1899.
Sonntag den 19. Februar
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s ist so still geworden, verrauscht des Lebens Weh'n, ’MÄ Nun hbrt man allerorten der Engel Füße geh'«.
Rings in die Thale senket sich Finsternis mit Macht,
Wirf ab, Herz, was dich kränket und roaS bir bange macht.
Nun steh'n im Himmelskreise die Stern’ in Majestät;
In gleichem, festem Gleise der gold'ne Wagen geht.
Und gleich den Sternen lenket er deinen Weg durch Nacht.
Wirf ab, Herz, was dich kränket, und was dir bange macht.
Kinkel.
(Nachdruck verboten.j
Aus Freiersfüßen.
Von P- Ditfurth.
•*" (Fortsetzung.)
Fräulein Agnes senkte verschämt den Blick, sonst hätte sie bemerkt, wie die Augen ihres Nachbarn keineswegs sie, sondern sein reizendes Gegenüber dabei suchten. Aber Fränzchen stieg Zornesglut in die Wangen, und wahrhaft sprühend vor Empörung erwiderte sie den Blick. Wie konnte der unverschämte Mensch sie dabet ansehen! Wenn sie ihm doch ihre Verachtung hätte zeigen können, aber es war ihr unmöglich, diesen strahlenden, offenen Augen gegenüber ein Wort hervorzubringen, so vermochte sie nur innerlich die ingrimmige Bemerkung zu machen, welch heuchlerischer Charakter das sein müsse. Und jetzt fuhr der Freche unbefangen fort: „Es thut mir sehr leid, Ihren Vater nicht daheim zu treffen, aber ich hoffe, er kehrt heute abend zurück, so lange müssen die Damen schon großmütige Gastfreundschaft üben."
„Dieser Komödiant," knirschte Fränzchen ihrer Nachbarin zu. „Wenn er nun erst morgen früh kommt?" fragte sie dann spitz.
„Dann müßte ich die Reise wiederholen, für mich allerdings kein großes Opfer," sagte er, sie wiederum mit so glänzendem, feurigen Ausdruck seiner Augen ansehend, daß selbst Toni bestürzt schien und nach dem Fräulein blickte, doch dies lispelte nur: „Das wird kaum nötig sein."
Fränzchen aber ließ einen leisen Wehruf hören und lief, das Taschentuch an die Lippen pressend, hinaus,- sie hatte sich mit der Gabel gestochen. Betroffen sahen ihr die anderen nach, und Toni folgte ihr. Aber Fränzchen war
-verschwunden, und das Hausmädchen berichtete: „Das Fräulein habe sich so weh gethan und werde nicht mehr zum Mittagstisch herunter kommen, es müsse sich die Lippe kühlen. Das Mahl verlief ziemlich schweigsam, der Gast war entschieden verstimmt, Fräulein Agnes blickte nur immer scheu schmachtend an ihm herauf, und Toni dachte an Fränzchens wunderliches Wesen.
Als die Tafel aufgehoben wurde, sagte Herr Georg Keller: „Die Damen halten jedenfalls jetzt Mittagsruhe, ich bitte, in keiner Weise sich durch mich stören zu lassen," er verbeugte sich und ging hinaus, von Fräulein Agnes' bekümmerten Blicken gefolgt, die so fest auf ein ungestörtes Beisammensein und die ersehnte Aussprache gehofft hatte.
„Aber um drei Uhr bitte ich zum Kaffee im Gartenzimmer!" rief sie noch nach, dann zog sie sich resigniert zurück.
Pünktlich um drei saß Fräulein Selterlein im Gartenzimmer bei der Kaffeemaschine, aber sie mußte eine ganze Weile warten, ehe Herr Georg Keller erschien. Etwas mißmutig blickte er im Zimmer umher, die alleinige Gesellschaft der seltsamen Dame schien ihn nicht sonderlich zu ergötzen. Voll Grazie versorgte ihn unterdessen Fräulein Agnes mit Kaffee, vergaß sogar eine Zigarre nicht. Dann nahm sie still entschlossen ihm gegenüber Platz: „Es ist nun wohl an der Zeit, Herr Keller, begann sie mit leicht bebender Stimme, „daß wir — daß wir — über die Zukunft sprechen, wie denken Sie sich diese?" sie senkte die Lider vor seinem festen, erstaunten Blick- ach, der Mann war so begehrenswert, ihr Herz hatte er im Sturm genommen, wie schwoll es ihr bei dem Gedanken, an seiner Seite vor die Welt zu treten, und dabei wie kühl, wie unbefangen, wie unnahbar, es war zum verzweifeln!
„Wie ich mir die Zukunft denke, mein Fräulein? Nun, hübsch, sehr hübsch, namentlich seit ich meinen Fuß über diese Schwelle gesetzt," er lächelte dabei bezaubernd liebenswürdig, daß ihr Herz lauter schlug.
„Ich habe nur den einen Wunsch, daß meine Hoffnungen in Bezug auf dieses Haus sich erfüllen."
„Das werden Sie, mein Herr, gewiß!" rief Fräulein Selterlein mit Feuer und rückte ihren Stuhl etwas näher zu ihm.
„Das wäre ein großes Glück," erwiderte er.
//Ja, ja," fiel sie wieder ein, „der Himmel weiß, wie ich alles daran setzen werde, Ihr Glück zu gründen und zu befestigen, es ist so süß, für andere zu leben," schluchzte sie fast vor Bewegung.


