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schauderte, wenn sie daran dachte, was die arme Agnes an der Seite dieses falschen Mannes zu erwarten hatte.
„Beiläufig, mein Herr, die Dame des Hauses — bin ich," sagte sie hochmütig, „leider wird das vergessen, weil ich jung und schutzlos bin," ein verächtlicher Blick streifte ihn.
Er legte die Hand auf das Herz und erwiderte: „Keinen Augenblick vergaß ich es, mein gnädiges Fräulein, um so unglücklicher bin ich, mir ahnungslos ein so ungünstiges Vorurteil Ihrerseits zugezogen zu haben, ich bin für'jede Aufklärung über meine schwere Schuld von Herzen dankbar, denn diese Rätsel, die mir hier allenthalben entgegen treten, machen mich ganz verwirrt, bitte, so helfen Sie mir doch!"
„Ich fühle mich wahrlich dazu nicht berufen," entgegnete sie spitz, „und möchte Sie dringend bitten, mich hier meiner Arbeit zu überlassen." (Fortsetzung folgt.)
Die Santtätspolizei der Natur.
Zoologische Plauderei von Hermann Greiling.
------- (Nachdruck verboten.)
Veranlassung zu diesem Artikel giebt mir ein kleines Erlebnis des letzten Sommers. Auf einem Spaziergang begriffen, sah ich eine junge Dame, die einen kleinen Knaben von etwa acht Jahren an der Hand führte, plötzlich vor etwas zurückschaudern. Dieses Etwas befand sich am Rande einer schmalen Schlucht, und die junge Dame, offenbar eine Erzieherin oder Kindergärtnerin, rief vor Abscheu aus: „Pfui, der häßliche Anblick — Leo, kommt fort!" Neugierig geworden, blieb ich ebenfalls vor dem so verabscheuten Etwas stehen: es war eine tote Maus, an welcher eine Anzahl Aaskäfer fröhlich schmausend herumkrochen. Der Anblick erschien nun zwar yicht gerade appetitlich, aber ich fand ihn doch im Grunde zu interessant, um ihn direkt zu fliehen. Der Knabe hätte meines Erachtens aus einer Erklärung des harmlosen Vorganges Belehrung schöpfen können, während die hier geübte Art der Behandlung desselben nur Vorurteile in ihm erwecken und befestigen mußte. Denn was sich hier bot, war ein Stück Arbeit der Sanitätspolizei der Natur, eine Arbeit, die genau so wichtig ist, wie die rühmliche Thätigkeit unserer menschlichen Sanitätspolizei, wenn sie sich auch — besonders in unseren Gegenden — der Beobachtung meist entzieht.
Welche Zustände entständen wohl in einer Stadt, wo man alle Abfälle auf den Straßen liegen oder gar die Leichen von Tieren und Menschen unbeerdigt vermodern ließe? Pest und Seuchen würden die Folge sein, ein unerträglicher Geruch würde herrschen, gefährliche Miasmen würden wir auf Schritt und Tritt einatmen. Ganz ähnliche Verhältnisse bestehen in der freien Natur, vor allem in den heißen tropischen Ländern, wo jeder abgestorbene Körper so rasch in Zersetzung übergeht. Was sollte aus all den verendeten Tieren werden, wenn die Natur nicht für eine schnelle Beseitigung der Kadaver Sorge getragen hätte? In der Wüste z. B. finden manchmal ganze Karawanen von Menschen und Kameelen ein entsetzliches Ende — niemand ist da, sie zu beerdigen, zu beseitigen — ihre Verwesungsprodukte würden die Karawanenstraße verpesten, wenn die Natur nicht Mittel und Wege zu ihrer Unschädlichmachung fände. Um die ungeheuren Mengen faulender Substanzen, die sich in manchen.Ländern oder zu Zeiten finden, hat die Natur eine besondere Sanitätspolizei angestellt. Natürlich find es nicht die edelsten Elemente unter den Tieren, welche sich für diesen Zweck gebrauchen lassen, da die betreffende Thätigkeit nicht die sauberste und appetitlichste ist — die Arbeit ist aber darum nicht minder wichtig und nützlich, ja sie ist eine der wertvollsten im Haushalt der Natur, wie ja auch im Haushalte der Menschen die besonders ästhetische Art einer Arbeit nicht immer auch ihren höheren Wert bedingt. So werden wir, wenn wir die Vertreter der Straßenpolizei der Natur betrachten, wenn wir zu ihnen auch keine besondere Zuneigung fassen können, doch gern über
ihrem nützlichen Beruf ihre vielfach abschreckende Gestalt vergessen und ihnen die Achtung und das Interesse, welches sie verdienen, nicht versagen. Das Geschäft bringt es eben mit sich, daß sie nicht in vornehmen Gewändern einherstolzieren können — ein Knecht, welcher Dünger aufladet, kann dabei ja auch keinen Zobelpelz tragen.
Unter den Vierfüßlern, welche sich die Aasaufräumung angelegen sein lassen, treten vor allem die Hyänen und Schakals hervor, doch erblicken wir in ihnen durchaus keine hervorragenden Repräsentanten unserer Sanitätspolizei, da sie den Nutzen, den sie auf diese Weise schaffen, durch ihre unverschämten Räubereien und Spitzbübereien mehr als wett machen. Dagegen haben die Gürteltiere das Aas in ihren Speisezettel ausgenommen, ohne diesen Vorzug durch irgendwelche andere unliebenswürdige Eigenschaften aufzuheben, im Gegenteil, sie fügen ihm noch den weiteren hinzu, daß sie einen vortrefflichen schweinefleischähnlichen Braten gewähren. Dem Europäer schmecken freilich nur ein p.rar Arten, während der Neger allen Gürteltieren leidenschaftlich nachstellt. Es sind harmlose, feige, unterirdisch lebende Tiere mit einem aus Knochenplatten bestehenden Panzer, welche sich außer von Aas auch von Ameisen, Termiten und Pflanzenstoffen nähren. Die Erde ist ihr eigentliches Slement und so träge sie sonst sind, vermögen sie sich doch — gleich unserem Maulwurf — mit erstaunlicher Schnelligkeit darin fortzubewegen. In ein paar ?- inuten gräbt sich ein Gürteltier bis zur Länge seines Körpers in die Erde ein, und dann ist selbst der stärkste Mann nicht mehr imstande, es am Schwänze herauszuziehen, da seine Klauen dann nach unten hin, und die Schuppen nach oben hin unbesiegbaren Widerstand leisten. Die größte Art, das Riesengürtelrier, erreicht die Größe eines Schweines, die kleinste, die Gürtelmaus, wird nur etwa 13 Zentimeter lang. Die interessanten Tiere sind leider infolge der erbitterten Verfolgung seitens der Menschen in starker Abnahme begriffen.
Die eifrigsten und nützlichsten Mitglieder der tierischen Gemndheitspolizei finden wir unter den Vögeln. Es find die Geier, Tagraubvögel von zum Teil außerordentlicher Größe und Stärke. Ihre Lebensweise wie auch ihre widrige Ausdünstung macht sie den Menschen widerwärtig, trotzdem gehörep sie zu den in hohem Gritde nützlichen Vögeln und erfahren in einigen Ländern (wie z. B in Aegypten) sogar gesetzlichen Schutz, da man im tropischen Klima ihre Thätigkeit zu schätzen weiß. In diesem Lande steht schwere Strafe auf der Tötung eines Aasgeiers, in Jamaika hat der Erleger eines schwarzen Hühnergeiers hundert Mark Strafe zu zahlen. Der Inder hält sie sogar als Vertilger seiner Toten für heilige Wesen- eine der bekanntesten Arten, die Schmutz- geicr, finden wir schon auf den altägyptischen Bauwerken abgebildet, man erblickte in ihnen Sinnbilder der Elternliebe. Früher nahm man an, die Geier witterten das Aas auf weite Entfernung. Brehm weist jedoch nach, daß nicht der Geruchssinn, sondern das sckarfe Gesicht diesen Tieren ihre Beute verrät. Sobald sie einen zur Nahrung geeigneten Gegenstand wahrgenommen haben, stürzen sie aus schwindelnder Höhe Pfeilschnell und gierig auf das Aas hernieder, das unter beständigem Kämpfen, Lärmen und Beißen vertilgt wird. Wenige Minuten genügen, um ein kleines Säugetier bis auf den Schädel zu verzehren, auch von einem Rinde oder Kameel bleibt, wie Brehm sagt, nach einer einzigen Mahlzeit wenig übrig. Es giebt ca. ein Viertelhundert Arten- die größten sind der Kondor, der Riesengeier der südamerikanischen Kordilleren, und dec in den europäischen und astatischen Gebirgen heimische Bart- oder Lämmergeier, der eigentlich einer besonderen Raubvogelgruppe zuzuzählen ist und von den echten Geiern zu den Adlern das Uebergangs- glied bildet. Der Kondor mißt in der Länge einen Meter, mit ausgespannten Flügeln in der Breite sogar bis drei Meter, das Weibchen des Lämmergeiers, das größer als das Männchen ist, erreicht dieselbe Flügelspannung, bet noch erheblicherer (über IVa Meter) Länge. Der Kondor erhebt sich bis zur Höhe von 6000 bis 7000 Meter und stürzt sich aus der-


