans, hast mir nichts mitzuteilen?"
„Nichts!" entgegnete, ihn sehr wohl verstehend, der Sohn traurig: „Es ist alles beim alten. Die Diebe und mit ihnen das gestohlene Gut sind wie vom Erdboden verschwunden, die schwache Spur, die uns von London zugegangen war, ist ganz wieder verloren gegangen".
„Und dennoch bin ich der Ueberzeugung, daß die Aktien zum Vorschein kommen müssen/ solche Leute werden mit der Zeit keck und unvorsichtig, sie haben keine Ahnung, daß ich
die Nummern immer wieder bekannt machen lasse. Ob mein armer Freund Sommer die Entdeckung erlebt, ist freilich eine andere Frage".
„Du hast ihn kürzlich wieder besucht?"
„Und ihn sehr leidend gefunden. Lange kann sein Leben nicht mehr währen, und ich mußte Aurelie zustimmen, daß ihr nichts übrig bleibt als ruhig auszuharren. Nun, wenigstens habe ich dafür Sorge getragen, daß er lebend die langgewohnten, liebgewordenen Räume nicht zu verlassen braucht. Ich habe das Haus gekauft".
„Vater! Und davon erfahre ich erst jetzt etwas!"
„Es ist erst in den letzten Tagen geschehen, und ich hatte den Kopf so voll von anderen häßlichen Dingen. Du brauchst übrigens meine Großmut nicht anzustaunen, ich mache bet diesem Hauskauf ein ganz gutes Geschäft", erwiderte, den lebhaften Dank des Sohnes ablehnend, der Kommerzienrat. Von Rührung übermannt schloß er ihr plötzlich in die Arme:
„Mein Hans, mein lieber, guter Sohn, möge Dir des Lebens höchste Glückseligkeit beschieden sein!" sagte er inbrünstig.
Hans küßte ihm die Hände. Er verstand sehr wohl, was in diesem Wunsche unausgesprochen lag. Der Vater erflehte für ihn ein Glück, das ihm selbst versagt geblieben war.
Beiden Männern war es, als seien durch diese Unterredung ihre Herzen noch fester in einander gewachsen, als sei auch der leise Schatten, der doch zuweilen noch zwischen ihnen gestanden hatte, jetzt auf immer verflogen.
XI.
Der zweite Tag des Sommermeetings in Hoppegarten war vorüber und sehr erfolgreich verlaufen. Im hohen Grade vom Wetter begünstigt, war das Treiben auf dem Sattelplatz und am Totalisator ein sehr lebhaftes gewesen, die Logen und Tribünen hatte ein Flor schöner und interessanter Damen in hellen, duftigen Toiletten besetzt gehalten, die die Vorgänge auf der Rennbahn mit ebenso gespannter Aufmerksamkeit verfolgt hatten, wie die meist sportsmäßig gekleideten und sich sehr sportsmäßig gebärdenden Herren.
Den Ehrenpreis des Tages von zehntausend Mark hatte Herrn von Langfelds „GHoire de Dijon" über den „Sperber" des Grafen Dux davongetragen. Zur großen Enttäuschung eines nicht geringen Teiles der Zuschauer, die ihr volles Vertrauen auf den berühmten „Sperber" gesetzt und hohe Summen auf letzteren gewettet hatten, die nun von ihren glücklichen Gegnern eingeheimst wurden.
Zu diesen Verlierenden gehörten auch zwei anscheinend den vornehmeren Stünden angehörende, tadellos gekleidete Herren, die sich etwas abseits vom Strome der jetzt von der Rennbahn nach der Stadt zurückflutenden und alle Beförderungsmittel mit Beschlag belegenden Menge hielten. Der eine von ihnen war groß und schlank, hatte ein dunkles Gesicht, das wie eine undurchdringliche Maske auf die Menge schaute und dunkle Augen/ der andere war klein, blond, weiß und rosig im Gesichte und sehr beweglich, schien aber in der denkbar schlechtesten Laune zu fein.
„Ich habe wunder gedacht, was Du für Pferdeverstand hast und nun reitest Du mich so nichtswürdig in die Tinte!" sagte er mit einem giftigen Blick zu seinem Begleiter.
Mit Achselzucken und sehr von oben herunter, erwiderte dieser: „Ist es mir denn besser ergangen? Hab' ich nicht auch auf den Sperber gewettet und kolossale Summen sitzen lassen?"
„Du behauptetest aber immer, es könne Dir nicht fehlen, Du wärest Deiner Sache sicher. Ich bin Dir gefolgt und —"
„Ach mache mir doch nicht den Kopf warm —" unterbrach ihn der andere. „Wer konnte denn denken, daß diese niederträchtige Stute dem Sperber noch im letzten Augenblick den Sieg streitig machen würde. Es ist ein schauderhaftes Pech".


