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selben in unglaublich kurzer Zeit in die Tiefe herab. Nicht nur Aas, sondern auch lebende Tiere bilden seine Nahrung, er fällt sogar Ziegen, Kälber und kranke Pferde an. Es darf uns nicht wunder nehmen, die Geier ausschließlich in warmen und gemäßigten Kiimaten zu finden, da sie allein in warmen Gegenden den Tisch für sich ausreichend gedeckt finden. Tagelang folgt z. B. der Schmutzgeier in der Wüste den Karawanen, dreist nähert er sich den Menschen und Zelten und frißt unter ihren Augen die ihm zugeworfenen Bissen.
In Afrika macht den Geiern der Marabu, ein häßlicher Kropfstorch, der ebenfalls mit Borliebe Aas verzehrt, häufig die Beute streitig. Häßlich haben wir ihn genannt, und in der That kann man den plumpen Stelzvogel mit seinem fast nackten Hals und Kopf, dem herabhängenden Kehlsack und dem unförmlichen Schnabel nicht als eine Zierde des Vogelgeschlechts, selbst nicht des Storchgeschlechts, bezeichnen. Er besitzt indessen eine Tugend, die ihn dem Menschen so wertvoll erscheinen läßt, daß man einer in Ostindien hebenden, etwa zwei Meter hohen Art sogar das Prädikat der Heiligkeit zuerkannt hat. Diese Tugend ist weder die Würde und Grandezza ihrer Haltung und ihres Ganges, denn diese wirkt komisch, noch ihre «lugheit, obschon letztere unsere höchste Bewunderung verdient. Die Marabus find nämlich Philosophen, sie lassen sich durch nichts aus der Ruhe bringen, ja sie fliehen sogar nicht weiter vor dem Jäger als unbedingt nötig ist und lernen nach den ersten Schüssen genau die Tragweite eines Gewehrs schätzen. Auch die berühmten Marabufedern, die so sehr geschätzt werden, stellen die Tugend nicht dar, von der ich rede — diese besteht vielmehr in der alle Begriffe übersteigenden Gefräßigkeit des Tieres. Doch nicht sowohl, wie er frißt, sondern was er frißt, macht ihn den Bewohnern der von ihm besiedelten Gegenden wertvoll, er ist nämlich nicht nur ein Vielfresser, sondern auch kein Kostverächter, über alles Genießbare fällt er her, Aas, Knochen, Fische, Ratten, Mäuse, alles würgt der mit unver wüstlichem Appetit begabte Stelzvogel hinunter. Ags wittert er schon aus weiter Ferne, er schafft sowohl dies als alle Abfälle aus dem Wege und besorgt in vielen Gegenden sogar das Amt des Totengräbers, nur daß er die Leichen- nicht in der Erde, sondern einfach in seinem unergründlichen Magen begräbt. Was hat man darin nicht alles schon gefunden! Rinderbeine samt den Hufen, riesige Knochen, blutgetränkte Lappen und andere Gegenstände von gleichem „Nahrungswerte". Noch tätlich verwundet sällt der Marabu gierig über ihm vorgeworfenen Fleischstücke her, er stirbt im Fressen. Auf diese Weise wird er für die Eingeborenen zum unschätzbaren Freund, er nimmt in der Gesundheitspolizei eine der wichtigsten Stellen ein. In gewisser Hinsicht verdienen hier auch unsere Raben einen Platz, sie stiften jedoch überwiegend Schaden und dürfen daher auf die Auszeichnung, als „Sanitätspolizeivögel" angesehen zu werden, ernstlich keinen Anspruch erheben.
Die Klasse der Insekten liefert uns ebenfalls zahlreiche Mitglieder unserer „Behörde", wobei noch zu berücksichtigen ist, daß die geringe Größe und mangelnde Kraft durch die Menge der Individuen ausgeglichen werden. Wenn wir von mangelnder Kraft sprechen, so ist das eigentlich nicht richtig, denn im Verhältnis zu ihrer geringen Größe besitzen die Insekten eine geradezu erstaunliche Muskelkraft. Selbst schwache Kerle vermögen, wie Plateaus Experimente ergaben, mindestens das Fünffache ihres Gewichts zu ziehen, die Honigbiene bewegt sogar das 23fache, und manche Insekten bringen es bis auf das Vierzig- und Fünfzigfache. Am berühmtesten von den hierher gehörigen Insekten ist der „Totengräber", ein etwa 15 bis 20 Millimeter großer Käfer von schwarzer Grundfarbe mit zwei orangegelben Querbinden. Aus weiter Ferne wittern die Tierchen ein Aas, summend kommen sie geflogen, und ist nur erst einer zur Stelle, so folgen auch
bald andere nach. Die Leiche, sei es nun die eines Vogels, einer Maus oder eines Maulwurfs, wählen sie entweder zur Nahrung für sich selbst oder bestimmen sie zur Ernährung ihrer Brut. Ersteres geschieht, wenn der Boden in seiner Beschaffenheit zu viel Hindernisse bietet, als daß sie das Begräbnis der Leiche ins Werk zu setzen vermöchten- ist dies aber nicht der Fall, so schreiten sie zum Begräbnis. Zu diesem Zwecke verteilen sie sich in angemessene Dimensionen, kriechen sodann unter die Leiche und scharren die Erde unter ihr weg, sodaß sie sich in die hierdurch entstehende Grube hinabsenkt, die nun sorgfältig wieder bedeckt wird. Ist der Leichnam beerdigt, so legt das Weibchen seine Eier an denselben ab, aus welchen sich nach vierzehn Tagen die von dem toten Körper sich ernährenden Larven entwickeln. Ist der Boden zu fest, aber günstigeres Erdreich in nächster Nähe, so kriechen die intelligenten Käfer wohl auch unter den zur Beerdigung bestimmten Körper und transportieren ihn an eine passende Stelle. Ein Naturforscher beobachtete, daß sie eine tote Kröte begruben, die gar nicht auf der Erde lag, sondern am oberen Ende eines Stockes befestigt war. Die Käfer unterwühlten den Stock, bis er zu Boden fiel, und begrüben sodann die Kröte mitsamt dem Stocke, Der Naturforscher Gleditsch brachte vier Totengräber in ein geräumiges, mit Erde gefülltes Glas und legte dann verschiedene Tiere hinein, welche sofort beerdigt wurden. Waren alle Leichname verschwunden, so brachte er neue hinein, und die Käfer waren unermüdlich, sie ermatteten nie; das Resultat war, daß in einem Zwischenräume von fünfzig Tagen diese vier Käfer in dem beschränkten Raume zwölf Leichname begruben, nämlich drei Vögel, zwei Fische, vier Frösche, einen Maulwurf, zwei Heuschrecken, die Eingeweide eines Fisches und zwei Stück von einer Ochsenlunge . Lebten die Vertreter der tierischen Sanitätspolizei aus der Säugetier- und Vogelklasse hauptsächlich in heißen Ländern, so gehören die Aaskäfer, zu welchen der Totengräber zählt, auch in großer Menge der gemäßigten Zone an, von den bekannten 500 Arten sind etwa 200 in kalten und gemäßigten Graden vertreten. In Er- -mangelung von tierischen Stoffen nehmen viele von ihnen auch mit faulenden Pflanzenstoffen vorlieb, sie machen hierdurch den Termiten Konkurrenz, denen im Haushalt der Natur die Aufgabe der Zerstörung verwesender Pflanzenüberreste vorwiegend übertragen worden ist. Die Termiten oder weißen Ameisen sind noch berühmtere Baumeister als unsere Ameisen, manche ihrer hügelsörmigen Bauten aus Thon erreichen eine Höhe von mehreren Metern und einen Umfang von 15 bis 18 Metern. Oft bedecken ihre Bauten in den Tropengegenden mehrere Quadratmeilen. Leider werden die so nützlichen Tiere auch wieder eminent schädlich und lästig, da sie alle möglichen Gebrauchsgegenstände zerfressen. Leder, Fleisch, Holz, Papier, alles dient ihnen zur willkommenen Speise, Bücher, Kleider, Geräte erliegen ihren Angriffen, ganze Häuser fallen ihnen zum Opfer. Und doch — was würde ohne diese fleißigen Geschöpfe aus den ungeheuren Mengen faulender Substanzen, aus dem abgestorbenen Pflanzen- wuchse und. den toten tierischen Stoffen werden. Diese müßten an vielen Orten, wenn sie nicht von jenen Insekten verzehrt und in neue Gebilde des Lebens verwandelt würden, Pest und Tod verursachen, und diese sind doch, wie ein englischer Schriftsteller sehr richtig bemerkt, unangenehmer als Ameisen. Der Mensch ist überhaupt stets ein parteiischer Richter über den Nutzen und Schaden der Tiere, denn er beurteilt sie nur nach ihrer Beziehung zu ihm selbst, dem Herrn der Schöpfung; wer weiß, ob ein objektiverer Beobachter als er in vielen Fällen seine Urteile unterschreiben würde.
Humoristisches.
Ein Schäker. „Sehen Sie dort den einfachen alten Herrn?" — dessen Name schwebt heut auf tausend Lippen." — „Was Sie sagen! Wie heißt denn der?" — „Meier."
Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.


