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„Sie entschuldigen! Der Gedanke war aber zu komisch!" sagte Leonidas, nachdem sich seine Heiterkeit gelegt hatte. „Nein. Die Bücher habe ich natürlich nicht mit herumgeschleppt. Das wäre nicht wohl angegangen. Ich habe sie erst vor kurzem nachkommen lassen."
Olaf hörte gar nicht auf die Antwort. Er betrachtete sinnend seinen Wirt. Die Gestchrszüge, wenn sie aus ihrem starren Ernst erwachten, der lachende Mund, der Ton des Lachens selbst — all' das mutete ihn so vertraut an. Wo? Wann hatte er das gesehen und gehört? —
Der andere wandte sich rasch ab. „Entschuldigen Sie mich für jetzt," bat er. „Ich bin noch beschäftigt. Lassen Sie sich von meinen Freunden —," er wies auf die Bücher, „die Zeit vertreiben."
Olaf setzte sich vor das geöffnete Schiebfach. Er las zunächst nicht,- aber cs machte ihm schon Freude, die Bände in die Hand zu nehmen, die bedruckten Blätter durch die Finger gleiten zu lassen und dabei das Vorgefühl des Genusses zu haben, den sie ihm bieten würden. Er selbst führte wohl eine kleine Bibliothek mit sich, aber es verwunoerte ihn, wenn andere das Gleiche thaten, und nun gar Menschen von fragwürdiger Existenz, wie sein Wirt. Doch nur für den ersten Augenblick schien es ihm verwunderlich. Sobald er eingehender darüber nachdachte, wurde es ihm zur Gewißheit, daß er in Leonidas einen Mann von höherer Bildung vor sich habe,- offenbar zu anderem erzogen, als in Klein- Asien Taglöhnerdtenste zu leisten, — einen, der sich in der Heimat unmöglich gemacht hat — Schulden? Ehrenhändel?
Während er so darüber nachsann, hatte er ein Buch nach dem anderen ergriffen und kaum besehen wieder beiseite gelegt. Er wollte eben, eines davon mit sich nehmend, die Schieblade schließen, als er ganz unten, halb versteckt unter einem Stoß Wäsche, ein Buch mit Goldschnitt gewahrte. Heines Buch der Lieder. Er stutzte. Vergeblich sagte er sich, daß in derselben Ausstattung wohl viele hundert Exemplare in der Welt verstreut zu finden seien; dieses Bändchen erschien ihm so bekannt, als müsse er es schon früher gesehen, in den Händen gehabt haben. Der grüne Einband, die Goldprägung; — so, gerade so hatte der Heine ausgesehen, den er sich als Schüler gekauft hatte. Er öffnete das Bändchen aufs Geratewohl.
„Mein Kind, wir waren Kinder, Zwei Kinder, klein und froh,"
standen da, und ein Kreuz an der Seite bezeichnete das Gedicht, als sei es dem Besitzer besonders lieb und wert.
Mit geheimnisvollem Schauer, mit der erwartungsvollen Scheu, mit der jemand das Haus seiner Väter betritt, auf dessen Besitz er kein Recht mehr hat, — so blätterte Olaf weiter.
Noch manch' anderes Gedicht war da mit einem Kreuz oder einem Striche bezeichnet; und das merkwürdigste daran war, Olaf hätte jedesmal ganz genau vorher sagen können, welches es sein würde.
„Da muß doch, —" murmelte er mit stockendem Atem und schaute nach dem Titelblatt. Ja, da stand es.
Olaf Nansen. Sein eigener Name in seiner eigenen Schrift, nicht zu verkennen; und darunter stuck, rer. tech., wohlgefällig verschnörkelt, wie man so etwas schreibt, wenn man gerade erst die Berechtigung erlangt hat, es zu schreiben.
Eine solche Fülle von Erinnerungen, Vermutungen, Zweifeln und Hoffnungen stieg beim Anblicke dieser Namenszüge in ihm auf, daß sie ihn, körperlich schwach, wie er noch war, zu überwältigen drohten. Es wurde ihm eigen beklommen. Luft! Luft! Er stürzte ans Fenster und lehnte sich tiefaufatmend weit hinaus.
Und da — waren denn das noch Fieberhallucinationen? War heut' in seinem erregten Gehirn die ganze Vergangenheit lebendig geworden? — Da schritt mitten durch die staubige Gasse, durch das Gewühl sich balgender Kinder, einen großen Korb Obst und Gemüse am Arm, sie selbst,
sie, der er vor vielen langen Jahren jenes Buch gegeben hatte. „Martha! Martha!" rief er, seiner selbst nicht mächtig. Sie hemmte den Schritt und hob den Kopf nach dem Fenster, von welchem der Ruf ertönte.
Er sah ihr gerade ins Gesicht, in das von einem großen weißen Hute umrahmte, sonngebräunte, ernste, wohlbekannte Gesicht, in die großen braunen Augen, die sich halb freudig zu ihm erhoben; und die Blicke, die sich trafen, bildeten eine Brücke über eine weite, tiefe Kluft; diese Blicke sagten einander, daß jene schöne selige Jugendzeit nicht vergessen sei, daß sie wieder aufleben werde in alter Frische und Schönheit zu ihrer beider Glück.
„Martha!" rief er noch einmal jubelnd, „Martha!"
XXXIII.
Ja, sie war es; und jetzt wurde ihm plötzlich alles klar; die freundliche Aufnahme, die sorgfältige Pflege die Aehnlichkeit, über die er gegrübelt, der Zauber der Heimat, der ihn in dieser fremden Wohnung umfangen hatte: er war bet Leonhard und Martha Andree. Fast befremdete es ihn jetzt, daß er nicht eher darauf gekommen war. Freilich, daß er Leonhard nicht wieder erkannt, konnte ihn kaum wunder nehmen. Seit nahezu zwölf Jahren hatte er ihn nicht gesehen; damals ein frischer, munterer, kaum dem Knabenalter entwachsener Jüngling, jetzt ein früh gealterter Mann, durch harte Lebensschicksale verbittert und gestählt zugleich. Was ihn aus der Heimat getrieben, wußte Olaf nicht. Er entsann sich wohl, daß Ziel in dem Briefe, der die Nachricht vom Tode der Frau Andree enthielt, ein trauriges Ereignis in Leonhards Leben erwähnt habe, in der Meinung jedoch, Olaf habe davon bereits Kenntnis. Bei Gelegenheit einer Geldsendung war Olaf dann darauf zurückgekommen, aber in dem lückenhaften und spärlichen Briefwechsel hatte Ziel versäumt, ihm die gewünschte Auskunft zu geben.
Nach und nach erfuhr Olaf das und alles, was sich sonst noch zugetragen; denn nachdem der Schleier zwischen ihnen gefallen, waren die Geschwister bemüht, ihn von allem zu unterrichten, was ihr äußeres und inneres Leben in den verwichenen Jahren so schmerzlich und so mannigfaltig bewegt hatte; gleichsam als ob sie nur auf diese Weise ihr Verhalten, die Verhältnisse, in denen Olaf sie hier vorgefunden, vor ihm rechtfertigen könnten. Olaf erfuhr auch auf seine direkte Frage, daß Martha ihre Verlobung selbst aufgelöst habe, daß sie schon frei gewesen sei, als sie ihm jenen seltsamen Brief geschrieben, von dem er, der unter gänzlich verändertenLebensbedingungenStehende, den heimischen Verhältnissen Entfremdete, nicht recht gewußt hatte, was er daraus machen solle.
Leonhard hatte, sobald er in Sicherheit war und eine Auslieferung nicht zu befürchten hatte, der Schwester von Zeit zu Zeit flüchtig geschrieben.
Erst später wurden seine Berichte ausführlicher. Als es ihm schließlich glückte, besser bezahlte und längeren Bestand verheißende Beschäftigungen zu finden, da keimte und wuchs in Marthas Herzen der Wunsch, dem Bruder, der ihr das Liebste war, was sie noch auf der Welt besaß, in die Fremde zu folgen. Sie hatte seit der Mutter Tode, um für sich und Lottchen den Lebensunterhalt zu verdienen, die Pension allein fortgeführt. Lottchen war inzwischen zur Jungfrau herangewachsen, und Else hatte im Einverständnis mit ihrem Manne gebeten, daß die Schwester zu ihr ziehen möge, als Begleiterin auf ihren Spaziergängen, Theater- und Konzertbesuchen, als fleißige Stütze im Haushalte. Denn die Frau Rechtsanwalt, deren schlanke Formen sich trotz ihres jugendlichen Alters schon zu runden begannen, neigte sehr zur Bequemlichkeit und liebte, da sie keine Kinder hatte, muntere Gesellschaft im Hause.
Martha aber sparte von Monat zu Monat, um das nötige Geld für die Reise zu sammeln und noch genug übrig zu behalten, daß sie aus eigenen Mitteln leben könne, bis sich entweder eine Beschäftigung für sie gefunden habe oder


